Dr. Ilse Brinkhues geb. Volckmar (1923-2012)

 

Am 16. April 2012 starb Dr. Brinkhues – eine bedeutende Alt-Katholikin, eine engagierte Ökumenikerin, langjährige Vorsitzende des Frauenverbandes, die sich für den Aufbau der alt-katholischen Diakonie und der alt-katholischen Missions- und Entwicklungsprojekte seit den 1960er Jahren unermüdlich einsetzte. Weltgebetstag, Frauenarbeit, Ökumene und Mission waren Themen, die sich seitdem mit ihrem Namen verbanden. Bis zuletzt war sie eine interessierte und interessante Gesprächspartnerin – für ihre Familienmitglieder ebenso wie für viele andere, die ihr begegneten. Egal, ob es um aktuelle Zeitfragen oder um historische Begebenheiten ging, Dr. Ilse Brinkhues hatte eine fundierte Meinung dazu. Ihr Gedächtnis reichte weit über die Kriegszeit zurück und schien unerschöpflich. Für den geschichtlich Interessierten war sie eine unumgängliche und reiche Informationsquelle.

 

Die Doktorarbeit im Gepäck

 

Ilse Volckmar wurde am 19. Mai 1923 in Gelsenkirchen in einem religiös liberalen römisch-katholischen Elternhaus geboren. Ihr Vater war Eisenbahningenieur, ihre Mutter gelernte Modistin. Da sie zwei Klassen übersprungen hatte, machte sie bereits mit 16 Jahren Abitur. Nachdem sie den halbjährigen Reichsarbeitsdienst absolviert hatte, studierte sie ab Herbst 1940 in Bonn Volkswirtschaftslehre und schloss 1943 mit dem Diplom ab. Ein Jahr arbeitete sie in Bonn als Assistentin. Ihre Doktorarbeit, an der sie damals schrieb, begleitete sie  auch in den Luftschutzbunker. Als sie die Arbeit einreichte, wurde diese zunächst nicht angenommen, da die Doktorandin mit ihren gerade einmal 21 Jahren den Professoren zu jung erschien. Sie war in ihrem Gepäck, als Ilse Volckmar sich im Januar 1945 nach Ostdeutschland evakuieren ließ. Nach ihrer Rückkehr nach Bonn arbeitete sie weiter als Assistentin an der Bonner Universität und promovierte am 25. Oktober 1946 zur Dr. rer. pol an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät – „cum laude“, da die von ihr zitierten Bücher und Quellen den Bomben zum Opfer gefallen und nicht mehr beizubringen waren.

Ihren späteren Ehemann Josef Brinkhues (1913-1995) kannte Ilse Volckmar von Kindheit an. Er war der Sohn der älteren Schwester ihrer Mutter. 1936 wurde Josef Brinkhues alt-katholisch. Um 1942 beschlossen die beiden, nach dem Krieg zu heiraten, falls sie ihn überleben sollten. Am 23. August 1946 fand die Ziviltrauung in Bonn und am 29. August die kirchliche Trauung durch Pfr. Josef Lieser in Aachen statt. Er gab dem Brautpaar den Spruch mit: „Glaubt nicht, ihr hättet geheiratet, um glücklich zu werden, sondern um gemeinsam für Gott da zu sein und in der Kirche zu arbeiten.“

 

Pfarrfrau in Heidelberg

 

Mit dem Umzug 1947 nach Heidelberg, wo Josef Brinkhues Pfarrer wurde, veränderte sich einiges in ihrem Leben. Sie wurde Pfarrfrau, Mitarbeiterin ihres Mannes, von der man viel erwartete. Die mannigfaltigen Aufgaben und Tätigkeiten empfand sie als reizvoll. In ihren Erinnerungen beschreibt sie es als beglückende Erfahrung, dass die Gemeinde sie nie im Stich ließ, „angefangen beim wöchentlichen Brot, das man in der schlechten Zeit an jedem Freitag von der Gemeinde geschickt bekam“.

Manche andere Geschichte aus jener Zeit weist aber auch auf den Umbruch der Frauen-Rolle in der Nachkriegszeit hin. So sollte sie ihren gerade erworbenen Doktortitel nicht führen, da ihr Ehemann der Meinung war, dies vergrößere möglicherweise die Distanz zu den Gemeindemitgliedern. Promovierte Frauen waren damals noch ungewohnt.

 

Doch wurde die doktorierte Pfarrfrau bisweilen auch zum Trumpf. Als in Ladenburg jemand von seinem Pfarrer mit Doktortitel erzählte, konterte das alt-katholische Gemeindemitglied: „Das ist noch gar nichts, wir haben sogar eine Pfarrfrau, die einen Doktor hat.“ Als die Pfarrfamilie Heidelberg nach 18 Jahren verließ, bescherte die Pfarrfrau der Gemeinde zum Abschied ein ungewöhnliches Geschenk: eine von ihr verfasste Gemeindegeschichte. Darin und in anderen Schriften wird deutlich, was Ilse Brinkhues bewegte: die Mitverantwortung und tragende Bedeutung der Laien. Sie sind (mit den Amtsträgern) das Volk Gottes.

