„Kritik ist immer eine Chance“

Pfarrvikar Thomas Schüppen erzählt von seiner ersten Zeit in der Synodalvertretung

 

Erst vor noch nicht ganz fünf Jahren wurde er zum Priester geweiht und sitzt seit dem vergangenen Herbst in der Synodalvertretung, dem Leitungsgremium unseres Bistums. Thomas Schüppen (46) ist Pfarrvikar in Düsseldorf. Sein beruflicher Werdegang zeigt, dass er viele wertvolle Erfahrungen für die Arbeit in der Kirchenleitung mitbringt. Von 1984 bis 1992 studierte er römisch-katholische Theologie in Bonn und war anschließend beim Katholischen Ferienwerk Köln beschäftigt. Der Sozialpädagoge mit Montessori-Diplom arbeitete bei einem privaten Bildungsträger mit arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen und später selbstständig als Betreuer im Sinne des Vormundschaftsrechts. Nach dem Aufbaustudium in alt-katholischer Theologie wurde er im Frühjahr 2006 in Köln zum Diakon und im Dezember 2006 in Bonn zum Priester geweiht. Thomas Schüppen erzählt von seinen ersten Erfahrungen in der Synodalvertretung und von dem, was ihm bei dieser verantwortungsvollen Arbeit wichtig ist.

Eigentlich sind wir Kollegen, sozusagen Amtsbrüder. Jetzt sitzen Sie auf der anderen Seite und sind auch mein Arbeitgeber. Ist das schwierig für Sie?

 

Nein. Das ist deshalb nicht schwierig, weil ich nicht „die andere Seite“ sehe, sondern glaube, dass es verschiedene Verantwortungen in einer Kirche braucht, die von unterschiedlichen Menschen wahrgenommen werden. Wenn Sie nach Schwierigkeiten fragen, beinhaltet das ja, dass „ein Oben und Unten“ zutage treten würde. Es geht aber doch darum, die verschiedenen Verantwortlichkeiten so zusammenzuführen, dass ein gutes Miteinander gelingen kann und dass dies letztendlich der gemeinsamen Sache dient.

 

Was hat Sie bewogen, für die Synodalvertretung zu kandidieren?

 

Der Auslöser war, dass ich auf der Dekanatspastoralkonferenz gefragt wurde. Das kam für mich ziemlich überraschend, weil ich zu diesem Zeitpunkt annahm, dass ich weder ein Stimmrecht bei der Synode hätte, noch dass ich als Pfarrvikar überhaupt gewählt werden könnte. Ich musste dann erst einmal nachdenken, weil ich von der Gesamtpastoralkonferenz beauftragt wurde, zusammen mit Niki Schönherr und Oliver van Meeren ein Konzept für die geplante Mitarbeitervertretung zu schreiben, und da habe ich mich schon gefragt: Auf welcher Seite sehe ich mich eigentlich? Wäre es mir nicht lieber, als Mitarbeitervertreter gewählt zu werden? Da sind sie dann doch, die „beiden Seiten“. Ich denke aber, es kommt darauf an, einen offenen und ehrlichen Arbeitsstil zu pflegen und transparente Entscheidungen zu treffen, egal, in welchem Gremium man arbeitet.

 

Sie bringen sicher wichtige Erfahrungen aus Ihrem ersten Beruf mit…

 

Ja, es sind allerdings zwei Berufe. Ich bin über meinen beruflichen Werdegang nicht gerade traurig, weil ich sowohl in der Arbeit mit Jugendlichen wie in der Arbeit als Rechtlicher Betreuer gelernt habe, wie man transparent und wertschätzend mit Menschen umgeht, besonders mit jenen, die sich nebenamtlich und ehrenamtlich engagieren.

 

Sie haben mir verraten, dass Sie mit Ihrer Vorstellung bei der Synode in Mainz nicht so zufrieden waren…

 

Ich habe mich da zu etwas hinreißen lassen. Ich hatte für mich gedanklich ein Konzept mit entsprechenden Schwerpunkten im Kopf, wie ich mich als Kandidat vorstellen wollte, bin dann aber zweimal von verschiedenen Seiten aufgefordert worden, mich kurz und knapp zu halten. So ist das Inhaltliche aus meiner Sicht etwas zu kurz gekommen, als dass die Synodalen hätten verstehen können, was ich eigentlich will.

 

Es hat ja dann doch geklappt. Bei der Kandidatur der Geistlichen für die Synodalvertretung erlebt man immer wieder eine gewisse Zurückhaltung. Was glauben Sie, woran liegt das?

 

Da sind wir wieder bei der Ausgangsfrage. Ich glaube schon, dass sich manche Gedanken machen, ob eine Kandidatur nicht einem Seitenwechsel gleich käme, mit dem man sich aus dem Kollegenkreis ausschließt. Es ist ja auch schon vorgekommen, dass jemand durch dieses Amt distanzierter wurde oder sogar von anderen etwas gemieden wurde. Da ist ein Vertrauensverhältnis vielleicht schwerer zu entwickeln und zu erhalten. Da wird die Frage sein, wie wir das als Synodalvertretung hinkriegen, mit Menschen so umzugehen, dass das keine Rolle spielt.

 

Würden Sie sagen, es hat so etwas wie ein Generationenwechsel stattgefunden, mit dem sich auch bestimmte Denkmuster gewandelt haben?

