Üben für den Weltuntergang

– oder: Die zweite Erde im Kofferraum

 

Nach meiner Erinnerung war es irgendwann Mitte der 90er Jahre, als in China die Falun-Gong-Sekte den Weltuntergang ausrief und ihre Anhängerinnen und Anhänger scharenweise schon vorher freiwillig in den Tod gingen. Ich erinnere mich vage, dass ich jene Nachricht etwas verständnislos aufnahm, denn ich hatte damals echt andere Sorgen als den Weltuntergang. Auch die Zeugen Jehovas versuchen sich von Zeit zu Zeit vor meiner Haustür als Propheten des Großereignisses, aber ich will’s gar nicht so genau wissen und bin so schäbig, die Tür einfach nicht aufzumachen, sobald zwei adrette, ernste Gestalten mit dem „Wachtturm“ in der Hand vor der Scheibe auftauchen. Wenn irgendwo die Welt untergeht, trifft es sowieso immer die Falschen, oder?

 

Wer jetzt auf das Jahr 2012 gehofft hatte, wurde bitter enttäuscht. New-Age-Jüngerinnen und Jünger hatten sich meditativ auf das Großreinemachen nach dem Maja-Kalender eingestellt, allein, was auf sich warten ließ, war der Weltuntergang. Nur die Ostküste Amerikas und Haiti konnten schon mal üben: Wirbelsturm „Sandy“ setzte mit Wind und Regenmassen alles „Land unter“, und wer nicht in eine moderne Arche Noah (sprich Hotel) in höher gelegenen Regionen evakuiert wurde, konnte sich kaum noch an etwas festhalten.

 

Wie es scheint, versucht sich der liebe Gott (oder Erdenmutter Gaia) immer öfter an einer Grundreinigung, mal wird der Putzeimer über Bangladesch ausgegossen, mal über Japan oder die USA. Ob solcher Sintflut die Bosheit der Menschen zu Grunde liegt, wie es noch biblisch bei 1 Mose 6,5-9 umschrieben wird, oder der von ihnen verursachte Klimawandel, will niemand unterschreiben. Mit Buße hat man es nicht so in modernen Zeiten.

 

Die Zweibeiner suchen vielmehr nach Lösungen, dem bösen Gott ein Schnippchen zu schlagen. Wer nach dem Überleben sinnt, will aber kaum sein Glück wagen durch Streichhölzchen ziehen, nein, wer kann, bietet Bares. Mit „Vitamin B“ wird man doch wohl noch ein Plätzchen im rettenden Bunker der Regierenden ergattern.

 

Doch halt, jetzt taucht ein neuer Stern am Himmel auf, der die Tourismusindustrie gewiss auf Auftrieb durch Fernreisen hoffen lässt: Der Planet „HD 40307g“ wird von den Entdeckern der Universitäten Hertfordshire und Göttingen als „Super-Erde“ bezeichnet, mit angeblich idealen Voraussetzungen für das Entstehen von Leben, mit Tag- und Nachtwechsel und allem Gedöns. Endlich: Immer vermutet, doch von Greenpeace stets verneint – die zweite Erde im Kofferraum (Pardon: Weltraum) existiert!

Zu dumm nur, dass sie garst’ge 42 Lichtjahre entfernt im Sternbild Pictor kreist. Wie soll man da zu Lebzeiten hin kommen und noch mal ganz neu anfangen, wo einen doch heute schon mit zwanzig die Zipperlein plagen? Wer wird heute noch so alt wie Noah (ca. 900 Jahre), der Erbauer der biblischen Arche, jenem Schiff, das eine einzige Familie mit je einem Paar Tiere über die Sintflut hob? Und vor allem: Wer sollen die Auserwählten sein? Eine Antwort darauf haben wie immer nur die Zeugen Jehovas.

 

Alle anderen hier können zur Abwechslung der Frage nachgehen, wie die überlieferten drei Söhne Noahs es wohl allein, ohne Gefährtinnen, zu einer neuen Weltbevölkerung wie unserer gebracht haben sollen. Viel Spaß beim Knobeln wünscht

 

Francine Schwertfeger