Katholisch und politisch! – Oder lieber nicht?

 

Unsere Kirche zeichnet sich bisher dadurch aus, dass sie sich darum bemüht, sich aus der Politik möglichst herauszuhalten. Sie will neutral sein. Ist das die Aufgabe von Kirche? Kann ihr dieses Ziel überhaupt gelingen? Muss Kirche nicht Anwalt für die Bedrängten und in Not Geratenen sein? Kirche soll vor allem für Menschen da sein, die es schwer haben im Leben. Sie muss eine Kirche sein, die den Menschen hilft - diakonisch hilft, aber auch politisch! In der Seelsorge wird auf die einzelne Problematik eingegangen. Dies ist schon eine wichtige und anerkennenswerte Arbeit. Kirche hätte aber die Möglichkeit zu versuchen, strukturell Einfluss zu nehmen, zumindest ihre ethisch begründete Meinung zu sagen. Das ist doch ihre „Kernkompetenz“, die in den Evangelien steht. Dies ist aus meiner Sicht auch unbedingt notwendig. Dann kann Kirche froh und befreit ihre frohe Botschaft verkünden und glaubwürdig Eucharistie feiern. Natürlich ist die Eucharistie ein wichtiger, wenn nicht der zentrale kirchliche Vollzug, ein Wert an sich. Eucharistie für sich alleine reicht aber nicht, um glaubwürdig zu sein. Ich meine, daran leiden wir zur Zeit.

 

Kirche ist politisch, sie kann gar nicht unpolitisch, sie kann gar nicht neutral sein. Kirche muss auf der Seite der Bedrängten stehen. Ein Beispiel ist der Hl. Nikolaus von Myra. Nach der Legende hat er ein Schiff, voll beladen mit Getreide, daran gehindert in See zu stechen. Er hat dafür gesorgt, dass ein Teil des Getreides den Hungernden seiner Stadt zugutekommt. Vermutlich hat er damaliges Recht verletzt. Wer von uns möchte auf den Hl. Nikolaus verzichten? Er ist ein Vorbild für alle Menschen und besonders für uns Christen. Er ist ein Markenzeichen, an dem man Christen erkennt. Es ist eine Verpflichtung, nicht nur in nostalgischen winterlichen heimeligen Feierlichkeiten an ihn zu denken. Sein Handeln ist uns Vorbild!

 

Heute wäre doch beispielsweise darüber zu reden, ob nicht die jetzige Sparpolitik, die ausschließlich den Banken dient und die Armen noch ärmer macht, zu kritisieren ist. Susan George, Mitbegründerin von Attac, sagt dazu: „Dies ist ein System, das Unschuldige bestraft und die Schuldigen freispricht“. Ökonomie braucht Regeln, die ethischen Grundsätzen entsprechen. Wer ist in der Lage, ethische Grundsätze zu formulieren? Das beanspruchen doch die Kirchen für sich. Eine höchst politische Aufgabe, wie ich meine.

 

Müssen wir nicht darauf zurückkommen, was Jesus gewollt hatte? Befreiung den Armen, den Belasteten, den Entrechteten und den Hilflosen bringen! Keinesfalls „Befreie dich selbst!“, also die Verantwortung wieder zurückgeben an die Armen.

 

Ein Axiom der Kommunikation lautet: „Du kannst nicht nicht kommunizieren.“ Dies gilt auch für die Politik: „Du kannst nicht nicht politisch sein.“ Jedes Tun, und sei es noch so privat, noch so trivial, ist in der Konsequenz auch immer politisch! Auch nichts tun ist eine politische Aktion.

           

Ich persönlich wünsche mir eine Kirche, die unerschrocken ihre Meinung vertritt. Die Kirche muss den Pflegenotstand, die soziale Kälte, die Verteilung des Kapitals und dergleichen mehr laut und bei den richtigen Stellen ansprechen. Kirche muss auch Meinung bilden, zunächst für sich selber und dann für die Gesellschaft. Christliche Werte müssen nicht nur intern, sondern auch sichtbar vertreten werden. Wir brauchen den Mut zu klaren Worten. Schließlich geht es auch darum, die Sprache gut zu nützen und mitzubestimmen, was mit welchen Worten denn auch richtig gesagt ist. Beispiel: Im Allgemeinen redet man vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber. Jedes Kind weiß, was damit gemeint ist: Der Arbeitnehmer ist derjenige, der die Arbeitsleistung jemanden gibt, und der Arbeitgeber ist derjenige, der die Arbeitsleistung eines anderen annimmt. Es lohnt, ernsthaft zu fragen, warum die Formulierungen so sind. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob diese Formulierungen umzukehren und zu berichtigen sind! Denn die Sprache bestimmt, wie man über etwas denkt.

 

Die Frage ist, wie kann man erreichen, dass die alt-katholische Kirche politische Aussagen macht. Wer ist da verantwortlich? Wer entscheidet dies? Denkbar wäre, eine Dozentenstelle einzurichten mit dem Inhalt „Politik und Theologie“. Denn die Pfarrerinnen und Pfarrer müssen sich in ihrem Tun auch ihrer politischen Wirkung bewusst sein. Sie wären es vor allem auch, die mit den Ehrenamtlichen eventuell Entscheidungen der Synoden mit zu begründen und zu vertreten hätten.

 

Es ist ein fatales Zeichen an die Gesellschaft, wenn die Kirche die Gesellschaft nicht kritisch begleitet. „Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen“ (Spr 31,8f).

 

Wir dürfen unserem Bischof Herrn Dr. Ring dankbar sein, der diese Frage nun vertiefte und dazu bei einem Studientag zum Jahresbeginn in München referierte. Ich hoffe, dieser Studientag war erfolgreich und weitere Veranstaltungen dazu werden organisiert. Der Einstieg ist gemacht, super!

 

Eduard Adam, Coburg