Alaaf und Halleluja

Die Kölner Tradition der Pfarrsitzungen

 

Unsere Kirche Christi Auferstehung liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur römisch-katholischen St.-Michaels-Kirche. Nach 1945 lag das ganze Veedel (für Nicht-Kölner: Stadtviertel) in Schutt und Asche, auch die alt-katholische Kirche – nur der Pfarrsaal von St. Michael war erstaunlicherweise verschont geblieben: So fand selbstverständlich dort am 17. Februar 1947 der erste Pfarrkarneval im Veedel nach dem verheerenden Weltkrieg statt. Umgeben von zerbombten Häusern sangen rund 100 jecke Menschen voller Inbrunst Willi Ostermanns „Och wat wor dat fröher schön doch in Colonia…“ Und die Feiernden wussten sehr genau, welche Erinnerungen an ihre einstmals stolze Stadt, die jetzt komplett zerstört war, sie damit verbanden. Der Eintritt kostete zwei Briketts, der Elferrat bestand fast ausschließlich aus Frauen, denn viele Männer saßen in Kriegsgefangenschaft oder waren gefallen und außerdem herrschte damals Mangel an schwarzen Anzügen in der Stadt – und der Anzug war nun mal Pflicht für Männer im Elferrat jener Tage…

 

Die Zeiten haben sich geändert, die Pfarrsitzungen sind geblieben. Heute gibt es wohl kaum eine Gemeinde, die etwas auf sich hält und keine eigene Sitzung auf die Beine stellt.

So ist das auch bei uns Alt-Katholiken: Schon Wochen vor dem eigentlichen Sitzungstermin beginnt die Arbeit. Wer dekoriert den Saal? Wer macht die Tischverteilung? Wer sorgt dafür, dass eine namhafte Brauerei mal eben so hundert Liter Kölsch stiftet? Wer stellt das Programm zusammen? Und so weiter und so weiter… Nicht zu vergessen die Frage: Wer kümmert sich um die Erstellung der auszugebenden Orden? Früher waren sie aus Pappe oder Gips und wurden von einem kleinen Team selbst gebastelt, mittlerweile hat auch hier moderne Gusstechnik Einzug gehalten. Selbstverständlich hängt im Gemeindesaal eine große Vitrine, in der sich anhand der verschiedenen Orden die alt-katholische Pfarrsitzung bis zur Erschaffung der Welt nachverfolgen lässt…

 

Und dann ist er da, der Sonntag der Pfarrsitzung. Schon früh morgens werden in der Küche Brote geschmiert, dann geht es (selbstverständlich kostümiert) zur Eucharistiefeier in die Kirche und dann zur Sitzung in den Gemeindesaal im 2. Stock des Kölner Pfarrhauses, der sich dank vieler fleißiger Hände optisch nicht hinter den großen Karnevalssälen der Stadt zu verstecken braucht. Es herrscht drangvolle Enge, denn mehr als 100 Stühle lassen sich nicht stellen, wenn auch noch eine kleine Bühne samt Bütt drinsitzen soll. Und spätestens wenn dann zu Beginn der Sitzung der Spielmannszug des Husarenkorps samt Tanzoffizier und Mariechen aber auch jeden bis dahin freien Stehplatz ausfüllt, entwickelt sich selbst bei „Karnevalsfernstehenden“, die „nur dieses Jahr mal ganz kurz“ vorbei schauen wollten, die erste Gänsehaut.

Von 12.30 Uhr bis 17.30 Uhr jagt ein Auftritt den nächsten, teils Gemeindemitglieder mit ihren eigenen Beiträgen, teils „eingekaufte“ Kräfte, die auch auf den großen Bühnen zu sehen sind. Willibert Pauels, Diakon im Erzbistum Köln, der als „Bergischer Jung“ über 17 Jahre lang die Menschen im kölschen Fasteleer zu Beifallsstürmen hinriss, ist der Meinung, dass auf den Pfarrsitzungen die „authentischste und urigste, die schönste, blütenreichste und bunteste Atmosphäre“ des Karnevals zu finden sei. Da ist was dran. Und das bestätigt hier jemand, dem das Karnevalfeiern als westfälischem Menschen nicht gerade mit in die Wiege gelegt worden ist.

 

Eine Stärke der Pfarrsitzungen ist, dass sie preisgünstig sind. Karneval für kleines Geld und für alle. So können Menschen am klassischen Kölner Sitzungskarneval teilnehmen, denen der Erwerb einer Karte für eine der Sitzungen der großen Gesellschaften unmöglich wäre. Ich finde, es steht unserer Kirche gut zu Gesicht, da mitzumachen. In einer Stadt, in der der Fastelovend als selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens empfunden wird, ist die Pfarrsitzung ureigenste Aufgabe der Kirche: Menschen mit den Höhen und Tiefen ihrer Biografie zu zweckfreier Freude und zum gemeinsamen Feiern zusammen zu führen, das ist sinnvoll.

 

Und dann noch eine kleine „ökumenische Anekdote“ zum Schluss: Unter den mehr als 100 Pfarrsitzungen in der Stadt gibt es gerade mal eine einzige evangelische – und die fällt in diesem Jahr aus. Ottmar Baumberger, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Dellbrück, stellt dazu fest: „Pfarrsitzungen haben bei uns weniger Tradition als in den katholischen Gemeinden. Es gibt immer wieder mal Familiengottesdienste mit Verkleidung. Da entwickelt sich was…“ Aha. Na dann ist es ja gut. Hoffen wir mal, dass diese Entwicklung vor dem jüngsten Tag abgeschlossen ist. Sachlich betrachtet zeigt sich in der Beschreibung von Pfarrer Baumberger, dass der klassische Karneval ein durchaus „katholisches Phänomen“ ist: Überall da, wo die Fastenzeit streng eingehalten wurde, war das Bedürfnis um so größer, davor noch mal so richtig „über die Stränge zu schlagen“…

Bleibt nur noch zu sagen: Kölle Alaaf! Allen Karnevalsmuffeln, die noch nie an einer Pfarrsitzung teilgenommen haben, und allen Unentschlossenen sei jedenfalls die Pfarrsitzung der Kölner alt-katholischen Gemeinde wärmstens empfohlen.

 

In diesem Jahr wird der WDR einen Beitrag über unsere Sitzung für das Regionalfernsehen aufnehmen – passend vor der nächsten Session stellen wir den natürlich gern als „Appetizer“ zur Verfügung… Und so grüße ich alle Leserinnen und Leser mit dem Motto der diesjährigen Session: „Fastelovend em Blot, he un am Zuckerhot!“

Fastelovend zusammen!

 

Jürgen Wenge