Engel und Teufel in der Kirche?

 

Das finden ja vielleicht noch die meisten ganz nett, wenn zwei Engelchen im Gottesdienst am Fastnachtssonntag am Altar stehen. Das ist in einer Barockkirche sowieso kein ungewohnter Anblick. Aber ministrierende Teufel und Piraten? Hexen und Ungeheuer? Habe ich alles schon erlebt! Darf das denn sein? Viele Menschen erfasst zumindest ein gewisses Unbehagen. Schließlich haben wir von klein auf gelernt, dass es in der Kirche ernst und würdig zuzugehen hat, damit der Ehrfurcht vor Gott Genüge getan wird. Deshalb sind auch manche strikt dagegen – die Fastnacht hat für sie in der Kirche nichts verloren, keine Teufel und noch nicht einmal Engel. Und dann gibt es noch die leidenschaftlichen Fastnachter, die sich fragen, warum das, was in der fünften Jahreszeit so zentral ihr Leben bestimmt, in der Kirche tabu sein soll.

 

Wir wissen, die Anteile der jeweiligen Gruppen an den Gemeinden sind je nach Landstrich sehr unterschiedlich groß. Im Rheinland und im Alemannischen ist die Fastnacht so in der Bevölkerung verwurzelt – zumindest in der katholischen -, dass sie sich aus der Kirche kaum heraushalten lässt.

 

Dagegen spielt sie in traditionell evangelischen Gebieten wie in Norddeutschland kaum eine Rolle – und sie dann in die Kirche tragen zu wollen, würde wohl aufgesetzt wirken und auf Widerstand stoßen.

 

Freiburg als katholisch geprägte alemannische Großstadt hat natürlich seine Fasnetstradition; dass die katholischen Pfarreien ihre Pfarrfastnacht machen und dass es Narrenmessen gibt, in denen die Narren im Häs, also verkleidet, kommen dürfen, ist selbstverständlich. Es ist aber auch eine Stadt mit einem hohen Anteil an Zugezogenen. Wir merken es in der Gemeinde: Da melden sich zwar keine ausgesprochenen Fastnachtsgegner zu Wort, aber doch verhältnismäßig viele bleiben der Narrenmesse am Fasnet-sunndig um 10.59 Uhr eben fern. Und manche, die kommen, spüren doch das oben genannte Unbehagen. So kommt es, dass gerade der Gottesdienst am Fastnachtssonntag vom Zelebranten besonders viel Fingerspitzengefühl verlangt. An der Frage, was man bringen kann und was besser nicht, kommt man nicht vorbei. Dass sich darüber streiten ließe, versteht sich von selbst.

 

Der Teufel am Altar macht mir dabei keine Sorgen. Ich bin sicher, zu einem, der gesagt hat „Lasst die Kinder zu mir kommen“, dürfen sie auch kommen, wenn sie in diesen Tagen mit Freude ihre Fastnachtskostüme tragen. Wenn das so nette und harmlose Teufel, Hexen und Ungeheuer sind, erst recht. Ich weiß schon, einer Gemeinde des schwäbischen Pietismus bräuchte ich damit nicht zu kommen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott so beleidigt werden kann.

 

Einen Moment nachdenken musste ich im letzten Jahr, als die Ministrantinnen und Ministranten die Idee hatten, wir könnten doch einmal umgekehrt in die Kirche einziehen: Der Pfarrer voraus, die Minis nach Größe geordnet hinterher, ganz hinten der kleinste. Dann habe ich gerne zugestimmt, denn das ist ja eine der ältesten Ideen, die mit der Fastnacht verbunden sind, dass oben und unten einmal vertauscht werden.

 

Ich denke an den alten, leider längst ausgestorbenen Brauch in Rom, dass an der Fastnacht die Piazza Navona abgedichtet und dann unter Wasser gesetzt wurde. Dann wurden die Prälaten, unter denen das Volk, als es noch den Kirchenstaat gab, manchmal viel zu leiden hatte, gezwungen, in Bötchen zu steigen und sich gegenseitig mit langen Stangen ins Wasser zu stoßen. Was für eine Genugtuung für diejenigen, die sonst immer unten waren! Nun waren die Obrigen einmal dem Spott ausgesetzt. Vor allem aber hat Jesus ja selbst gesagt, wer in der Kirche der Größte sein wolle, solle der Diener aller sein. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen – der Narr Gottes! Da scheint es mir eine sehr gute Idee der Kinder, die strenge Hierarchie in der Liturgie einmal umzudrehen und umgekehrt einzuziehen. So saß ich dann ganz am Rande auf einem zu kleinen Ministrantenhocker, und auf dem großen Priestersessel saß der kleinste Ministrant. Aber keine Sorge, die Leitung des Gottesdienstes habe ich ihm schon nicht überlassen. Nur fand ich es einmal ganz gut, sie vom letzten Platz aus wahrzunehmen.

