Ökumene von unten?

 

In einem Interview, das am 3. Juli 2011 vom SWR 2 in der Sendereihe „Aula“ ausgestrahlt wurde, erklärte der bekannte Tübinger Ökumeniker Hans Küng: „Zwei Gemeinden aus Bruchsal, die römisch-katholische Gemeinde St. Peter und die Kirchengemeinschaft Paul Gerhardt, evangelische Landeskirche, schreiben: <Wir erklären für uns die fast 500 Jahre andauernde unsägliche Spaltung der Christenheit in unseren Breiten für beendet.> Und sie führen aus – ich hoffe, dass das bald veröffentlicht wird: <Wir erkennen an, dass in den anderen mitunterzeichnenden Gemeinden in gleicher Weise Nachfolge Christi und Gemeinde Jesu Christi gelebt wird. Wir erkennen, dass in unseren Gemeinden Jesus Christus zum Tisch des Herrn einlädt und wissen darum, dass er niemanden, der in seiner Nachfolge steht, auslädt. Diese gegenseitige Gastfreundschaft erklären wir hiermit ausdrücklich.> Ich hoffe, dass viele Gemeinden in der Bundesrepublik genau dasselbe machen: Wenn die oben nicht wollen, dann erklären wir auf Gemeindeebene die Kirchentrennung als erledigt, als beendet.“

Auf den Einwand, ob da nicht „die Gefahr des Chaos“ drohe, „dass sich die Kirche dann aufspaltet in mehrere Richtungen“ antwortete Küng: „Was Sie gerade von Bruchsal hörten, ist das Gegenteil der Spaltung. Es bringt die Gemeinden zusammen. Und wir haben ja zur Zeit des Konzils eine große Einheit in der Kirche gehabt. Die jetzige Spaltung kommt von oben ...“ Gegen die Verordnungen “von oben“ hätten die Gläubigen etwa in der Frage der weiblichen Messdienerinnen erfolgreich widersprochen. Deshalb: „Wir brauchen aktiven Widerstand, sonst geht die Kirche zugrunde.“ Küng beschließt des Interview mit dem Appell: „Ich kann nur appellieren und kann hoffen, dass genügend Leute aufstehen und endlich mal rebellieren.“

Wir Alt-Katholiken haben in Deutschland seit 1985 die offizielle Vereinbarung mit den evangelischen Kirchen zur eucharistischen Gastfreundschaft. Wir haben die römischen Katholiken nie exkommuniziert. Es hindert unsere Gemeinden also nichts, die von Küng bekannt gemachte Vereinbarung zu unterzeichnen.

In Heidelberg haben die römisch-katholische Bonifatiusgemeinde und die alt-katholische Gemeinde – die St.-Bonifatius-Kirche und das alt-katholische Pfarramt liegen in der selben Straße – in einer gemeinsamen Sitzung der Kirchenvorstände schon in den 1980er Jahren einen ähnlichen Beschluss gefasst, allerdings ohne weitere Konsequenzen. Ich habe mich damals der Stimme enthalten, weil einerseits wir Alt-Katholiken die römischen Katholiken nie exkommuniziert haben, andererseits die römischen Katholiken kirchenrechtlich wegen der allumfassenden päpstlichen Jurisdiktionsgewalt gar kein Recht haben, in solchen Fragen zu entscheiden.

Auf der anderen Seite gibt es das Naturrecht, auf das sich auch die römischen Theologen immer wieder berufen. Hier galt schon in der alten Kirche der Grundsatz, dass das, was alle angeht, auch von allen entschieden werden müsse. In der Politik habe wir das gerade in der Frage von Stuttgart 21 durchexerziert. Angefangen bei den Mariendogmen von 1854 und 1950 über die Papstdogmen von 1870 bis hin zur „Pillenenzyklika“ und den römischen Verlautbarungen zum Zwangszölibat ist die kirchliche Öffentlichkeit nie wirklich in den Entscheidungsprozess einbezogen worden. Über den Inhalt dieser Dogmen herrschen bei den Gläubigen teilweise abenteuerliche Missverständnisse, und der korrekte Inhalt wird von der überwiegenden Mehrheit bekanntermaßen abgelehnt.

Der alt-katholische Professor Werner Küppers hat während des Zweiten Vatikanischen Konzils darauf hingewiesen, dass zur Gültigkeit kirchlicher Dogmen auch die Rezeption – die Annahme durch das Kirchenvolk – gehört. Ein Konzil kann beschließen, was es will, ökumenische Geltung kann es nur bekommen, wenn auch die Gläubigen es annehmen. Das bekannteste und allgemein anerkannte Beispiel dafür ist das „Latrozinium“, die „Räubersynode“ von 449, das in den christologischen Streitigkeiten eine vermittelnde Entscheidung mit Unterstützung des römischen Kaisers übers Knie brechen wollte, die dann von den Gläubigen nicht „rezipiert“, nicht angenommen wurde. Es ist deshalb wichtig, dass wir Alt-Katholiken weiterhin – wie Ignaz v. Döllinger schrieb – Zeugnis ablegen gegen die römische Willkür in der Dogmenfabrikation. Wir müssen einen ehrlichen und modernen Katholizismus leben, der sich am Evangelium und der alten Kirche orientiert und es nicht nötig hat, dieses oder jenes mittelalterliche oder neuzeitliche Dogma um- oder wegzuinterpretieren. Wir haben keine Dogmen, die niemand glaubt.

Wenn nun Gemeinden anderer Kirchen ähnliche Wege einschlagen, sollten wir sie nicht alleine lassen. Ökumene kann nicht nur von „oben“ verordnet (oder behindert) werden. Sie muss auch von „unten“ wachsen und in den Gemeinden Gestalt annehmen.

 

Dr. Ewald Keßler