„So ist es ja eh viel schöner“

 

Vom ökumenischen Kirchentag in München über ökumenische Gottesdienste in Offenbach bis hin zum Stadtkirchenfest in Berlin – egal wohin das Christenauge blickt: Es herrscht eitel ökumenischer Sonnenschein, denn „es ist ein Modus gefunden, mit dem alle gut leben können“ - so hieß es in München zu Beginn der Feier der „Artoklasia“ (auf deutsch „Brot brechen“, besser bekannt unter dem Titel „orthodoxe Brotvesper“).

 

„Ein Meilenstein auf dem Weg der Ökumene“, meinte auf dem Kirchentag eine Teilnehmerin angesichts der Verheißung, die die Feier versprach: Endlich können wir Christen gemeinsam „richtig“ Gottesdienst feiern. Mein kritisches Ohr wurde aufmerksam – denn bisher dachte ich, dass wir das doch schon lange tun.

Also begann ich mich mit der orthodoxen Brotvesper zu beschäftigen. Rein formell handelt es sich um einen fakultativen Teil einer orthodoxen Vesper oder Vigil (schriftlich überliefert seit dem 12. Jahrhundert), bei dem Brot, manchmal auch Wein und Öl, gesegnet werden und im Anschluss an die Andacht dann zum Essen verteilt werden. Erinnert werden soll dabei an die Speisung der 5000.

 

Mein erster Gedanke war: „Komisch – das kannte ich bisher unter dem Namen „Agape“ – und wirklich neu ist das ja nicht.“ Aber anhand der Kommentare der Mitfeiernden begriff ich langsam, dass mehr in die Feier hinein interpretiert wurde, als sie formell liturgisch war. Als der Ökumenische Rat Berlin-Brandenburg als Abschluss des diesjährigen Stadtkirchenfestes einen ökumenischen Gottesdienst mit Artoklasia feierte, wurde mir schlagartig klar: Für die meisten der hier Mitfeiernden ist das, was wir hier feiern, eine Eucharistiefeier! Das Brot wird auf einem Tisch gesegnet, es wird von den Geistlichen vorne gebrochen und es wird an alle ausgeteilt. „So ist es ja eh viel schöner“, meinte im Anschluss eine der evangelischen Anwesenden.

 

Ich erschrak bis ins Mark. „So ist es ja eh viel schöner“ – das heißt nämlich auf der anderen Seite: Es ist alles gut so, wie es (ökumenisch) läuft. Mehr ist doch gar nicht nötig!

 

 

Was ist geblieben von dem liturgischen Aufbruch in Lima 1984(!)? Dort wurde eine ökumenische Liturgie entwickelt, die es allen Christen ermöglichen sollte gemeinsam Eucharistie zu feiern. Zieht es uns heute als Kirchen wirklich noch danach gemeinsam Eucharistie zu feiern – oder geben wir uns zufrieden mit dem derzeitigen Status quo – den Brotsegensfeiern? Und pathetisch formuliert: Ist unser zentrales Sakrament so unbedeutend, dass wir es mit Ersatzfeiern ökumenisch entwerten, indem wir es gar nicht feiern?

Es ist ein pragmatischer Ansatz, in großer ökumenischer Runde die Artoklasia zu feiern. Ich persönlich wünsche mir, dass wir als Alt-Katholiken dafür aber vermehrt ökumenische Eucharistie feiern und dies auch immer wieder einfordern – nicht weil wir „die bessere Kirche“ sein wollen, sondern um das auch ökumenisch in den Mittelpunkt zu stellen, was uns so viel bedeutet: die Gegenwart Christi in Brot und Wein.

 

Ulf Martin Schmidt