Macht euch die Erde untertan!?

 

Die Bibel entwirft in ihrem zweiten Schöpfungsbericht (Gen 2,1-24) ein friedliches und anheimelndes Bild vom Leben des ersten Menschen inmitten seiner Welt. Gott formt Adam aus Erde vom Ackerboden, legt für ihn einen fruchtbaren Garten an, der von wasserreichen Flüssen durchzogen wird. Er trägt dem Menschen auf, den Garten zu bebauen und zu pflegen. Dann führt Gott Adam die Tiere zu, dass er ihnen allen einen Namen gebe. Zuletzt erschafft er die Frau, die er dem Mann zur Seite stellt. Beide leben nackt wie die Tiere. Sie schämen sich nicht voreinander, frieren nicht, sie brauchen keine besondere Kleidung als Schutz oder Waffen zur Verteidigung. Sie leben inmitten einer Natur, die ihnen nicht feindlich erscheint, und sie leben Seite an Seite mit den Tieren.

 

Doch der Sündenfall macht der Idylle ein jähes Ende (Gen 3,1-24). Gott vertreibt das erste Menschenpaar aus dem Garten Eden. Die Folgen sind verheerend. Alle Nahrungsbeschaffung außerhalb des Paradieses wird nun zur Qual und Mühsal – ein Leben lang. Die Fortpflanzung verbindet sich mit Schmerzen. Gott weiß um die zukünftigen Gefahren und stattet die Menschen zu ihrem Schutz mit Fellen aus, denn die Einheit mit der Natur ist zerbrochen, und die Gemeinschaft mit den Tieren existiert nicht mehr. Nur in einer Hinsicht ist allem und allen etwas gemeinsam, nämlich der Tod.

 

Die Einheit zerbricht

 

Diese mythologische Erzählung über die Erschaffung des Menschen und seiner Umwelt sowie die Vertreibung aus dem Paradies hat eine Ahnung davon bewahrt, dass es einmal eine Zeit gab, in der das menschliche Wesen eingebunden war in die Natur mit ihren Pflanzen, Bäumen, Landtieren, Fischen und Vögeln und dass irgendwann der Mensch aus dieser Einheit herausgefallen ist und seine Umwelt von nun an als Bedrohung und zugleich als Herausforderung erfuhr.

Die moderne Forschung, die sich mit der Entwicklungsgeschichte des Lebens auf unserem Planeten befasst, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Alles Leben, das es je gab oder das es noch gibt, bildet auf Grund der ungebrochenen Kontinuität infolge der Evolution eine Einheit. Auch das Wesen, das irgendwann einmal als Mensch bezeichnet werden wird, ist über Jahrmillionen ein Teil der sich ständig verändernden Natur: ein Tier unter Tieren, sprachlos, auf allen Vieren kriechend, ausgestattet mit nur spärlichen Mitteln zur Jagd oder zur eigenen Verteidigung. Doch vor ein bis zwei Millionen Jahren trennte sich seine Stammlinie von der seiner nächsten Verwandten, den Affenarten. Bestimmte Besonderheiten wie der aufrechte Gang, die Vergrößerung des Gehirns und später das Sprechorgan (die verschiedenen Vorläufer des modernen Menschen sowie die Neandertaler konnten nur gutturale Laute ausstoßen) verschafften ihm ungeheure Vorteile gegenüber allen anderen Geschöpfen. Die ursprüngliche Einheit, in der alle Wesen die gleichen Chancen hatten und dem gleichen Risiko ausgesetzt waren, fing an zu zerbrechen. Der Mensch lebte zwar noch in und mit seiner natürlichen Umwelt, aber er begann, auf Grund seines Verstandes, seiner Kommunikationsfähigkeit und mit immer besseren Werkzeugen ausgerüstet, die Natur zu seinem Nutzen und zu seinen Gunsten zu gestalten. Er stand ihr nun selbstständig gegenüber.

 

Natürlich wird es noch lange dauern, bis der Mensch sich seiner einzigartigen Stellung bewusst wird. Und selbst in geschichtlicher Zeit ist immerhin noch ein Gefühl dafür vorhanden, dass der Mensch etwas mit dem Tierreich zu tun hat. Die Verehrung von Tiergottheiten im alten Ägypten oder die figürlichen Darstellungen der Sphinxe, die zugleich Mensch und Tier sind, zeugen davon, dass die Ägypter an eine Ureinheit von natürlichem und menschlichem Bereich glaubten.

 

Eroberung und Unterwerfung

 

Ein völlig anderes Bild ergibt sich aus dem ersten Schöpfungsbericht der Bibel (Gen 1,1-2,4a). Danach erschafft Gott als letztes Geschöpf die Menschen und übergibt ihnen die Erde mit dem Auftrag „Macht sie euch untertan!“. Die Fische, die Vögel und die Tiere aber überantwortet er ihnen mit dem Befehl „Herrscht über sie!“ (Gen 1,28).

