Eigenlob stinkt

 

Erstmalig bewusst geworden ist mir das Phänomen vor vielen Jahren auf einem Internationalen Alt-Katholikenkongress. Zu Beginn haben die einzelnen Kirchen der Utrechter Union eine Kurzdarstellung ihrer geschichtlichen Entwicklung, aber auch einen Einblick in die gegenwärtige kirchliche Situation gegeben. Diese Präsentationen wurden von den Schwesterkirchen sehr unterschiedlich gehandhabt. Besondere Beachtung haben diejenigen Kirchen erzielt, die damals schon moderne Medien eingesetzt haben und zum Beispiel einen Film über den Alt-Katholizismus in ihrem Bereich vorgeführt haben. Andere haben zwar das klassische Referat gehalten, darin aber doch zumeist die Vorzüge und Erfolge ihrer Kirche zum Besten gebracht. Schwierige Aspekte wie mangelnde Infrastruktur, Überalterung oder Mitgliederschwund kamen ebenso wenig vor wie interne Konflikte oder Spannungen.

 

Ein befreundeter Kongressteilnehmer bemerkte seinerzeit sinngemäß, dass ihn diese „Selbstbeweihräucherung“ geradezu abstoße. Tatsächlich ließen einige Präsentationen unangenehme Assoziationen an plakative Werbung aufkommen. Später haben sich dann einige dieser „Hochglanz“-Darstellungen (zum Beispiel was die Angabe der Mitgliederzahlen anging), auch tatsächlich als „Mogelpackung“ erwiesen. Diesen Begriff prägte unser heutiger Bischof Matthias Ring in einer „Ansichtssache“ zum Thema Selbstdarstellung in Christen heute (Ausgabe Oktober 2003).

 

Im Bezug auf unsere deutsche Kirche habe ich schon auf dem damaligen Kongress das Gegenteil empfunden: zu bescheiden und zurückhaltend, fast so als schäme sich die mitgliederstärkste Kirche der Utrechter Union ihrer Größe. Auch im politischen Kontext herrschte in Deutschland damals solcher Zeitgeist, die Bundesrepublik hielt sich international noch zurück, im Bewusstsein der deutschen Geschichte wurde jeder Eindruck von Überheblichkeit vermieden. Sicherlich war es auch für die deutsche alt-katholische Kirche wenige Jahre nach der großen Krise des alt-katholischen Kirchenbündnisses opportun „leise zu treten“, immerhin hatte unser Vorpreschen bei der Einführung der Frauenordination fast zum Zerbrechen der Union geführt.

Im Spannungsbogen zwischen „selbstherrlich“ gegenüber „bescheiden“ begegnet uns eine Dialektik, die nicht nur innerhalb einer Gemeinschaft (wie der Utrechter Union) besteht, sondern auch in der Seele eines Individuums einen klassischen Komplex bewirken kann. Immer wieder erlebe ich auch in unserer Kirche solch eine seelische Problematik, man könne unangenehm auffallen, sich als arrogant oder überheblich entlarven, wenn wir offensiv unsere Errungenschaften herausstellen (und die Priesterinnenweihe ist bestimmt eine Stärke). Die Angst vor Beschämung ist ein typisches Merkmal für einen Selbstwert-Konflikt.

Natürlich hat die Demut in der kirchlichen Tradition ihre Spuren hinterlassen. „Wer unter Euch der Größte sein will, der sei der Diener aller!“, heißt es etwa bei Matthäus (Mt 23, 11). Gerade wir Alt-Katholiken sind gut beraten, wenn wir nicht durch die Hintertür den Hochmut der Gedemütigten durchscheinen lassen, nach dem Motto: „Weil wir intellektuell den päpstlichen Unfehlbarkeitsanspruch und die unchristliche Machtpraxis der römischen Kirche durchschauen, sind wir im Grunde selbst unfehlbar!“ In der Tiefenpsychologie geht es darum, eine gesunde innere Mitte zu finden. Weder ausschließliche Selbstzurücknahme im Sinne eines „Minderwertigkeitskomplexes“ ist eine erstrebenswerte Lebenshaltung noch eine inhaltslose Selbstverherrlichung. Solch ein Narzissmus als Ich-Vergötterung erklärt dann auch unser Sprachbild von der „Selbstbeweihräucherung“.

 

In der Psychotherapie liegt eine Lösung dieses Seelenkonfliktes darin, einen Zugang zu den realen Werten zu finden. Wenn es gelingt, die eigenen Stärken und Lebensinhalte zu erkennen, dann ist weder die narzisstische Selbst-Überhöhung aus Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit erforderlich noch die ängstliche Zurückhaltung des christlichen „Gutmenschen“, die oft an Verantwortungsverweigerung grenzt. In der deutschen Politik etwa hat zu Beginn dieses Millenniums eine Diskussion eingesetzt, wie Deutschland seinen wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten gerecht werden könne. Sicherlich ist die (Innen-)Politik kein geeignetes Vergleichsbild, denn gerade die Wahlkampf-Darstellungen der Parteien als die jeweils beste politische Kraft verstärken meines Erachtens die Verdrossenheit vieler Wähler.

 

Bezüglich der alt-katholischen Schwierigkeit, zu unseren Schwächen und Stärken zu stehen, führt Matthias Ring in der erwähnten Ansichtssache 2003 aus: „Liegt es vielleicht daran, dass wir uns in unserer Öffentlichkeitsarbeit immer noch – in Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche –  als die bessere katholische Kirche präsentieren?“ Die Bibel selbst spiegelt die skizzierte Dialektik wider. Neben der zitierten „Demuts-Stelle“ unter anderem bei Matthäus kennen wir alle das geflügelte Wort, das in der Luther-Übersetzung lautet: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter“ (Mt 5,15). Dieses Licht meint natürlich keinen Narzissmus, sondern authentische Begabungen und Stärken.

Matthias Ring schrieb seinerzeit, dass es um die Inhalte gehe: „Die beiden großen Kirchen in Deutschland kämen nie auf die Idee, sich in Konkurrenz zueinander in der Öffentlichkeit als die jeweils bessere zu präsentieren.   Wer einer der großen Kirchen beitritt, der sucht Orientierung und Glaubenshilfe ...“. In der Politik orientieren sich viele Wählerinnen und Wähler nicht mehr an den inhaltsleeren Wahlkampfparolen der Parteien, sondern informieren sich inhaltlich (zum Beispiel im Internet bei „Wahl-O-Mat“). Eine alt-katholische Stärke ist unsere Synodalität. Ich persönlich wünsche unserer Kirche Dialektik, keine „glattgebügelte“ Außendarstellung. Stehen wir doch zum innerkirchlichen Pluralismus, dann verlieren wir hoffentlich die Angst davor, etwas könne „peinlich“ sein. Vielleicht lösen wir dann unser kirchliches Selbstwert-Problem als nicht wahrgenommene Kleinstkirche.

 

Christian Flügel