Freiheit und Bindung in der Liturgie

Versuch einer Einordnung

 

Ich glaube nicht, dass schon einmal eine Ansichtssache so viele Leserzuschriften ausgelöst hat wie Stephan Neuhaus-Kiefels „Gott lässt sich nicht mundgerecht servieren“ in der Oktober-Ausgabe von Christen heute. Viele von ihnen ließen erahnen, dass damit ein Thema angesprochen war, das Emotionen wachrief. Wenn es aber emotional wird in der Kirche, dann werden auch leicht Menschen verletzt. Deshalb drängt es mich, etwas zur Einordnung zu sagen.

 

Im letzten Jahr war die ACK Freiburg zu einer evangelischen Freikirche eingeladen in ihre Kirche mit dem Charme und Aussehen einer Kleinstadtfesthalle. Der Pastor und eine kleine Musikgruppe gestalteten das Abendlob. Es gab etliche laute und sentimentale, für meinen Geschmack theologisch wenig anspruchsvolle Lobpreislieder, eine Predigt des Pastors, die die Bibel sehr wörtlich nahm, und dann ein freies Gebet. Ja, das Gebet! Der Pastor stellte sich breitbeinig auf die Bühne, stopfte eine Hand in die Hosentasche seiner Jeans und begleitete seine Worte mit ausladenden Bewegungen seiner anderen. Diese Worte bewegten sich auf der Ebene eines Gesprächs mit dem besten Kumpel.

Das ist das eine Extrem. Ich sage nicht, dass so zu beten und Gottesdienst zu feiern nicht legitim ist. Nicht ganz neidlos habe ich an diesem Abend vernommen, dass am normalen Sonntag zehnmal so viele Leute in den Gottesdienst kommen wie in unserer Gemeinde, vor allem junge Familien. Ich stelle nur fest: Meins ist es nicht. Und mir fällt in der ganzen Alt-katholischen Kirche auch nicht eine Person ein, von der ich vermute, dass das die Weise Gottesdienst zu feiern ist, die sie sich wünscht. Auch für die Briefeschreiber, die sich in der Dezember-Ausgabe von Christen heute für mehr Freiheit in der Liturgie ausgesprochen haben – für sie alle wäre das zu viel der Freiheit, da bin ich sicher.

 

In der Römisch-katholischen Kirche fürchten sich viele Leute und vor allem viele Priester vor der neuen Ausgabe des Messbuches, die angekündigt ist. Die Vorgabe aus Rom verlangt, dass es sich stärker als die derzeit gültige Version von 1970 am lateinischen Missale Romanum orientiert. Befürchtet werden Formulierungen in schwer verständlichen Schachtelsätzen, die noch weiter von der Umgangssprache entfernt sind als jetzt schon üblich; ebenso die Verwendung von erklärungsbedürftigen Ausdrücken wie „Schlachtopfer“ für den Tod Jesu. Natürlich gibt es auch die Katholiken, die genau das bejubeln und sich mehr „Klarheit“ versprechen von dieser größeren Reglementierung und stärkeren Bindung an einen für die ganze Welt verbindlichen Text.

Das ist das andere Extrem. Von diesem sind auch die Menschen, die sich in unserer Kirche mehr Verbindlichkeit und mehr Einheitlichkeit in der Liturgie versprechen, meilenweit entfernt.

 

Ja, die Bedürfnisse in unserer Kirche sind unterschiedlich. Sie haben wohl stark mit der eigenen Biografie zu tun. Menschen, die einen langen Befreiungsweg hinter sich haben, die in anderen Kirchen große Enge erfahren und lange gegen sie angekämpft haben, bis sie sich endlich lossagten und schließlich in unsere Kirche fanden, wo sie sich ein Aufatmen und die Möglichkeit mitzugestalten erhoffen - sie hören die Alarmglocken läuten, wenn jemand zum Beispiel verlangt, der Bischof solle stärker verbindliche Vorgaben machen. Vielleicht haben sie sogar – wie ich – das große Aufbruchsgefühl nach der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils erlebt, als plötzlich so revolutionäre Dinge wie die aufkommenden „Jazzmessen“ möglich waren.

 

Andere dagegen, die eine starke Liebe zur Liturgie entwickelt haben und eine Sehnsucht nach Verlässlichkeit in der liturgischen Feier spüren, können lokale Spezialitäten und Experimente in der Liturgie nicht gut ertragen. Ihr Lebensgefühl ist vielleicht eher der Wunsch nach Vertrautheit und Beständigkeit gerade in der gottesdienstlichen Feier in einer als hektisch und zerrissen empfundenen Welt.

Beiden Seiten ist ihr Bedürfnis sehr wichtig und die Sorge, dieses Wertvolle könne ihnen geschmälert oder gar genommen werden, muss ernst genommen werden.

Es ist mir aber ein Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, dass angesichts der beiden oben skizzierten Extreme beide Pole in unserer Kirche doch ziemlich in der Mitte und durchaus nahe beieinander liegen! Es sollte möglich sein, in einer Gemeinde zu einem liturgischen Stil zu kommen, der beiden Anliegen gerecht wird und es allen möglich macht gemeinsam zu feiern.

