Schöpfung und Apokalypse-Blindheit

 

Was Schöpfung ist, wer verantwortlich ist, Gott, Evolution, beide, wird wohl auch in Zukunft Gegenstand menschlicher Kontroversen bleiben. Doch dass diese Schöpfung irgendwie bedroht ist, würden alle Religionen, Kulturen und Völker unterschreiben. Die Nachrichten sind voll davon: Klimawandel durch Überkonsum und Überbevölkerung, dabei eine Milliarde Hungernde, Kriege, nicht zuletzt die Gefahr eines neuen Fukushima (siehe dazu Christen heute 4 bis 6/2011). Die Informationsflut ist wichtig. Und gefährlich! Denn sie suggeriert, alles werde aufgedeckt. Wie kann es aber sein, dass – trotz des medialen Interesses an Atomkraftwerken und Endlagerung – eine Bedrohung fast gänzlich aus Nachrichten, Bewusstsein sowie kirchlichem und zivilgesellschaftlichem Engagement verschwunden ist? Obwohl diese Bedrohung nach wie vor Zivilisation und Schöpfung vernichten kann? Die Rede ist von Atomwaffen.

 

Auf der Welt gibt es noch immer mehr als 20.000 davon, jede dabei um ein Vielfaches stärker als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Verteilt auf Akteure wie USA und Russland, die ihre Arsenale höchstens moderat eingrenzen, zugleich aber Modernisierungspläne für die nächsten 40 Jahre verfolgen. Frankreich und Großbritannien, die scheinbar überall sparen müssen, ihre atomwaffenfähigen U-Boot-Flotten aber vergrößern. China, Indien und Pakistan – auch sie entwickeln neue Trägerraketen und U-Boote. Israel hat sein hochmodernes Atomwaffenarsenal mit großer Wahrscheinlichkeit zusammen mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime auf hoher See getestet. Nordkorea und Iran scheinen in ihren atomaren Ambitionen kaum zu bremsen zu sein. Dabei ist ihr Schreckenspotential deutlich geringer als das der anderen. Doch wenn es in den Nachrichten überhaupt einmal um Atomwaffen geht, dann um nordkoreanische oder noch zu entwickelnde iranische. Dass USA und Russland zusammen über 90 Prozent dieser Waffen unterhalten, viele tausend davon im höchsten Alarmzustand, auf U-Booten – wie im Kalten Krieg –, ist kaum bekannt.

Auch nach Ende des Kalten Krieges gab es Unfälle und Beinahe-Katastrophen. 1995 soll Russlands Präsident Jelzin sogar den nuklearen Koffer geöffnet haben, weil sein Frühwarnsystem einen norwegischen Wettersatelliten für eine anfliegende US-Rakete hielt. Was, wenn die Meldung vom Fehlalarm zu spät gekommen wäre? Ist uns klar, dass die Zukunft der Welt noch immer davon abhängt, dass russische und US-amerikanische Frühwarntechnik keine Fehler macht? Selbst ehemalige US-Falken wie Henry Kissinger, William Perry, George Shultz und Sam Nunn warnen seit Jahren vor dieser Gefahr. Doch solche Informationen dringen nicht durch, geschweige denn, dass sie irgendeine Furcht in uns auslösten. Wir sind Apokalypse-blind, würde der Philosoph Günther Anders auch heute noch sagen. Doch warum?

 

Ursachen der Blindheit

 

Sozialpsychologen und Soziologen haben mehrfach beschrieben, dass Furcht und zivilgesellschaftliches Engagement vor allem entstehen, wenn sich eine Bevölkerung unmittelbaren Gefährdungen ihrer vitalen Interessen ausgesetzt sieht. Tunesier, Ägypter, Syrer und andere, die sich gerade gegen Repressionen erheben, verdeutlichen, wie kraftvoll dieser zivilgesellschaftliche Einsatz werden kann. Doch die Atombombe ist unserem Alltag entrückt. Wir nehmen sie nicht als unmittelbare Existenzbedrohung war. Uns fiele auch keine Lösung ein. Gandhi, Schweitzer, Mandela – so erfolgreich ihr Kampf vor Ort war, so wenig konnten sie trotz eindrucksvoller Appelle gegen die Bombe unternehmen. Neben der psychologisch-soziologischen Deutung, das Thema sei einfach zu groß für uns, gibt es aber noch eine politikwissenschaftliche Interpretation:

