Nachruf auf Josef König

 

Josef König wurde am 21. Juni 1944 in Velké Mezi geboren, das damals Groß-Meseritsch hieß. Ich lernte Josef König 1998 als Pfarrer von Offenbach kennen. Er betrieb damals ein Reisebüro, das spezielle Abenteuer- und Auslandsreisen vermittelte, die sonst niemand anbot. Ab 1988 besuchte er regelmäßig die Taizégottesdienste unserer Gemeinde, die wöchentlich mittwochabends stattfanden. Er war seinerzeit Pfarrgemeinderatsvorsitzender der römisch-katholischen Gemeinde St. Peter in Offenbach. Anfang der 90er Jahre besuchte er auch immer häufiger unsere Sonntagsgottesdienste, um dann 1994 unserer Kirche beizutreten. Ende 1994 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn zunächst halbseitig lähmte; von der Lähmung erholte er sich relativ schnell. Er war allerdings danach nicht mehr fähig, in seinen Beruf zurückzukehren.

Schon bald zog es ihn in seine angestammte Heimat Tschechien. Dort wohnte er zunächst im Haus von Bischof Dusan Hejbal, bis er sich im Herbst 1995 eine Eigentumswohnung in Prag kaufte. Da er tschechisch, deutsch und englisch fließend sprach und überdies über weitläufige ausländische Kontakte verfügte, wurde er schon bald von der tschechischen Bistumssynode im November 1995 in den Synodalrat gewählt und in der ersten Sitzung zum stellvertretenden Vorsitzenden dieses Gremiums. (Der erste Vorsitzende ist immer, wie in Deutschland, der Bischof.)

Mit Ausnahme der Jahre 2003 bis 2006 hat er diese Stellung innegehabt. Bis 2009 diente er Bischof Dusan Hejbal als Übersetzer bei Bischofskonferenzen. Er war überdies akribisch bemüht, alles, was mit der Geschichte der tschechischen Kirche zusammenhing, zu kopieren und zu archivieren. Texte, die in alter deutscher Schrift geschrieben waren, musste ich ihm übersetzen in lateinische Buchstaben. Immer wieder faxte er mir solche Texte. Ein ganzes Konvolut von weit über 100 Seiten solcher Kopien schickte er seinerzeit an das Archiv des bischöflichen Ordinariats in der Gregor-Mendel-Straße.

Den Alt-Katholiken-Kongress in Prag 2002 hat er weitgehend selbst organisiert, und das perfekt. Organisation war eine seiner Stärken.

Ganz wichtig für die tschechische Kirche waren seine Auslandskontakte. Es war ihm sehr an einer Aussöhnung zwischen Tschechen und Deutschen gelegen. Die Versöhnungsfeiern zwischen alt-katholischen Tschechen, Deutschen und Österreichern waren wesentlich auf seine Initiative zurückzuführen.

Beim Besuch der Pfarrgemeinde Neugablonz in Gablonz (heute Jablonec) am 29. Mai 2011 klagte er über Unwohlsein. Am 31. Mai suchte er das Militärhospital in Prag auf, weil ihm ein Bypass gesetzt werden sollte. Inder darauffolgenden Nacht erlitt er einen schweren Schlaganfall und fiel von da an bis zu seinem Tod ins Koma.

Josef König war ein Mensch, der es verstand, Brücken zu bauen. Sein Sprachtalent, vor allem aber auch sein unbeugsamer Wille zur Versöhnung und sein Gerechtigkeitssinn halfen ihm dabei. Darum haben nicht nur die tschechischen, sondern auch die deutschen Alt-Katholiken allen Grund, seiner in Dankbarkeit zu gedenken.

 

Joachim Vobbe

 

 

Zwei weitere Stimmen zum Tod von Josef König

 

Ich trauere um meinen „Arbeitgeber“

Es müssen Tausende von Mails gewesen sein, die zwischen Josef König und mir, zwischen Prag und Karlsruhe im Lauf der letzten sieben, acht Jahre hin und her gingen. Nicht um persönliche Mitteilungen ging es darin, sondern fast ausschließlich um Dokumente zur wechselvollen, ja dramatischen Geschichte der tschechischen Alt-katholischen Kirche, von den Anfängen auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburger Monarchie bis in die jüngste Vergangenheit der Tschechischen Republik.