 

Worauf ich sehr achte, das ist, dass die Eucharistiefeier nicht zum Klamauk verkommt. Um da keine Zweifel aufkommen zu lassen, ziehe ich im Gottesdienst kein anderes „Häs“ an als an jedem anderen Sonntag. Ich trage Albe und Stola; das einzige Zugeständnis an den Fasnetsunndig ist, dass ich die bunteste Stola wähle, die ich habe. Eine Narrenkappe setze ich nicht auf, auch keine Clownnase. Auch die Messtexte sind durchaus aus unserem Altarbuch. Von gereimten Abendmahlsworten halte ich nicht viel. „Danach nahm Jesus auch den Wein und sprach: Mein Blut soll das jetzt sein – Tataa!“ Wenn ich das wo erleben müsste, ich glaube, ich würde die Kirche auf der Stelle verlassen.

 

Aber die Eucharistiefeier ist ein Freudenfest. Sie lässt viel Spielraum für Fröhlichkeit, die das Heilige nicht zum Quatsch macht. Nehmen wir das Evangelium vom Fastnachtssonntag im letzten Jahr (Markus 2,1-12): Der Gelähmte, den die Freunde zu Jesus bringen wollen, kommt nicht durch, so viele Leute stehen vor dem Haus, in dem Jesus sich aufhält. Da bringen ihn die Freunde von hinten an das Haus, steigen aufs Dach, brechen ein Loch in die Decke und lassen ihn von oben herab. In dieser Situation liegt so viel Komik, dass sie sich geradezu für eine Fastnachtspredigt anbietet. Es hat mir viel Spaß gemacht dazu zu reimen:

 

„Was tun wir nur, wie kann’s gelingen,

dass wir zu Jesus doch vordringen?“

„Das wär,“ schreit einer, „doch gelacht,

auf, kommt, wir steigen dort auf’s Dach!

Das ist nicht dick, im Gegenteile,

wir nehmen Hämmer mit und Beile

und flugs ist es schon eingeschlagen,

kommt mit, da gibt’s nicht viel zu wagen!“

 

Derweil macht Jesus drin im Hause

nur ne Minute kurz mal Pause,

versucht zu Atem schnell zu kommen

bei dem großen Ansturm der Frommen.

Da hebt er an sein edles Haupt,

weil er etwas zu hören glaubt.

Ja echt, er hat sich nicht getäuscht,

vom Dach her, da kommt ein Geräusch.

Von oben klopft‘s, schon fällt ein Brocken,

vom Staube bleibt kein Auge trocken,

schon bricht das halbe Dach herunter,

der Hausherr schreit: „S’wird immer bunter!“

Und alle springen schnell zur Seite

und mancher sucht auch gleich das Weite.

Ne Zeit lang man sie husten sieht

bis sich der Staub endlich verzieht.

 

Von oben gucken plötzlich munter

vier-fünf Gesichter auf sie runter.

Und schon der Himmel sich verdunkelt.

„Was wird das?“ rau ein Jünger munkelt.

Und plötzlich kommt herabgeschwoben

Ne Krankenbahr‘ vom Dache oben,

gut festgeknotet an vier Stricken,

darauf ließ sich ein Mann erblicken,

dem ging es schlecht, das konnt‘ man sehen,

von oben rief’s: „Der kann nicht gehen!“

 

Und Jesus ganz beeindruckt spricht:

„An Glauben es euch nicht gebricht!

Drum, Sohn, so glaube meinem Wort:

All deine Sünden sind jetzt fort!“

 

Das ist natürlich nur ein Ausschnitt. Wichtig ist mir dabei immer, dass es, wenn auch gereimt, doch eine richtige Predigt ist, eine Auslegung des Schrifttextes mit einer wirklichen Botschaft.

Und außer der Predigt lassen sich fröhliche Lieder singen, auch mal das ein oder andere, das nicht im Gesangbuch steht – da kommt mir ein Gedanke: Wie wär’s mal mit „Ausgelassen. Gesangbuch des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland für die Fastnacht“? Zu manchen Liedern lässt sich mit den Kindern tanzen, und sicher gibt es in unserem Bistum noch viele andere Ideen für einen frohen, christlichen Gottesdienst, bei denen sich hoffen lässt, dass sie auch Gott eine Freude sind und nicht ein Gräuel.

 

Freilich gehört für mich dazu, dass auch das Ende der Fastnacht genauso eifrig begangen wird: Am Aschermittwoch ist Bußgottesdienst mit dem Auflegen der Asche als Bußzeichen.

 

Es müssen nicht alle Fastnachter werden. So ernst sollte man die Fastnacht nicht nehmen, dass man dafür zu missionieren versucht. Aber die gerne ein paar Tage im Jahr närrisch sind – die dürfen das dann auch in der Kirche.

 

Denn wenn Paulus Recht hat, dann hat Gott sogar eine besondere Vorliebe für die Narren. Er schreibt im 1. Korintherbrief (1,26f.): „Schaut euch selbst an, liebe Brüder und Schwestern! Sind unter euch, die Gott berufen hat, wirklich viele, die man als gebildet und einflussreich bezeichnen könnte oder die aus einer vornehmen Familie stammen? Nein, denn Gott hat sich die aus menschlicher Sicht Törichten ausgesucht, um so die Klugen zu beschämen.“

 

Gerhard Ruisch