Zwang beschneiden!

 

Die Heftigkeit, mit der in den vergangenen Monaten die Debatte um die Beschneidung von Jungen im jüdischen und islamischen Bereich geführt wurde, richtet den Blick auf die Wirkkraft religiöser Symbole. Inhaltlich teile ich die Einschätzung des Bundespräsidenten, in diese Auseinandersetzung habe „sich echte, aufgeklärte Sorge um Kindeswohl und körperliche Unversehrtheit bei einigen gelegentlich mit einem Vulgär-Rationalismus gemischt, in dem auch antisemitische und antimuslimische Einstellungen sichtbar wurden.“

 

Aus den großen kriegerischen Konflikten unserer Zeit lernen wir, dass selbst unaufgebbare Werte wie die Menschenrechte oder Demokratie in Afghanistan und anderswo nicht mit Macht erzwungen werden können. Dieser - natürlich unangemessene - Vergleich verdeutlicht zumindest, dass es in ethischen Fragen nie Eindeutigkeit geben kann, denn immer aufs Neue wird sich die Frage stellen, ob die internationale Gemeinschaft bei schlimmem Staatsterror dennoch mit Waffengewalt eingreifen müsse. Bei aller inneren Zerrissenheit in dieser Frage bin ich dankbar, dass sich in Deutschland diesbezüglich eine öffentliche Streitkultur entwickelt hat.

 

Entscheidend ist die ernsthafte Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Faktoren. Bedeutsam scheint mir das Phänomen, dass im Religiösen noch immer konkretistische, ja quasi magische Vorstellungen von der Wirksamkeit eines Rituals bestehen. In der Entwicklungspsychologie wird für das zweite bis dritte Lebensjahr (die Sigmund Freud die „anale Phase“ nennt) die Verinnerlichung von Normen, Werten und Welt-Vorstellungen angesetzt. Diese erste Anlage einer innerseelischen Moralinstanz (das sogenannte „Über-Ich“) ist zunächst noch die Übernahme äußerer, gesellschaftlicher oder elterlicher Vorstellungen. Die Aufgabe des Individuums besteht dann darin, diese inneren Gebote und Verbote zu durchdringen, angemessen zu verändern, Unpassendes abzulegen, eine eigene Verantwortung zu entwickeln. Geschieht dies nicht, bleibt das Kind nur gehorsam und angepasst, es besteht die Gefahr einer Zwangsstruktur. Diese Menschen sind rigoristisch, wirken oft unlebendig und starr, es besteht die Tendenz zu magischem Denken.

Im Bezug auf Religion bedeutet dies, dass Symbole und Vorstellungen stets verändert werden müssen, damit sie nicht absterben. Im frühen Christentum hat Paulus diesen Gedanken ausgebreitet: „Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6). Die Kirche versteht sich als lebendiger Organismus, als „Leib Christi“, darum ist sie stets zu erneuern: Ecclesia semper reformanda. Eugen Drewermann hat 1992 in seinem Referat auf der alt-katholischen Pfarrerkonferenz entsprechend ausgeführt: „Psychoanalytisch gesprochen können wir diesen Wandlungsprozess, diese Aufgabe auch identisch setzen mit der Formulierung, dass wir die Über-Ich geleitete Form der Frömmigkeit auflösen und Religion als Über-Ich-Funktion ersetzen müssen durch ein Verständnis von Religion, das aus der Freiheit des Individuums als Ich-Funktion in Erscheinung tritt.“

 

In unserer Kirche atmet ein erfrischender Geist, es wird über die Liturgie gestritten. Ich erinnere mich an mein Befremden, als vor Jahren ernsthaft gestritten wurde, ob denn zur Eucharistiefeier Traubensaft verwendet werden dürfe anstatt Wein. Symbole und Konventionen sind natürlich nicht willkürlich austauschbar, sie deuten auf eine größere Wirklichkeit hin und schaffen Verbindung. Unsere dialektische Herausforderung besteht darin, sie nie erstarren zu lassen. Ich persönlich sehe etwa im Festhalten unserer Kirche an der apostolischen Sukzession ein sehr tiefes und schönes Symbol. Wenn es aber als Abgrenzungsargument eingesetzt wird, zum Beispiel wenn gesagt wird, dass die von einem evangelischen Geistlichen geleitete Abendmahlsfeier nicht „gültig“ sei, kann ich solche magischen Vorstellungen nicht teilen.

 

Wenn in der Debatte um liturgische Reformen in unserer Kirche zuletzt immer wieder ein „klares Bischofswort“ angeregt wird, zitiere ich gern unseren heutigen Bischof aus einem Beitrag für die Festschrift seines Vor-Vorgängers Sigisbert Kraft: „Vielleicht wäre es auch für die Liturgiereform hilfreich, Liturgien als Welten zu begreifen, in denen sich das Leben feiert. Entscheidend wäre dabei nicht, ob die Liturgie einer äußeren Norm entspricht, sondern ob sie in sich stimmig ist und ob sie den, der mitfeiert, zu mehr Stimmigkeit befreit.“

 

Christian Flügel