 

Engagiert in der Frauenarbeit

 

Der Frauenarbeit im alt-katholischen Bistum stand Ilse Brinkhues in den 1950er Jahren eher kritisch gegenüber. Frauen wurden ihrer Meinung nach auf Rollen festgelegt, mit denen sie selbst wenig anzufangen wusste. Als junge Pfarrfrau organisierte Ilse Brinkhues gemeinsam mit ihrem Mann 1958 eine „Pfarrfrauenfreizeit“ auf dem Weißen Stein, bei dem der damlige Bischof Demmel die Pfarrfrauen vor allem an ihre Pflichten erinnerte. 1959 berichtete sie bei einer Hauptversammlung des Frauenverbandes über dieses Freizeitenhaus. Offensichtlich machte sie sich in den Folgejahren einen Namen in Frauenkreisen, denn sechs Jahre später wurde Ilse Brinkhues einstimmig zur Vorsitzenden des Frauenverbandes gewählt.

 

Mit Ilse Brinkhues fand ein Generationswechsel im Vorsitz des Verbandes statt. Sie gehörte zur ersten Generation von Frauen, die – auch eine Folge des Krieges! – eine Berufsausbildung hatten und diesen Beruf (zumindest zeitweise) auch ausübten. Es war das Anliegen der neuen Vorsitzenden, die aktive Laienarbeit wiederzubeleben.

 

Sie erkannte schon bald, dass die Frauenvereine die einzige kontinuierlich funktionierende Laienorganisation im Bistum waren, die obendrein sowohl auf Gemeindeebene wie auch (seit 1912) im Frauenbund vernetzt waren.

Unter ihrer Leitung und in Zusammenarbeit mit aktiven und ideenreichen Vorstandsfrauen wie Katja Nickel und Heidi Herborn entwickelte der Frauenverband in den folgenden Jahrzehnten neue Konzepte; er wollte sich nicht auf das bisher beackerte „reine Frauengebiet“ beschränken. Das Verbandsarchiv in Bonn enthält einige Quellen, aus denen hervorgeht, dass die Rolle der Frauen sich in den 1960er Jahren nicht nur in der deutschen Gesellschaft, sondern auch in der alt-katholischen Kirche stark veränderte. Zwar waren Frauen seit den 1920er Jahren kirchlich stimmberechtigt und gehörten vielerorts den Kirchenvorständen an; doch dauerte es bis Mitte der 1960er Jahre, bis mit Renate Keussen (Karlsruhe) eine Frau erstmals Mitglied der Synodalvertretung wurde. Ilse Brinkhues war die erste Frau, die von der Synode 1963 in eine übergemeindliche Funktion – zur Schöffin, Laienbeisitzerin am kirchlichen Gericht – gewählt wurde. In der Frauenarbeit kamen zur herkömmlichen praktischen Gemeindearbeit und Fürsorgetätigkeit seit Anfang der 1970er Jahre Schulungskurse für Frauen, in denen sie auf leitende Tätigkeiten in der Gemeinde vorbereitet wurden. 1975 wurden die Jahrestagungen des Verbandes eingeführt, der sich 1987 umbenannte in „baf“. Die Verbandsarbeit der 1970er und 1980er Jahre war frauenemanzipatorisch geprägt und auf die Entwicklung des Selbstbewusstseins alt-katholischer Frauen als Laien ausgerichtet. Hinzu kam das Engagement des Bundes für die Frauenordination. 1987, nach 22 Jahren, trat Ilse Brinkhues als Vorsitzende  zurück, blieb jedoch bis 1992 im Vorstand des Bundes.

 

Ökumene, Mission und Entwicklungshilfe

 

In Heidelberg tat sich für Ilse Brinkhues ein wichtiges ökumenisches Tätigkeitsfeld auf: Die im Krieg kaum zerstörte Stadt gehörte damals zur amerikanischen Besatzungszone. Bald nach Kriegsende kam es zu engen Kontakten zwischen Alt-Katholiken und amerikanischen Anglikanern (Episkopalkirche). In einer Privatwohnung feierte Ilse Brinkhues in der Fastenzeit 1951 ihren allerersten Weltgebetstagsgottesdienst. Der alt-katholische Frauenverband, damals unter der Leitung von Ruth Michelis, sah die Beteiligung am Weltgebetstag als wichtigen Beitrag zum ökumenischen Anliegen an.

 

Als 1966 die Anfänge des Deutschen Weltgebetstagskomitees gelegt wurden, war Ilse Brinkhues mit dabei und gehörte von 1972 bis 1991 dem Vorstand dieses Komitees an. Als stellvertretende Vorsitzende nahm sie an der Weltmissionskonferenz in Bangkok (Thailand) teil. Diese Konferenz veränderte ihre Vorstellung von Mission: „Mit althergebrachten Vorstellungen reiste ich hin“, schrieb sie einmal, mit ganz neuen Erkenntnissen kehrte sie zurück. Die alte Vorstellung von Heidenmission ist zerstoben, die neue Entwicklungshilfe ist getragen vom Gedanken der Partnerschaft unter Gleichberechtigten. Der Frauenbund wurde mehr und mehr zum Träger des missionarischen Gedankens im alt-katholischen Bistum. 1986 wurde Ilse Brinkhues offiziell zur Beauftragten für Missions- und Entwicklungsprojekte des deutschen alt-katholischen Bistums ernannt. 1983 war sie Mitbegründerin der Initiative alt-katholische Diakonie und des 1987 begründeten Vereins, dessen Vorstand sie bis 2000 angehörte.