 

Verantwortung der Geistlichen

 

Besonders interessiert an liturgischen Fragen sind natürlich die „Liturgen“, die Geistlichen. Es ist zu erwarten, dass sie besonders deutlich spüren, wo sie liturgisch zu Hause sind. Ich hoffe aber auch, dass wir Geistlichen dabei nicht vergessen, dass es nicht zuerst um unsere Vorlieben, sondern um den Dienst an der Gemeinde geht. Es ist keine Frage, ich darf und muss mich nicht verbiegen. Die Gemeinde erlebt auch keine „schöne“ Liturgie, wenn ich mich in ihr nicht wohlfühle. Deshalb wird die Freiburger Gemeinde ein freies Tagesgebet mit der Faust in der Hosentasche von mir nie erleben, aber auch kein lateinisches Hochamt, bei dem sie meine Rückansicht bewundern darf.

Aber was man von Priesterinnen und Priestern, Diakoninnen und Diakonen schon erwarten darf, das ist meines Erachtens, dass sie bemüht sind, ihr Spektrum zu erweitern, und dass sie auch Formen des Feierns pflegen, die sie verantworten können und die ihnen lediglich nicht so gefallen.

Konkret denke ich an zwei jüngere Kollegen, denen ich den Vorschlag gemacht habe, doch einmal ein freies Abendgebet (worunter ich nicht notwendigerweise frei formulierte Gebete verstehe) statt einer klassischen Vesper zu gestalten. Wie aus einem Mund haben sie gerufen: „Das kann ich nicht!“ Ich finde, die Antwort darauf kann nur sein: Das kann man lernen! Ein freies Gebet, eine Früh- oder Spätschicht, eine Jugendandacht, ein Abendgebet bei der Kinderfreizeit, ich finde, das muss zum Repertoire von Geistlichen gehören. Es muss nie ihre Lieblingsform des Gebets werden, aber sie sollten in der Lage und willens sein, auch das zu gestalten, wenn es angebracht ist.

Umgekehrt muss das klassische Stundengebet nicht zum Lieblingsgebet von jemandem werden, der oder die mit Psalmen nicht viel anfangen kann und stattdessen lieber neue geistliche Lieder singt. Und trotzdem sollten Geistliche in unserer Kirche fähig und bereit sein, auch einer Vesper aus dem Gesangbuch vorzustehen, wenn ihre Gemeinde danach verlangt. Auch das lässt sich lernen.

 

Ich bin sicher, dass es uns Geistlichen und den Gemeinden nur gut tun kann, wenn wir unser liturgisches Spektrum erweitern. Und es dient der Einheit der Gemeinde, wenn alle gesehen und in ihren Bedürfnissen geachtet werden. Wenn ich sehe, was für Spagate die großen Kirchen machen müssen, um ihre weit auseinanderdriftenden liturgischen Strömungen noch irgendwie zusammenzuhalten, da erlebe ich unsere kleine Kirche als ausgesprochen homogen. Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir froh miteinander feiern können, ohne große Flügelkämpfe bestehen zu müssen, wenn es uns nur gelingt, stets miteinander im Gespräch zu bleiben. Und auch wenn das Gespräch hier in der Kirchenzeitung teilweise emotional war: Es ist gut, dass wir es geführt haben.

 

Zum Schluss möchte ich noch eine Erfahrung nennen, die vielleicht allen mit dem Bedürfnis nach mehr Verbindlichkeit zu etwas Gelassenheit verhelfen kann: Als ich vor 24 Jahren in diese Kirche kam, fand ich einen eigenartigen Zustand vor, nämlich eine bücherlose Zeit. Das alte Eucharistiebuch von 1959 war praktisch unbrauchbar geworden, ein neues war noch nicht erschienen. Es war eine Zeit der Hefte. Es gab ein großes Heft mit einer Sammlung von Eucharistiegebeten, die im Wesentlichen später ins neue Altarbuch eingegangen sind. Es gab Hefte für Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Sie alle enthielten nur das Notwendigste. In der Eucharistiefeier musste ich alles außer dem Eucharistiegebet selbst formulieren oder zusammensuchen, die Gebete, die Präfationen, einfach alles. Das war ein Zustand, der mehrere Jahre lang anhielt. Ich fand ihn manchmal mühsam, aber ich habe ihn auch genossen nach den Jahren in der römischen Kirche, in denen jedes Wort vorgeschrieben war. Als er dann zu Ende ging, war ich allerdings auch froh, auf Dauer ist das nichts.

Aber weitergeben möchte ich die Erfahrung, dass dieser Zustand, der immerhin etliche Jahre lang andauerte, in dem kaum etwas reglementiert war, unserer Kirche nicht geschadet hat. Es sind keine abstrusen Sonderliturgien entstanden. Ich habe nie von schrecklichen Entgleisungen bei den Formulierungen der Gebete gehört. Als das neue Altarbuch kam, haben es alle problemlos und meist dankbar übernommen. Es gab einen Grundkonsens, der durch diese Zeit hindurchgetragen hat. Ich bin sicher, es gibt ihn immer noch.

 

Gerhard Ruisch