Technikgläubigkeit

 

Der Mensch, als denkendes und erkennendes Wesen, hat sich technische Kenntnisse immer schon zu Eigen gemacht. Als er erkannte, dass es mit einem Werkzeug einfacher war, das tägliche Leben zu meistern, war der Faustkeil erfunden und schnell im allgemeinen Gebrauch. Einmal gedanklich losgelassen, wurde weiter gedacht, erfunden, ausprobiert und weiterentwickelt. Die allermeisten Erfindungen dienten und dienen den Menschen. Die angewandte Technik soll dem Menschen helfen, ihm oder ihr die Arbeit erleichtern, Zeit einsparen, die man so besser nutzen kann. Noch gut kann ich mich an Erzählungen meiner Oma erinnern, die mir als Kind sehr anschaulich geschildert hat, was es hieß einen Waschtag einzulegen. Dies war wortwörtlich zu nehmen. Wie viel Zeit und vor allem Kraft erforderte es die Wäsche zu waschen! Heute ist dies eine Nebensächlichkeit. Maschine auf, Wäsche rein, Waschmittel dazugeben, Maschine schließen, Programm einstellen und los geht’s. Zeit gewonnen hat man aber nicht, denn in diesem Zeitraum kann ja irgendetwas Anderes erledigt werden. Die Zeit, so scheint es, ist durch die Technik schneller, wenn nicht gar „weniger“ geworden. Dieses Gefühl haben immer mehr Menschen.

Keine Frage, die technische Entwicklung in vielen Jahrhunderten hat den Menschen viele Vorteile gebracht, ihn entlastet, einiges ermöglicht. Erleichterungen in Haushalt, in der Landwirtschaft, bei der Arbeit, im alltäglichen Leben. Erfindungen wie die der Buchdruckkunst und die vieler großer oder kleiner Maschinen haben die Welt nachhaltig verändert.

Jedoch muss gefragt werden, ob wir unseren gesunden Menschenverstand nicht der Technikgläubigkeit opfern. Will sagen, nicht jede Erfindung ist auch eine gute Errungenschaft für die Menschen. Wenn nur daran gedacht wird, was alles an Tötungsmaschinen entwickelt wurde, von Pistolen, Kanonen, Granaten, Flugzeugen mit Bomben, Sprengfallen bis hin zur Perversion von so genannten unbemannten Drohnen, die vom einem PC aus, der in tausend oder zweitausend Kilometern Entfernung steht, Feinde zuverlässig tötet. Die Tötungsfantasien despotischer Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts wie Hitler, Stalin oder Mao wurden umgesetzt von technikbegeisterten Männern, die gar nicht auf die Idee kamen, darüber nachzudenken, was alles geschehen konnte. Und wenn war es oftmals zu spät und die Folgen waren grausam. Hiroshima als Fanal einer Technikgläubigkeit, die wahrlich nicht den Menschen dient, sei hier besonders erwähnt. Leider gibt es Tausende solcher großer oder kleiner Fanale, und viele haben das Gefühl, auch daran kann man sich gewöhnen. Wie oft kann man hören: „Ich kann es nicht mehr sehen und ertragen, also schau ich gar nicht erst mehr hin“.

Das Regiedebüt von Angelina JolieThe Land of Blood and Honey“ weist sehr eindringlich darauf hin, eben nicht wegzuschauen. Dieser Film schildert den Bosnienkrieg aus den 1990er Jahren. Noch nicht so lange her und daher nicht weit weg. Aktuelle Kriege und Gewalttätigkeiten seien hier nicht extra erwähnt, dazu reicht ein Blick in die Tagespresse.

 

Technik statt Menschen

 

Technische Entwicklung soll den Menschen entlasten, wenn diese Entlastung aber zur fast kompletten Verdrängung der Menschen führt, sollte ein jeder einen kurzen Augenblick innehalten. Riesige Montagehallen, in denen zwar tausende Roboter arbeiten, aber kaum noch beschäftigte Männer oder Frauen zu sehen sind, können niemanden wirklich glücklich machen. Vielleicht das kapitalistische System, wen aber sonst? Den preisbewussten Verbraucher? Auch eventuell. Die Frage ist nur, wo bekommt der preisbewusste Verbraucher als Käufer demnächst nur sein Geld her?

Von den Robotern oder denen, die daran verdienen, bestimmt nicht.