           

Eine große Anzahl von Menschen in vielen Ländern hat Interesse am nuklearen Status Quo. Rüstungsindustrie, Zulieferer, Bürokratie, Politik, Wissenschaft, angehängte Medien, in den USA auch viele fundamentalistische Christen – dieser „militärisch-industrielle Komplex“ ist so mächtig, dass sich sogar US-Präsident Eisenhower, eigentlich selbst ein militärischer Hardliner, davor fürchtete. Abrüstung bedeutet für viele dieser Menschen Job- und Prestigeverlust. Es ist dem Komplex gelungen, unser Denken zu vergiften, wie es der ehemalige Premier Neuseelands, David Lange, ausgedrückt hat. Viele halten Atomwaffen seit jeher für sicherheitspolitisch notwendig, bekräftigen die Doktrin der Abschreckung. Solche Äußerungen hört man nicht nur aus den USA oder Frankreich, sondern auch von der gegenwärtigen deutschen Bundesregierung. Doch wenn Atomwaffen Sicherheit und Stabilität bedeuten, warum wird uns dann erzählt, wir müssten die muslimischen oder nordkoreanischen Bomben fürchten? Wie offenbar wird hier, dass der „abrüstungsunwillige“ Westen mit zweierlei Maß misst?

           

Sie kann überwunden werden

 

Die angeblichen Experten, die sich der Begrifflichkeiten von Rationalität, Realismus und Ideologiefreiheit bemächtigen und uns einimpfen, Atomwaffen seien nun einmal erfunden worden und könnten nicht mehr abgeschafft werden – untermauern sie mit ihrem Zynismus nicht den nuklearen Status Quo? Sind nicht etwa Gaskammern fast zeitgleich mit Atomwaffen erfunden worden? Und doch wäre es heute unvorstellbar, dass irgendwo Menschen in Gaskammern umgebracht werden, ohne dass der Rest der Welt aufschreit und einschreitet! Aber Atomwaffen, die sollen wir gefälligst akzeptieren!?

           

Beim Eintreten gegen die Weltbedrohung Atombombe und ihre Verteidiger kommen Schulen und Kirchen, aber auch Literatur, Kunst und Kultur Schlüsselrollen zu. Ein wenig abseits des Einflusses von Militär, Wirtschaft und „Realpolitik“ darf hier gelernt werden, sich eine andere Welt auszumalen. Wer einmal spürt, dass die fortdauernde Existenz zehntausender Atombomben Gift ist für Gewissen und Verantwortungsgefühl für die Schöpfung, der wird Wege finden, sich auszudrücken. Der- oder diejenige könnte die geistige Disziplin aufbringen, Atomwaffen zu fürchten, auch wenn sie unserem Alltagsdenken und -handeln entrückt sind. Apokalypse-Blindheit kann überwunden werden! Das, was wir Schöpfung nennen, hat Milliarden von Jahren Entwicklung gebraucht. Selbst ein begrenzter Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan könnte unser Klima kippen und durch Verstrahlung und Ernteausfälle einen Großteil des Lebens auf dem Planeten schädigen oder auslöschen. Wir können von Glück sprechen, dass es noch keinen Atomkrieg gab. Doch wir sollten nicht glauben, dass es nie einen solchen Krieg geben wird, solange wir uns stillschweigend mit der Bombe arrangieren.

 

Matthias van der Minde

 

2010 erschienen seine Veröffentlichungen „Die Atomwaffen nieder! Völkerrechtliche und zivilgesellschaftliche Wege der atomaren Abrüstung“ beim Hamburger VSA-Verlag und „Das nukleare Zeitalter: Eine Chronologie von 1945 bis 2010“ beim Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik (kostenlos abrufbar unter dias-online.org).