 

Wir sind zu sehr mit diesen Aussagen vertraut, die die biblischen Erzähler Gott in den Mund gelegt haben, um ihre Brisanz wahrzunehmen. Denn hier spricht ein orientalischer Herrscher die Sprache der Eroberung von Ländern und der Unterwerfung seiner Feinde. Das hebräische Wort für „herrschen“ bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „treten, niedertreten“ und wird im Zusammenhang mit den Siegeszeremonien verwendet, wie man sie auf zahlreichen antiken Reliefs an Tempel- und Palastwänden noch heute sehen kann: der besiegte König kniet vor seinem Bezwinger, der ihm seinen Fuß auf den Kopf stellt. Auffällig ist allerdings, dass trotz der Anklänge an Eroberung und Unterwerfung in der biblischen Erzählung von einer Tötungserlaubnis der Tiere nicht die Rede ist. Allein Pflanzen und Bäume dienen der menschlichen Nahrung. Doch selbst wenn hier nur die Terminologie aus dem militärischen Bereich verwendet wird ohne weitere sachliche Konsequenzen, so ist dieser Teil der Schöpfungsgeschichte dennoch entlarvend. Er manifestiert den ungeheuren Anspruch des Menschen, über der Natur zu stehen und jederzeit in sie eingreifen zu können. Der Mensch ist nicht mehr Teil der Natur; die Natur gehört nun dem Menschen.

 

Die Vorstellung von der Herrschaftsstellung des Menschen hat einen nachhaltigen Einfluss auf das von der jüdisch-christlichen Kultur geprägte Abendland ausgeübt. In Europa und in der Folge in Amerika sind die größten Erfindungen entstanden, die spektakulärsten Entdeckungen gemacht worden, haben sich Technik und Industrie am rasantesten entwickelt. Der abendländische Mensch war der faustische Typ, der mit einem Wissens- und Forschungsdrang ohnegleichen ferne Länder und Kontinente eroberte und die Gesetze der Natur aufdeckte. Denn er war ja mit dem Auftrag ausgestattet, sich die Erde untertan zu machen. Doch wie ein Bergsteiger, der trotz Unwetterwarnung einfach weiterklettert, verlor der Mensch oft die Grenzen aus den Augen und ließ es am nötigen Respekt vor der Würde gegenüber anderen Menschen und vor allem den Tieren fehlen.

 

So erklärten die Konquistadoren die eroberten Länder kurzerhand für ihre eigenen, zwangen den Ureinwohnern ihre Religion und Kultur auf und schleppten Seuchen und Krankheiten in die fremden Länder. Die Einwanderer Nordamerikas zerstörten in kürzester Zeit die ursprüngliche Landschaft samt ihrer Tierwelt und vernichteten mit Hilfe ihrer Waffen den größten Teil der indianischen Bevölkerung. Die Natur mit ihrem ungeheuren Reservoir an Pflanzen und Bäumen, mit ihrer Vielfalt an Tieren wurde dem Menschen zur Vorratskammer, in die man gedankenlos und unbegrenzt eingreifen, die man nach Belieben auspressen konnte. Die Theologen und Philosophen lieferten den ideologischen Unterbau, indem sie den Tieren eine Seele und jegliches Empfinden absprachen oder den Abstand zwischen menschlichem und natürlichem Bereich durch die Überbetonung der Vernunft und des Verstandes ins Unendliche vergrößerten. Aber nicht einmal jeder Mensch hatte das Glück, als ein vernünftiges Wesen betrachtet zu werden. Schwarz- oder rothäutigen Menschen fehlte nach Meinung des weißen Mannes das Vernunftorgan, deshalb stellte er sie auf eine Stufe mit den Tieren, die man nun ohne besondere Gewissensnöte umbringen konnte.

 

Wiedergewinnung der Bundesgemeinschaft

 

Die Ausbeutung der Natur und die Missachtung anderer Menschen wie auch der Tiere gehen heute unverfroren weiter, obwohl jeder weiß, dass wir uns wie der Bergsteiger in tödliche Gefahr begeben. Wir spüren bereits die Folgen der von Menschen verursachten Klimaveränderung in Form ungewöhnlich häufiger Tornados, massiver Überschwemmungen, jahrelanger Dürre zum Beispiel in Ostafrika; wir spüren die Folgen der unmenschlichen Massentierhaltungen oder des chemischen Einsatzes in der Landwirtschaft in Form von plötzlich auftretenden Krankheitserregern, die unsere Nahrung vergiften; wir müssen bereits jetzt erleben, dass manches, was technisch möglich ist, uns selbst im höchsten Maße gefährdet: die Gewinnung der Energie aus der Atomkraft und nicht zuletzt die atomaren Waffen selbst richten sich schließlich gegen die Menschheit. Können wir so weitermachen wie bisher? Dürfen wir uns wie die Herrscher über die Natur verhalten?

Nach der großen Sintflut schloss Gott einen Bund mit Noach und seinen Söhnen. Es ist nun außerordentlich bemerkenswert, wen Gott in diesen Bund einschloss – nicht nur die Menschen: „Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind“ (Gen 9,9-10). Die Aussagen der Bibel über die Natur, den Menschen und die Tiere erscheinen und sind auch durchaus widersprüchlich. Im ersten Schöpfungsbericht spiegelt sich der Anspruch beziehungsweise die Anmaßung des Menschen wider, die Natur zu unterwerfen und über sie zu herrschen, in der Noacherzählung dagegen werden Mensch und Tier von Gott in einer Bundesgemeinschaft vereinigt. Über fast drei Jahrtausende war das Abendland von der Vorstellung der überragenden Stellung des Menschen gegenüber der Natur mit allen seinen Folgen geprägt. Heute ist ein Paradigmenwechsel erforderlich, der das Vergessene, nämlich die ursprüngliche Einheit des Menschen mit der Natur und die Bundesgemeinschaft mit den Tieren, zur Antriebsfeder unseres Denkens und Handelns werden lässt.

 

Hans-Jürgen van der Minde