Himmel, Erde, Luft, Meer

 

Vier Elemente, innig gesellt, bilden das Leben, bauen die Welt:

Neue Sondermarkenserie zu Schlüsselworten unseres Glaubens

 

Hoffentlich kommt niemand von den Leserinnen und Lesern auf den Gedanken, ich wollte aus unserer Kirchenzeitung nach und nach ein Philatelistenblatt machen, wenn ich hier erneut, wie schon im Dezember 2010, auf eine  Sondermarkenserie aufmerksam mache! Es ist aber weder eine versteckte Werbung für die Briefdienste der Deutschen Post AG beabsichtigt noch eine Reverenz an die Briefmarkensammler unter unseren Kirchenmitgliedern. Ich mache auf die vier schönen Marken aufmerksam, weil es mich freut, dass die Post damit erneut Motive verbreitet, die für uns Christen von hohem Symbolwert sind. Alle vier Elemente bilden, um mit Friedrich Schiller zu sprechen (die Überschrift entstammt seinem „Punschlied“), auch das Leben des christlichen Glaubens und geben seiner Welt symbolische Gestalt.

 

Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Elementenlehre nachzuzeichnen, die mindestens ein halbes Jahrtausend vor der Entstehung des Christentums von verschiedenen griechischen Naturphilosophen entwickelt und später von anderen Philosophen wie Platon sozusagen fortgeschrieben wurde. Von Anfang an wurden die vier Elemente als die Grundstoffe der Welt und allen Lebens (lat. Elementum) betrachtet. Für den Philosophen Empedokles (* ca. 480 vor Chr.) waren sie die Wirkkräfte von Göttern, und nach und nach wurden sie mit immer mehr physischen und psychischen Erscheinungen und Wesensarten verbunden, etwa mit Temperaturen ebenso wie mit Temperamenten, mit den vier Himmelsrichtungen ebenso wie mit den vier Erzengeln. Die Astrologie schließlich ordnete jedem der Vier Elemente je drei Tierkreiszeichen zu.

 

Bis ins Mittelalter galt die Vorstellung, dass Welt und Leben aus den Vier Elementen aufgebaut seien. Heute kennen wir sehr viel mehr (chemische) Elemente, aber das hat der „alten Elementenlehre“ nichts von ihrer inspirierenden Kraft genommen. Vielleicht hat das mit der uralten Erfahrung zu tun, dass vieles, was mit unserem natürlichen Leben in der Welt zu tun hat, sehr häufig in einer „Vierheit“ erscheint und dargestellt werden kann?

 

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass eine der wichtigsten Entdeckungen der Molekularbiologie, die Desoxyribonukleinsäure (DNS) als Trägerin der Erbinformation aller Lebewesen, eine aus vier (!) Nukleotiden bestehende Base enthält. Die DNS wurde 1953 erstmals beschrieben. Ebenso zeigen sich grundlegenden physikalischen Eigenschaften der Materie in einer Vierheit: die starke Kernkraft, die schwache Kernkraft, die elektromagnetische Kraft und die Gravitationskraft. Da sind sie wieder, die vier Elemente, wenn auch in anderer Gestalt und im Gewand der Naturwissenschaft.

 

Auch für Christen stellen die Vier Elemente grundlegende Bausteine unseres Glaubens dar. Schon unsere grundlegenden Glaubensurkunden, die Evangelien, erscheinen vierfach. Der biblische Name Gottes besteht aus den vier Buchstaben JHWH, dem so genannten Tetragramm. Den vier Evangelisten  sind schon in der frühen Kirche die symbolischen Attribute der „Vier Wesen“ aus der Vision des Propheten Ezechiel (Ez 1,4-10) zugeschrieben worden. Diese Gestalten haben auch in die Offenbarung des Johannes Eingang gefunden (Offb 4, 7–9). Diese Symbolfiguren der Evangelisten lassen sich ihrerseits ohne Weiteres mit den Vier Elementen verknüpfen. Der Löwe als Symboltier des Evangelisten Markus entspricht dem Element Feuer. Der Stier des Evangelisten Lukas verbindet sich dem Element Erde, der Adler des Evangelisten Johannes natürlich mit der Luft als dem Lebenselement der Vögel. Für das Symbolwesen des Evangelisten Matthäus schließlich, das mit dem „Menschenantlitz“, bleibt das Element Wasser: ein Mensch muss „geboren werden aus Wasser und Geist“ sagt Jesus zu Nikodemus, wenn er in das Reich Gottes kommen will (Joh 3, 5).

