Tote Buchstaben

Zwei enttäuschende christliche Briefmarkenmotive

 

Briefmarken sind wohl die kleinsten Wertpapiere, aber sie sind zugleich die kleinsten Informations- und auch Werbeträger für politische, kulturelle und gesellschaftliche Themen, die kleinsten Gedenk„blätter“ für wichtige Jahrestage, Persönlichkeiten und geschichtsträchtige Ereignisse eines Landes. Keine Institution, Organisation, die sich die Chance entgehen ließe, ein bedeutsames Geschehen oder Datum ihrer Geschichte in einer Briefmarke dargestellt zu sehen. Das gilt natürlich auch für die (großen) christlichen Kirchen. Kürzlich sind wieder zwei Briefmarken mit christlichen Motiven erschienen, an deren Gestaltung die Kirchen vermutlich beteiligt waren.

 

Die Sondermarke der Deutschen Post zum 200-jährigen Jubiläum der Deutschen Bibelgesellschaft zeigt eine aufgeschlagene Seite der Lutherbibel in „gotischer“ Frakturschrift, die uns heute doch ziemlich fremd geworden ist. Um die Verse 18-21 aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums entziffern zu können, braucht man allerdings eine Lupe. Ob sich jemand diese Mühe machen wird, um zu lesen, was dort geschrieben steht? Unter anderem sicherlich die von den Schöpfern der Marke mit Bedacht gewählten und für jeden Bibelleser beherzigenswerten Worte „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“. Einen Wiedererkennungseffekt wird das Markenbild wohl nur für Kenner und Leser der Lutherbibel oder anderer alter Schriften bieten. Wird es bei jungen Leuten über den schieren Nutzwert hinaus Interesse an dem unleserlichen Text auslösen?

Hier wurde eine gute Chance vergeben, die Heilige Schrift der Christen „en miniature“ bildhaft ansprechend und einladend zu präsentieren. Es kommt hinzu, dass die Marke mit einem Wert von 85 Cent versehen wurde, also nur für Büchersendungen bestimmt ist und auch das nur noch bis Ende dieses Jahres. Oder sollte das für das Buch der Bücher beabsichtigt gewesen sein? Es werden jedenfalls eher wenige Absender zu der Marke greifen.

 

Auch das welt- und kirchengeschichtlich so bedeutsame 2. Vatikanische Konzil kann auf der zum 50. Jahrestag seiner Eröffnung herausgegebenen Sondermarke nur buchstabiert werden: in Kreuzesform sind die Titel der vier wichtigsten Konzilstexte wiedergegeben, leserlich zwar, aber in lateinischer Sprache. Wer kann auf Anhieb „Gaudium et Spes“ übersetzen, „Lumen Gentium“ oder „Dei Verbum“? Wer will das überhaupt? War die Marke womöglich nur für praktizierende Katholiken oder Lateinliebhaber unter den Postkunden bestimmt? Anders als der „evangelischen“ Marke fehlt der katholischen sogar noch jeder bildhafte Anziehungspunkt, wenn man nicht die kreuzförmige Anordnung der Texte als solchen sehen will. Kalte Buchstaben auf weißem, leeren Hintergrund. Hätte man doch wenigstens die großartigen Einleitungsworte von „Gaudium et Spes“ auf der Marke in Deutsch abgedruckt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi!“ Es hätte einigen hunderttausend Menschen, die diese Marke aufkleben, oder auch den Empfängern zu denken geben können, vielleicht einen neuen Blickwinkel auf Kirche eröffnet. Übrigens, der Wert der Briefmarke (45 Cent) beschränkt ihre Verwendung auf Postkarten, auch sie ist also nicht „briefwürdig“.

 

Schon wahr, das Christentum ist eine Buch- und Schriftreligion, ihre Inhalte, ihre Botschaft verbreitet sie über Worte, maßgeblich über geschriebene. Für die kirchliche Selbstdarstellung sind solche aber eher unanschaulich, abstrakt, unattraktiv, zumal in Zeiten der fantasievollsten Werbebotschaften. Man hätte den Gestaltern der beiden Briefmarken gewünscht, sie hätten bei ihren Entwürfen Kapitel 3, Vers 6 im 2. Korintherbrief beherzigt: „Der Buchstabe tötet, der Geist ist’s, der lebendig macht“.

Veit Schäfer