 

Josef schickte mir die von ihm aufbereiteten und ins Deutsche übersetzten historischen Dokumente (Briefe, Protokolle und andere Aufzeichnungen) zur Endkorrektur, ehe er daran ging, sie in seinen Dokumentationsbänden zusammenzufassen und zu publizieren. Die korrigierten Texte schickte ich ihm möglichst noch am selben Tag zurück, denn er hatte es stets eilig, seine Dokumentationen voranzubringen, die als Studientexte der Alt-katholischen Kirche erschienen.

 

Persönlich trafen wir uns in dieser Zeit dreimal, auch dabei eigentlich „nur“ zur gemeinsamen Arbeit an schwierigen Texten. Wir begegneten uns dabei und während unserer langen Korrespondenz immer „kollegial“, aber wir wurden keine Freunde. Immer stand die Sache im Vordergrund der Kommunikation, das Persönliche war nicht so wichtig. Dennoch ist Josef König mir ans Herz gewachsen. Ich habe ihn bewundert, wie unermüdlich und mit welchem Spürsinn er aus staatlichen und kirchlichen Quellen immer neue Dokumente zu Tage förderte und systematisch, geradezu akribisch bearbeitete. So zeigte er sich mir als einer, der nicht seinem Hobby frönte, sondern eine selbst gestellte Lebensaufgabe erfüllte, der er sich leidenschaftlich hingab.

Josef König war mir ein Arbeitgeber im Wortsinn. Ich hätte mich gerne noch auf Jahre mit seinen Mails, „seinen“ Dokumenten befasst, die mich oft stundenlang in Anspruch nahmen und mir zugleich tiefe, berührende Einblicke in das Leben, das Schicksal der tschechischen Alt-katholischen Kirche und ihrer Akteure erlaubten – eingespannt und verstrickt in das schwierige Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen. Ich bin dankbar, dass er mich neben anderen in diese seine Initiative einbezog. Ich glaube, er würde zustimmen, wenn ich sage, dass wir eine gute, fruchtbare, ja, eine spannende Zeit miteinander hatten.

 

Veit Schäfer

 

 

Eine Gnade Gottes

Josef König zog in seiner Jugend mit seiner Familie als Spätaussiedler nach Deutschland. Hier machte er seine Ausbildung und lebte lange Zeit, bis er nach sehr schwerer Krankheit arbeitsunfähig und Rentner wurde. Danach – bald nach der Wende – zog er nach Prag, kaufte sich eine Wohnung und erhielt die tschechische Staatsangehörigkeit zurück. Vermutlich ist es diese Vergangenheit, die ihn befähigte, zum einen die deutschstämmige Minderheit zu verstehen (aus der heraus die tschechische Alt-Katholische Kirche gegründet wurde), und zum anderen eine hohe Loyalität zum tschechischen Staat und zur tschechischen Gesellschaft zu haben. An der Kirchengeschichte der früheren deutschen Gemeinden in Nordböhmen war er immer interessiert. Als perfekter Doppelsprachler hatte er auch da nie Probleme.

In der Kirche war Josef König ein Workoholic, immer aktiv, immer am Werkeln. Diese Ära ist nun – leider – zu Ende. Die Arbeit, die Josef König gemacht hat, wird sicherlich in diesem Umfang und in dieser Intensität nicht mehr weitergeführt. Es kehrt wieder „alt-katholische Normalität“ ein.

Man darf aber eines nicht vergessen: Ein Ehrenamtler, der voll für die Kirche arbeitet und dabei so viel bewegt wie Josef König, ist keine Selbstverständlichkeit. Darf keine Selbstverständlichkeit sein. Das ist eine Gnade Gottes. Und die Alt-Katholische Kirche in der Tschechischen Republik wäre heute nicht da, wo sie ist, ohne Josef König.

Der Herr schenke ihm seinen Frieden.

 

Lothar Adam