Unsere Tage zu zählen, lehre uns!

Zur Darstellung des Herrn im Tempel

 

Inzwischen bin ich in einem Alter angekommen, an dem ich mich freue, wenn die Frau an der Käsetheke mich fragt: „Was darf’s sein, junger Mann?“ Allerdings ist die Freude eher verhalten, weil gleich der Verdacht aufsteigt, sie will mich veräppeln.

 

Aber warum freut es mich eigentlich, für einen jungen Mann gehalten zu werden? Ich bin ja doch keiner mehr. Es hängt wohl damit zusammen, dass das Alter in unserer Zeit wenig zählt. Waren die Alten in früheren Zeiten diejenigen, die man wegen ihrer reichen Lebenserfahrung geschätzt hat, so sind sie heute die, welche sich in vielen wichtigen Dingen nicht mehr auskennen, weil sich alles so schnell verändert hat.

 

Alle drei Jahre kommen völlig neue Speichermedien für den PC heraus, und innerhalb von drei Jahren kann man plötzlich mit allem Möglichen online gehen vom Handy bis zu Mini-Computern und Terminkalendern, die alle tolle Namen haben, die nicht mehr erklären, was das für Dinger sind und gerne mit „I“ anfangen.

 

Vor sieben Jahren hatten noch wenige ein „I-Pod“, vor 15 Jahren war der Laptop noch überwiegend Geschäftsleuten und Wissenschaftlern vorbehalten, weil 2000 Mark halt schon richtig viel Geld waren, vor 18 Jahren hatte noch kaum jemand ein Handy und vor 28 Jahren waren es wieder nur wenige Spezialisten, die vor ihrem 286-er Computer viel Zeit vor allem mit Warten verbrachten und ihre Daten auf Single-Schallplatten-große Floppy-Discs, speicherten, die sage und schreibe 720 Kb fassen konnten. Tragbare Telefone gab es auch damals schon. Sie hatten ihren Platz im Flur und ein fünf Meter langes Kabel.

Bei diesen Dingen zeigt sich der Unterschied zwischen Jung und Alt so richtig. Junge Menschen wachsen mit ihnen auf, gehen spielerisch und leicht damit um und kennen sich entsprechend aus. Ab einem gewissen Alter – und in dem bin ich längst – macht einen die Geschwindigkeit der Entwicklung schwindelig und – das gilt bestimmt nicht für alle, aber doch für viele ältere Mitbürger – man will’s gar nicht mehr wissen. Also kein Wunder, wenn die Firmen heute vor allem junge Leute suchen und wenn ältere nicht mehr den Respekt genießen wie früher.

Aber eines fällt mir auf: In diesem Bereich bewegen wir uns nur an der Oberfläche. Wie es nicht an der Oberfläche, sondern im Wesentlichen aussieht, das zeigt uns Lukas sehr anschaulich in seiner Erzählung von der Begegnung des Säuglings Jesus und seiner jungen Eltern mit den beiden alten Menschen im Tempel. Denn hier begegnen uns zwei Menschen, die so sind, wie man es für sich selbst im Alter wünschen möchte. Es waren mit Sicherheit viele ältere Menschen damals im Tempel; sie alle haben Jesus gar nicht wahrgenommen. Aber Simeon und Hanna erkennen, was da Besonderes geschieht. Was war bei ihnen anders?

 

Lukas sagt, sie waren Propheten. Sagen wir, sie hatten ein tiefes Gespür für das Wesentliche in ihrem Leben und sie haben nie aufgehört, auch nach vorne zu schauen. Von Simeon heißt es, dass er als junger Mann vom Hl. Geist erfahren hat, dass er vor seinem Tod noch den Messias schauen wird. Ist das nicht großartig, als alter Mann noch darauf vertrauen zu dürfen, dass das Wesentliche im Leben erst noch kommt? Und nun, da er das Heil gesehen hat, kann er loslassen. Da ist kein Bedauern, dass er Jesus nicht mehr aufwachsen sieht, nicht mehr erlebt, wie es weiter geht. Jetzt hat er das Wesentliche gesehen.

Und Hanna? Ihr Leben war nicht einfach gewesen, eine Witwe seit jungen Jahren in der damaligen Zeit. Auch sie erkennt jetzt das Neue, das ihr in Jesus begegnet, und preist Gott. Auch sie hat gesehen, worauf es ankommt.

 

Wenn es gut geht, erkennen Menschen, die alt geworden sind, wenn sie auf ihr Leben zurückschauen, worauf es ankommt. Und das sind bestimmt nicht technische Spielereien. Und es sind auch nicht die Misserfolge im Leben, die einen manchmal noch nach vielen Jahren plagen können. Im 90. Psalm heißt es: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Ein weises Herz – Simeon und Hanna hatten es.

 

Wenn es gut geht und wir erkennen, was auch angesichts der Endlichkeit unseres Lebens Bestand hat, wenn wir erkennen, wo uns in unserem Leben das Heil begegnet ist, dann werden wir nicht mürrisch, sondern weise. Diese Begegnung mit dem Heil kann sehr unterschiedlich aussehen, aber wahrscheinlich immer hat sie mit Liebe zu tun. Und wenn es gut geht, dann bewahren wir uns den Blick für das Neue und die Freude und zählen unsere Tage in dem Bewusstsein, dass das Beste ja noch kommt.

 

Gerhard Ruisch