Von Gott sprechen

 

Das Sprechen von Gott ist in eine Krise geraten. Das spüre ich immer wieder, wenn ich anderen Menschen zu erklären versuche, worüber ich als Theologe eigentlich nachdenke, rede und schreibe. Oft finde ich es schwer, mich verständlich zu machen. Ich erlebe das auch in meinem persönlichen Umfeld: Was man von Theologinnen und Kirchenleuten zu hören bekommt, wird schlicht für merkwürdig befunden. Man lehnt es nicht eigentlich ab, aber es sagt einem auch nicht viel. Mit dem alltäglichen Leben und Handeln hat es kaum etwas zu tun.

 

Letzteres beobachte ich allerdings auch an mir. Obwohl ich berufsbedingt wohl häufiger von Gott rede als die meisten Menschen, gibt es ganze Lebensbereiche, die davon abgespalten sind. Ich bin selbst Teil einer Gesellschaft, die mit Gott nicht rechnet. Erstaunlicherweise gilt das sogar für die Lebenswelt eines Theologieprofessors: Anträge schreiben, Artikel verfassen, Konferenzen organisieren, in Gremien diskutieren – selbst an einer theologischen Fakultät scheint der Betrieb auch ohne Gott ganz gut zu funktionieren.

 

In der Wissenschaft bezeichnet man diese Zeiterscheinung als „Säkularität“. Sie hat unterschiedliche Facetten: Im Alltag spielen Glaube und Religion kaum noch eine Rolle. Der Einfluss der Kirchen nimmt ab. Nicht mehr der Glaube ist normal und der Unglaube erklärungsbedürftig, sondern umgekehrt. Welcher Religionsgemeinschaft man angehört und ob überhaupt irgendeiner, wird eine Sache der persönlichen Wahl. Doch ich meine, dass Säkularität noch tiefer reicht. Es ist nicht so, dass der Glaube an Gott bleibt, was er ist, während sich bloß die Umstände verändern. Säkularität betrifft auch den Glauben selbst: Er wird für viele unzugänglich und unverständlich.

 

Was meine ich, wenn ich sage „Ich glaube an Gott“? Viele „säkulare“ Gesprächspartner sind schwer von der Vorstellung abzubringen, ich sei von der Existenz eines übermächtigen Wesens überzeugt, das die Weltgeschicke lenkt und das, obwohl es angeblich gut sein soll, doch allerhand Ungutes geschehen lässt. Ein solcher Gott als kosmisches Leitungszentrum wäre freilich seinerseits ein Teil der Welt; und die Vorstellung, er verursache auch deren Schrecken, hat etwas Monströses.

Aber das ist nicht der Gott meines Glaubens! Mit „Gott“ meine ich vielmehr einen ganz Anderen (oder eine ganz Andere), ein Gegenüber zur Welt. Auf Gott beziehe ich die Gesamtheit meiner Erfahrungen. Alles Gute und Schlechte kann ich vor ihn bringen. Dabei verstehe ich mich als von Gott Angesprochenen und antworte darum mit Preis und Dank, Bitte und auch Klage. Diese Sprechhandlungen wiederum stehen nicht für sich, sondern sind in Verhaltensformen eingebettet, in bestimmte Weisen, auf die Ereignisse des Lebens und die Mitmenschen zu reagieren. Für den Philosophen Ludwig Wittgenstein sind es solche gemeinschaftlichen „Lebensmuster“, die das Sprechen von Gott bedeutsam und verständlich machen.

