Laien – gibt’s die in der Kirche wirklich?

 

Im Brockhaus heißt es unter Laie als Ziffer 1 lapidar: Nichtfachmann, Ungelernter. Unter Ziffer 2 ist für mich aufschlussreicher: „Der einfache Gläubige im Unterschied zum Priester, Kleriker. Die katholische Kirche unterscheidet zwei Stände, den Geistlichen- und den Laienstand.“

Das erklärt mir, warum ich in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich so oft auf das Wort Laie stoße wie im kirchlichen. Es gibt in der Kirche noch „Stände“, nirgendwo sonst in der Gesellschaft. In der katholischen Kirche erscheint es geradezu unverzichtbar, ständig den Unterschied, die Grenzen zwischen Klerus und Laien deutlich zu betonen. Das gilt insbesondere für die Römische Kirche, aber auch unsere kleine – katholische – Kirche trifft selbstverständlich diese Unterscheidung. So finde ich in der Februarausgabe von Christen heute die Einladung zum Internationalen Laienforum 2011 in Graz. Aus dem Programm kann ich nicht erkennen, dass „Nicht-Laien“ dort nicht mitmachen oder mitreden könnten, zumal das Thema „Wie lebt die Alt-katholische Kirche ihre Botschaft?“ von den beiden kirchlichen „Ständen“ kaum je für sich beantwortet werden kann.

Anderes Beispiel: Das bei uns geltende Synodalprinzip wird auf der Webseite des Bistums als Grundsatz beschrieben, „…die Laien gemeinsam mit den Diakonen, Priestern und Bischöfen über den Weg der Kirche mitsprechen und mitbestimmen zu lassen.“ Wer lässt da eigentlich das Volk mitreden und mitentscheiden? Außerdem wird den Besuchern der Webseite mitgeteilt, dass sich die alt-katholische Synode „in etwa aus 2/3 Laien und 1/3 Geistlichen“ zusammensetzt. Wieso, frage ich, muss für die Zusammensetzung der Synode überhaupt noch unterschieden werden zwischen Geistlichen beziehungsweise Klerikern und Laien? Ich denke, es würde sich für die Beteiligten beider Seiten lohnen, darüber nachzudenken, ob und aus welchen Gründen diese Unterscheidung beibehalten wird und wem was geschähe, wenn sie wegfiele.

Man mag sagen, die kirchliche Sprachregelung habe nun mal nichts gemein mit dem umgangssprachlichen Verständnis von „Laie“ als einem Nichtfachmann oder Ungelernten. Überzeugen kann mich das nicht. Die überragende Kompetenz des Klerus in der Kirchen- und Gemeindeleitung, in Liturgie und Verkündigung lässt bei mir eben doch den Gedanken aufkommen, den kirchlichen Laien mangele es womöglich doch an Kenntnissen und Fähigkeiten für die geistlich-sakramentale Auferbauung von Kirche und Gemeinden. In diesem Zusammenhang fällt mir mein früherer römisch-katholischer Gemeindepfarrer ein; er bezeichnete die Zeit von 13 bis 15 Uhr, seine Mittagspause, nicht ohne Ironie als die „Stunde des Laien“.

Ich halte es für unvermeidlich, dass das landläufige Verständnis des Begriffs „Laie“ sich trotz gegenteiliger Beteuerungen „amtskirchlicherseits“ im Bewusstsein und im Selbstverständnis beider kirchlicher Gruppierungen niederschlägt. Dem Wort haftet nun einmal der Geruch sachlicher, fachlicher oder kognitiver Inkompetenz an.

Ich weiß, dass das Wort Laie auf das griechische „laos“ = Volk zurückgeht. Genau das bringt mich zwangsläufig zu der Frage, ob der Klerus etwa nicht zum Volk Gottes gehört, ihm sozusagen gegenüber steht. Wahrscheinlich wird jeder Geistliche unserer Kirche das entrüstet von sich weisen. Wenn es auch in unserer Kirche noch die kirchenrechtliche Möglichkeit gibt, einen Priester „in den Laienstand“ zurückzuversetzen, würde ich das für ein Indiz dafür halten, dass es auch bei uns Reste der Vorstellung gibt, Kleriker gehörten nicht zum Kirchenvolk.

 Wenn es also im kirchlichen Sprachgebrauch nur darum ginge, Kirchenmitglieder nach ihrer Funktion, ihrem Dienst an und für Kirche und Gemeinde zu unterscheiden, bedürfte es der überkommenen „ständischen“ Unterscheidung nicht. Die Rede könnte schlicht sein von Gläubigen mit und ohne Dienstamt. Dabei sollte klar sein, dass es, soweit ich sehen kann, keinen im Neuen Testament verankerten Grund für die Unterscheidung in kirchliche „Stände“ gibt. Alle getauften und gefirmten Christen dürfen für sich den Ehrentitel in Anspruch nehmen, zu einer „königlichen Priesterschaft“ zu gehören (1. Petrusbrief, Offenbarung1).

 

Für mich ist Kirche zuerst die Gemeinschaft der Gläubigen, in der getaufte und gefirmte Christen in der Nachfolge Jesu authentisch ihren Glauben bezeugen. „Laie“ ist daher für jeden Christenmenschen sowohl in landläufigem und erst recht in kirchlichem Verständnis unpassend. Wollen wir Kirchenmitglieder ohne Amt wirklich weiterhin als „Laien“ bezeichnen, weil sie nicht zum Klerus gehören? Oder umgekehrt gefragt: Wollen wir Christen nur deswegen nicht als „Geistliche“ bezeichnen, weil sie nicht zu einem Dienstamt ordiniert sind?

Freilich, Kirche hat nicht nur eine geistliche Gestalt, sondern auch eine „irdische“, die von Strukturen, Organisationsformen, Ämtern geprägt ist. Aber ist das ein Grund dafür, dass wir uns als Glaubensgemeinschaft nach weltlicher Manier weiterhin durch Einteilungen, Bezeichnungen, Titel voneinander unterscheiden und abgrenzen; das alles hat nach meiner Überzeugung subtil auch mit Macht zu tun. Ich erkenne wenig Sinn darin, dass wir uns im Gottesdienst oder bei anderen geistlichen Gelegenheiten als „Brüder und Schwestern“ anreden und uns in strukturellen, organisatorischen, amtskirchlichen Zusammenhängen in „Stände“ auseinanderdividieren.

 

Wie war das doch noch gleich bei Paulus? „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Galaterbrief 3,28). Den Unterschied zwischen Klerus und Laien kannte er (man) in diesen frühen Zeiten des Christentums noch nicht. Andernfalls hätte Paulus ihn, wie ich vermute, ebenfalls aufgelistet. Weil, wie Vers 28 endet, „ihr alle eins seid in Christus“.

 

Veit Schäfer