Heimkehr ins Paradies

 

Meine Großmutter ist eine begnadete Gärtnerin. Im Schutz der alten Mauern, die den Garten umgeben, pflanzt und hegt sie neben Kräutern und Gemüse Hunderte von verschiedenen Rosen, die im Sommer mit Lavendel und Rosmarin um die Wette duften. Als Kind durfte ich meine Sommerferien oft bei meinen Großeltern verbringen. Es sind Erinnerungen an ein Paradies: zwischen den Rosen auf einer Bank in der Sonne sitzen, lesen und mit Oma Blümchenkaffee trinken.

„Das ist ein wahres Paradies!“ ist ein Lob, das auf viele Gärten zutrifft. Und das kommt nicht von ungefähr. Denn Paradies heißt übersetzt nichts anderes als Garten. Ein grünender Garten.

 

In vielen Landstrichen unserer Erde, wo Dürre und große Hitze herrschen, ist das eine Kostbarkeit. Und jahrtausendelang gehörte es zur Würde der Könige, Gärten und Parks anzulegen, in denen Blumen, Kräuter und Pflanzen aller Art in üppiger Vielfalt wachsen und gedeihen konnten. Und in der Bibel ist der König der Welt, Gott selbst, zuallererst Gärtner.

Im Schöpfungsbericht wird uns erzählt, wie Gott in Eden nach Osten hin einen Garten pflanzt und den Menschen hineinsetzt. In diesem extra für ihn gebauten Garten soll der Mensch Gärtner sein, ihn bebauen und bewahren. Er soll darin arbeiten, um zu leben, aber auch um das Leben der ihm anvertrauten Erde zu respektieren und nicht eigenmächtig über sie zu verfügen.

Nur deshalb setzt Gott dem Menschen eine Grenze: „Von allen Bäumen im Garten darfst du essen“, sagt Gott zu Adam und Eva im Paradies, „nur von dem einen Baum nicht; denn sobald du davon isst, musst du sterben.  Das ist mehr als das großväterliche Gebot: „Gemüsebeet betreten verboten!“

 

Der eine Baum, der für das Menschenpaar tabu ist, ist die blühende Erinnerung daran, dass nicht die Menschen, sondern Gott selbst Eigentümer des paradiesischen Gartens ist. Hier gilt nicht der ewige Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden. Gott ist es, der seinen Garten anlegt mit großer Liebe zum einzelnen Geschöpf. Solange die Menschen das respektieren, ist genug Lebensraum und Nahrung für alle da.

 

Wir wissen, was passierte, als die Menschen diese heilsame Grenze überschritten: weil das erste Menschenpaar sich als Eigentümer aufspielte und alles verzehren wollte – selbst die Früchte des verbotenen Baumes –, wurde es aus dem Paradies vertrieben. Seitdem sehnt sich die Menschheit dahin zurück, und auch die ganze Schöpfung, wie schon der Apostel Paulus bemerkte.

 

Die Bilder von Fukushima sind ein aktuelles und katastrophales Beispiel dafür, wie Menschen durch Maßlosigkeit und Gier ihr Paradies zerstören können. Aber auch die gerodeten Urwälder, die vergifteten und verdreckten Ozeane. Die Trauer Gottes über die zerstörerische Kraft dieser Sünde kann man angesichts solcher Katastrophen nachempfinden. Es gibt Gegenden auf unserer Erde, die Jahrzehnte und vielleicht sogar Jahrtausende durch die Schuld der Menschen unbewohnbar sein werden.

 

Wie können wir da denken, dass es je eine Rückkehr ins Paradies geben und die Erde, auf der wir leben, wieder zum Garten Eden wird? Und doch ist genau das unsere Hoffnung als Christen. Die Passionsgeschichte im Johannesevangelium ist deshalb nicht von ungefähr eine Gartengeschichte.

 

Der Evangelist Johannes zeigt Jesus zu Beginn seiner Passion im Garten Gethsemani. In ihm hat er sich mit seinen Freunden immer wieder zurückgezogen, um zu beten, um Ruhe zu finden und Kraft zu schöpfen. Und ausgerechnet dort wird er von Judas verraten und von den Soldaten festgenommen und abgeführt. Hier wiederholt sich der Verrat der Menschen an Gottes Liebe. Durch diesen Verrat wird nun aber der Sohn des lebendigen Gottes selbst zum aus dem Garten Vertriebenen und Abgeführten: Außerhalb des Gartens wird er gekreuzigt.

 

Dann aber wendet sich das Blatt. Johannes erzählt ganz ausführlich, dass an dem Ort, wo Jesus gekreuzigt worden ist, wieder ein Garten ist und in ihm ein neues Grab, in das der Leichnam Jesu gelegt wird. Und eben dort begegnet am ersten Tag der Woche der Auferstandene Maria Magdalena, die ihn zuerst bezeichnenderweise für den Gärtner hält.

 

Wir sind gewohnt, das als Irrtum zu übergehen. Es gibt aber viele Künstler, die das anders sehen und gesehen haben: Mit viel Liebe zum Detail haben sie den Garten ausgemalt, in dem Maria Magdalena dem Auferstandenen begegnet. Er hält nicht nur die Siegesfahne des Todesüberwinders, sondern auch den Spaten in der Hand. Der Auferstandene ist der Gärtner, der aus dem Garten des Todes einen Garten des Lebens macht, wo Gott und Mensch so zusammen sind wie am Anfang. Mit Christus, dem Auferstandenen, hat Gott den Menschen wieder in die Mitte seines Gartens hineingestellt. Zusammen mit der ganzen Schöpfung erwarten wir, dass Gott mit, in und durch seinen Sohn unsere Erde verwandeln wird in seinen blühenden Garten. Das ist unsere ureigenste Berufung: Als Gärtner und Gärtnerinnen die Erde als Gottes Garten bebauen, pflegen und bewahren. - Indem wir kniend, hockend oder bückend der Erde dienen, stehen wir aufrecht vor Gott.

 

Unsere Schrebergärten, Blumenkästen, Gemüsebeete, Vorgärten – sie sind ein kleines Stück Paradies, in das wir hineingestellt sind, um als Gärtnerin oder Gärtner in Gottes Garten die Erde zu pflegen und zu bewahren, damit sie zum üppigen Lebensraum für alle wird. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort, sondern das Leben. In Christus ist Gott der Gärtner, in dessen Händen alles wächst und zu neuem Leben erblüht. Mit dem Auferstandenen sind auch wir wieder eingesetzt in unser Gärtneramt von Anbeginn an.

 

Henriette Crüwell