 

Sollte dieser Gedanke richtig sein, könnte er erklären, warum das Sprechen von Gott so schwierig geworden ist. Denn in einer säkularen Gesellschaft verschwinden genau diese Lebensmuster. Dewi Z. Phillips, ein von Wittgenstein inspirierter Religionsphilosoph, gibt dafür ein eindrucksvolles Beispiel: „Denken Sie an die Weise, auf welche die Toten [von ihrer letzten Wohnung durch den Ort] zu ihren Gräbern geleitet wurden. Menschen gingen mit ihnen bis zum Ende. Sie teilten eine letzte Reise mit ihnen. Obwohl es Fuhrwerke gab, dachte, außer den Gebrechlichen, keiner daran, irgendetwas anderes zu tun als zu gehen. Dann kam das Auto. Zuerst schien alles in Ordnung. Selbst wenn man nicht länger zu Fuß ging, war es eine würdige Prozession, die ihren Weg langsam verfolgte und die kein anderes Fahrzeug kreuzen würde. Als immer mehr Leute sich ein Auto leisten konnten, brauchte man breitere Straßen. Die Verdichtung des Verkehrs und die Gesetze, die sie hervorbrachte, wurden ein Problem für die würdige Prozession der Toten. Die Prozession wurde schneller, und das erhöhte Tempo untergrub die Würdigkeit. Autofahrer hielten es nicht länger für nötig, wegen einer Begräbnisprozession anzuhalten. Langsam, aber sicher untergruben Faktoren, die zunächst wenig mit Religion zu tun zu haben schienen, eine religiöse Reaktionsweise.“ Damit sei die Praxis des „Letzten Geleits“ eigentlich verschwunden.

 

Was hat derlei Anekdotisches mit dem Reden von Gott zu tun? Wenn die hier angedeutete Argumentation zutrifft, hängen Sinn und Verständlichkeit religiösen Redens mit Praktiken zusammen, durch die man sich betend, preisend, klagend zum Ganzen von Welt, Leben und Tod verhält. Phillips‘ Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll, wie beiläufig und zugleich unausweichlich solche Praktiken verschwinden können. Die Gottesrede wird dadurch sozusagen ausgedünnt. Sie verliert jenen Zusammenhang mit Lebensmustern, der ihr nicht nur Farbe und Gewicht, sondern überhaupt einen bestimmten Inhalt gibt. Das Brüchigwerden religiöser Gemeinschafts- und Handlungsformen kommt nicht bloß zufällig mit dem Brüchigwerden religiöser Sprache zusammen. Beides ist ein Vorgang.

 

Wie aber mit dieser Situation umgehen, in der das Reden von Gott zunehmend nichtssagend wird? Wie damit umgehen, wenn ich trotz allem nicht anders kann und will, als immer wieder von Gott zu sprechen? Nun, ich muss mir dann bewusst sein, dass ich vertraute Sprach- und Handlungsformen durchbreche – weil mir eine andere Wirklichkeit ins Wort fällt. Unter Bedingungen der Säkularität muss sich das Reden von Gott als Abweichung vollziehen. Das macht es zweifellos riskant. Es ist ein Risiko, das Ähnlichkeit mit dem der poetischen Rede hat: Wenn eine Dichterin einen neuen sprachlichen Ausdruck kreiert, hängt der Erfolg ihrer Sprechhandlung davon ab, welche Reaktion sie damit hervorruft: Lässt ihre Neuschöpfung, die Unterbrechung des Vertrauten ihre Leser kalt? Oder scheint auf einmal eine Sicht der Welt auf, die sie bislang noch nicht kannten? Fühlen sie sich dazu bewegt, eine neue Wirklichkeit zu entdecken und mit bisher nicht gekannten Mustern auf sie zu reagieren?

 

Ähnlich unvorhersehbar ist heute der Erfolg des Redens von Gott: Es verweist auf Lebensmuster, die nicht einfach vorhanden, sondern oft erst zu entdecken sind. Solch ein Reden von Gott weiß nie im voraus, ob und wie es zum Ziel kommt. Und es hofft auf Hörer, die bereit sind, sich vom noch Unverstandenen zur Entdeckung neuer Bedeutungen und Lebensformen provozieren zu lassen. Aus Sicht des Gläubigen wäre dabei aber, anders als bei der Dichtung, nicht ausschließlich menschliche Kreativität im Spiel. Gott selbst sucht immer neue Wege uns anzureden und zur Antwort herauszufordern.

Andreas Krebs