 

Die Weltmissionskonferenz in Bangkok ließ sie auch auf das Problem des Sextourismus treffen, das sie in späteren Jahren mit Hilfe der großen römisch-katholischen und evangelischen Frauenverbände in die bundesrepublikanische Öffentlichkeit brachte. Bei einem Hearing im Bundestag im Jahr 1984 war Ilse Brinkhues mit von der Partie.

Ihr Engagement im Weltgebetstagskomitee brachte Ilse Brinkhues Anfang der 1980er Jahre auf die Philippinen und in Kontakt mit der Philippinisch-Unabhängigen Kirche (PIC), mit der seit 1965 ein Abkommen über volle Sakramentsgemeinschaft besteht. Sie belebte den Kontakt zu dieser Kirche.

 

Seit 1966 lebte Dr. Ilse Brinkhues als Bischofsfrau in Bonn. Josef Brinkhues war im Herbst 1965 zum Bischof gewählt und 1966 zum siebten Bischof des deutschen alt-katholischen Bistums geweiht worden. Sie unterstützte ihren Mann bei seiner Arbeit, schuf sich aber auch eigene Wirkungskreise. Sie war federführend beim Internationalen Alt-Katholiken-Kongress 1970 in Bonn beteiligt und konzipierte gemeinsam mit Prof. Küppers die Ausstellung „Döllinger und die Altkatholische Kirche“. Seit den 1980er Jahren war Dr. Brinkhues Beraterin des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (UNIFEM), von 1992-1999 war sie Vorstandsmitglied. Sie war beteiligt bei der Gründung der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (WCRP).

 

Nach der Emeritierung als Bischof zog das Ehepaar Brinkhues nach Alfter, in ein altes Bauernhaus, in dem auch ihre Tochter mit Familie wohnt. Die Verbindungen in alle Welt blieben auch dort bestehen. Nachdem Dr. Brinkhues in den 1990er Jahren ein paar Jahre lang ziemlich krank war, erholte sie sich wieder. Als Annick Yaiche und ich sie im Jahr 2002 für ein Buch zu ihrem 80. Geburtstag interviewten, erlebten wir eine kraftvolle, geistig außerordentlich rege Frau mit glänzendem Gedächtnis.

Als ihr am 24. November 2003 in Siegburg das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde, beeindruckte sie die Anwesenden mit ihrer aus dem Stegreif gehaltenen Dankesrede. In den letzten Jahren wurde sie in die Kirche gebracht, da ihr das Gehen zunehmend schwer fiel. Ihr Tod am 16. April nach kurzer Krankheit im Reha-Zentrum Zülpich kam für alle unerwartet – auch für sie selbst. Sie hatte tags zuvor noch Pläne für die Feier ihres 89. Geburtstages am 19. Mai geschmiedet. Sie hinterlässt ihre beiden Kinder Cornelia und Olaf (beide in Heidelberg geboren) und vier Enkelkinder.

 

Dr. Ilse Brinkhues war eine Frau, die Verbindungen knüpfte und sie engagiert nutzte: dies zeigen ihre Übersetzungen aus dem Englischen, die sie anfertigte, um zwischen Kulturen zu vermitteln und für Verstehen zu sorgen. Das zeigen auch ihre vielen Kontakte über Kontinente hinweg, bei denen ihr Engagement für die Ökumene und für die alt-katholische Sache sich gegenseitig förderten. Sie hatte nicht nur gute Ideen, sondern sorgte eigenhändig für ihre Ausführung: so erinnere ich mich noch gut an die Päckchen für alt-katholische Menschen in der DDR, die sie mit Studierenden im Döllingerhaus packte. Dr. Ilse Brinkhues war eine engagierte Laiin, die sich für die Rechte der Laien in der alt-katholischen Kirche in Schrift und Tat einsetzte und diese Rechte auch in Anspruch nahm. Nach und nach wuchs ihr Engagement für die Rechte der weiblichen Laien in der Kirche, und schließlich für die Frauen im Amt der Kirche (aus einer anfänglichen Skeptikerin gegenüber der Priesterweihe von Frauen in den 1970er Jahren entwickelte sie sich nach und nach zur Befürworterin).

 

Mit ihr ist eine Frau gestorben, die die Mitverantwortung der Laien erkannt und sich für sie aus vollem Herzen eingesetzt hat. Mit ihr ist eine weitsichtige, weise grande dame des deutschen Alt-Katholizismus gestorben.

Ihre letzte Ruhestätte fand Dr. Ilse Brinkhues auf dem Alten Friedhof in Bonn.

 

Angela Berlis