Ein Beispiel von Technik, die sehr viele Arbeitsplätze gekostet hat, sind die Geldautomaten. Ja, es gab sie noch, die „gute alte Zeit“, da wurde Bargeld noch von Männern oder Frauen direkt ausgezahlt. Da ich ein Stück weit als ehemaliger Bankangestellter selber betroffen war, kann ich gut beurteilen, wie viele Arbeitsplätze und Kundenkontakte dies tatsächlich gekostet hat. Von den Manipulationsmöglichkeiten an den Automaten brauche ich nicht zu erzählen, dies können alle selber nachlesen oder haben es vielleicht sogar selber erlebt.

Auch sonst ist ja vieles automatisiert. Gekostet hat dies Abertausende Arbeitsplätze und gewonnen haben die Banken und deren Aktionäre. Nur haben sich diese Gewinne auf Kosten der Beschäftigten irgendwie verflüchtigt, denn immer neue und noch bessere Technik kostet und kostet. Und aus Wettbewerbsgründen muss noch mehr Technik und noch mehr Technik eingesetzt werden. Nicht nur im Bankenbereich ist das irgendwie ein Teufelskreis, aus dem die Betriebe nicht mehr herausfinden. Reflexartig stehen dann Arbeitsplätze zur Disposition und werden auch meistens wegrationalisiert. Die Verschmelzung von Dresdner Bank und Commerzbank findet gerade jetzt ihre Fortführung, indem in nächster Zeit Hunderte von Filialen geschlossen und wer weiß wie viele Arbeitsplätze gestrichen werden.

 

Ein Gespräch mit einer Frau, das ich vor kurzer Zeit führte, machte mir noch einmal deutlich, wie schlecht man sich fühlt, wenn jemand eine Technik am eigenen Körper kennen lernt, die angeblich alles kann. Wenn die Gerätemedizin jemanden in den Händen hat.

Die Frau schilderte sehr eindringlich, dass sie zwar dankbar sei, dass ihr geholfen werden konnte, dieses sich ausgeliefert Fühlen, das Gefühl, „irgendwelchen Geräten“ nicht mehr entweichen zu können, war jedoch sehr bedrückend. Sie könne nur hoffen, sagte sie, dass der Arzt oder die Ärztin nicht völlig aus der Behandlung verschwinden würde. Denn irgendwelche Bilder lesen, Ergebnisse interpretieren könne solch ein Apparat doch wohl auch, oder? Nun, die Technik wird wohl die Ärzte nicht verdrängen, aber kann man da ganz sicher sein?

 

Technik immer und überall?

 

Ist eine weitere Technisierung noch aufzuhalten? Die allgemeine Akzeptanz spricht eindeutig dagegen, also heißt es aufzupassen, dass sich der Mensch nicht darin verliert. Wir sollten ein offenes Auge behalten, um zu erkennen, wo Technik nutzt oder wo sie schadet. Vieles wird heute ohne Hilfsmittel gar nicht erst mehr angegangen, obschon es auch ohne technische Hilfe möglich wäre. Sich auf die eigenen Kräfte zu verlassen, es einmal wieder ohne technische Hilfe zu versuchen, vermittelt eventuell ganz neue Erkenntnisse. Technik soll im Alltag helfen, aber nicht vereinnahmen oder gar abhängig machen. Viele Menschen sind ohnehin von dem rasanten Fortschritt der Technik, besonders im Computer- und Internetbereich, schlicht und einfach überfordert. Da ist es leichter, einfach alles zu glauben, was da im Internet steht, gesagt und erklärt wird. „Verstehen tue ich es ohnehin nicht“, denken sich viele und schalten innerlich ab, stellen das Nachdenken ein.

Technik und deren Fortschritt muss nachvollziehbar und logisch bleiben. Technik darf nicht verdammt werden, sie darf aber die Priorität, das menschliche Leben zu erleichtern, nicht aus den Augen verlieren. Und jeder Einzelne von uns muss überlegen, brauche ich dieses technische Hilfsmittel wirklich oder kann ich das Gleiche auch ohne technische Hilfe erreichen? Ein Beispiel wäre: „Brauche ich mein Navigationsgerät wirklich, um mein Ziel zu erreichen, oder reicht auch eine ganz altmodische Straßenkarte“?

Glauben reicht übrigens, wenn ein Mensch an den lebensbejahenden Gott eine „E-Mail“, sprich ein Gebet, sendet, dafür braucht niemand Technik, da reichen Stille, Zeit und eventuell Gemeinschaft. Ein Navigationsgerät ist dabei übrigens nur lästig, denn alle wissen ja, wo sie hin wollen mit ihrem Gebet, oder?

 

Dirk Hemmerich