 

„Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von Deinem Ruhm…“

 

Ungeachtet dieser symbolischen Verknüpfungen der Vier Elemente hat aber jedes einzelne davon seine je eigene und große Bedeutungsfülle für unseren Glauben, die hier nicht einmal annähernd ausgeschöpft werden kann. Denken wir nur daran, dass Himmel und Erde in den ersten Sätzen der Bibel erscheinen, auch das Wasser ist „am Anfang“ schon da, auch das Licht, denn wie anders als „Feuer“ könnten wir es uns als die „Finsternis erleuchtend“ vorstellen? So wie die Bibel „elementar“ beginnt, so endet sie auch. Einen neuen Himmel und eine neue Erde sieht der Visionär Johannes herabkommen, das Meer allerdings „ist nicht mehr“ und es bedarf auch keiner Himmelsfeuer mehr, um das neue Jerusalem zu erleuchten: Gottes Herrlichkeit selbst erleuchtet sie. Und auch vom Element Luft ist schon im zweiten Satz der Bibel die Rede, wenn auch im Deutschen nicht wortwörtlich.

 

Im Neuen Testaments bilden die Vier Elemente sozusagen die Stichworte für viele Geschehnisse des Lebens Jesu, für seine Taten und Worte, die für uns richtungsweisend sind, um in seinen Spuren zu gehen. Ich muss mich hier auf ganz wenige beschränken; jede Leserin, jeder Leser kann aber selbst Worte und Begebenheiten aus der Bibel aus Kirchenliedern und anderen geistlichen Texten mit den Vier Elementen verknüpfen. So bezeichnet das Element Wasser den Anfang unseres Lebens als Glaubende. „Flüsse lebendigen Wassers“ werden aus denen fließen, die an ihn glauben, sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 7,38). Das Element Feuer erinnert an die verstörenden Worte Jesu, die Lukas zitiert: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu schleudern, und ich wollte, es wäre schon entfacht!“ (Lk 12,49). „Zungen wie von Feuer“ erschienen am Pfingsttag den versammelten Anhängern Jesu und ließen sich auf ihnen nieder, wie es in der Apostelgeschichte (2,1) beschrieben ist.

 

Das Element Erde lässt daran denken, dass Jesus seine Jünger als das „Salz der Erde“ (Mt 5,13) bezeichnet hat. Und dass er uns zu beten lehrte, Gottes Wille möge hier „auf Erden“ auch so geschehen wie im Himmel.

 

In deutschen Bibelübersetzungen findet man das Element Luft indessen nicht. Es kommt in keinem Stichwortverzeichnis der Bibelausgaben in meinem Bücherschrank vor, auch nicht in meiner Konstanzer Konkordanz. Ist der Bibel die Luft ausgegangen? Keineswegs. Es ist nur so, dass das griechische Wort Pneuma (bewegte Luft, Windhauch) mit „Geist“, „heiliger Geist“, „Geistkraft“ in die deutsche Sprache übertragen wird. Wenn man das weiß, wird das Element Luft für die Schriften des Neuen Testaments buchstäblich elementar! Von den vielen Stellen, an denen von der „Luft des Geistes“ die Rede ist, will ich hier nur daran erinnern, dass Johannes der Täufer im Matthäusevangelium mit den Worten zitiert wird, dass er nur mit Wasser taufe, aber der, der nach ihm komme, werde mit „Geist und Feuer“ taufen.

 

Nun lässt sich Luft ja nicht abbilden, man sieht sie nicht. So sagt Jesus in seinem schon zitierten nächtlichen Gespräch mit Nikodemus: „Die Geistkraft weht, wo sie will, du hörst ihre Stimme, aber du weißt nicht, woher sie kommt und wohin sie geht…“ (Joh 3,8). Die Deutsche Post hat diese Schwierigkeit mit der unsichtbaren Luft sehr schön gelöst, indem sie auf der Luft-Marke einen strahlend blauen, heiteren Himmel abbildet! Nun gehört der Himmel zwar nicht zu den Vier Elementen. Aber was soll’s! „Himmel“ ist ja selber ein Hauptwort, ein elementares Wort in der Sprache unseres Glaubens, das auf sehr viele wesentliche Inhalte eben dieses Glaubens hin-deutet. Nur eines dieser Himmelsworte, das mich immer wieder ergreift, möchte ich, in Luthers Übersetzung, zitieren: „Selig, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt 5,3).

 

Briefmarken sind Gebrauchsartikel, wir gebrauchen sie, um die Gebühr für die Beförderung von Briefen zu entrichten. Diesem Zweck dienen auch die vier schönen Sondermarken. Wir können sie aber auch gebrauchen, um Briefe mit elementaren Symbolen unseres Glaubens zu schmücken und vielleicht sogar, um im Brief darauf hinzuweisen und mit der einen oder anderen Glaubenserfahrung, die uns wichtig ist, zu verknüpfen.

 

Veit Schäfer