 

Da kann und will ich mir kein Urteil erlauben. Dafür habe ich Kirchenleitung bisher zu wenig erlebt. Das war jetzt auch erst meine zweite Synode, bei der ersten war ich noch Beobachter. Ich habe allerdings als Schriftführer wahrgenommen und beobachtet, wie sich der Bischof und die Synodalvertretung verhalten. Es ist kein Geheimnis, dass es damals, als es um die Bistumskasse ging, einiges in der Kommunikation hätte besser laufen können. Jetzt sind andere Menschen dran, und ich will und kann da keine Wertung vornehmen.

 

Wie haben Sie die ersten Sitzungen erlebt?

 

Ich habe erlebt, was ich mir auch gewünscht und erhofft habe. Bei den Sitzungen der Synodalvertretung, bei denen es ja auch zum Großteil um Personalfragen geht, werden in einfühlsamer und wertschätzender Weise die Bedürfnisse der Menschen betrachtet, um die es geht. Und das in einer vorausschauenden Weise, damit auch die Interessen der Gemeinden, des Dekanates und des gesamten Bistums nicht zu kurz kommen. Die Atmosphäre in den Sitzungen macht es möglich, auch Gedankenspiele zu entwickeln, so dass möglichst viele Facetten beleuchtet werden und wir so zu einer guten Lösung kommen können.

 

Wie sieht ein gewöhnliches Arbeitswochenende aus? Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich bei den Sitzungen?

 

Der Bischof bereitet die Sitzungen sehr gut und strukturiert vor. Es gibt feste Blöcke, und das entsprechende Material steht uns vorher schon zur Verfügung. Ein großer Block ist das Personal, weitere wichtige und umfangreiche Blöcke sind die Gemeinden sowie die Finanzen.

 

Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die „heißen Eisen“ in unserem Bistum?

 

Das erste, was wir unterschreiben mussten, war eine Verschwiegenheitserklärung. Das vorweg. Aber grundsätzlich schwierig sind immer Personalfragen. Da geht es ja immer auch um Zukunft von Menschen. Um da zu einer guten Entscheidung zu kommen, braucht es Zeit. Manchmal wünsche ich mir, dass ich dann mit den Betroffenen direkt reden könnte. Aber mir ist auch klar, dass bei aller Transparenz auch bestimmte Spielregeln eingehalten werden müssen. Mit all den Fragen hängt auch die Personalplanung zusammen, die wir jetzt in Angriff nehmen wollen. Dafür soll ein Konzept erarbeitet werden. Darüber wurde schon lange gesprochen, aber es gab nie ein zufriedenstellendes Ergebnis. Aber mit der Personalplanung hängt natürlich auch die Finanzfrage zusammen, und mir ist deutlich geworden, wie schlecht man zum Beispiel die Kirchensteuereinnahmen im Vorfeld abschätzen kann. Das, was wir uns wünschen, nämlich einen guten Stellenplan mit gut bezahlten hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, stößt immer an die Grenze der Finanzierbarkeit.

 

Reden wir in der Ökumene und in gesellschaftlichen Fragen zu wenig mit? Zum Beispiel in der Zölibats-Debatte. Wir hätten doch einiges zu sagen…

 

Die Frage wird immer sein: Wo können wir mitreden, also wo wollen Menschen, dass wir mitreden? Ich bin Mitglied verschiedener Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen. Dort rede ich deutlich mit, auch bei öffentlichen Anlässen. Dennoch würde ich mir manchmal wünschen, dass wir auch auf Leitungsebene öfters mitreden. Das habe ich mir damals schon bei Bischof Joachim gedacht, der ja in einer rhetorisch hervorragenden Weise Meinungen vertreten kann, die von den Menschen auch gehört werden. Bischof Matthias kann das auch, auch mit einer guten Portion Humor. Und so sehr ich mir wünschen würde, dass wir auch einmal in einer Talkshow wie Maischberger oder Anne Will vertreten wären, bleibt immer die Frage: Wie kommt man dort hin? Die wollen natürlich Leute, die die Einschaltquote steigern.

 

Was bedeutet Macht für Sie?

 

Macht bedeutet die Möglichkeit, mitgestalten zu können. Ich habe natürlich auch schon Macht erlebt, die missbraucht wurde, in dem Sinne, dass über andere geherrscht wurde. Andererseits macht es keinen Sinn, so zu tun, als gäbe es keine Macht, denn es muss immer eine Aufgabenverteilung und auch Leitung geben. Verantwortung muss delegiert und verteilt werden.

 

Fällt es Ihnen leicht, Entscheidungen zu treffen?

 

Wenn leicht heißt, sie schnell zu treffen, dann nein. Ich komme schon zu Entscheidungen. Aber ich brauche sowohl genügend Zeit als auch genügend Informationen, um abwägen zu können. Ich würde mich immer dagegen wehren, wenn ich darauf verzichten müsste, alle denkbaren Aspekte gehört und erfahren zu haben.

 

Wir sind eine recht kleine Kirche. Wie lange können Arbeitsprozesse, Personalplanungen und Entscheidungen geheim gehalten werden?

 

Ich habe in unserem kleinen Bistum bislang schon alles erlebt. Ich persönlich nehme das sehr ernst. Ich glaube, dass es auch zu einer transparenten Kommunikation gehört, Phasen zu respektieren, in denen Informationen geschützt bleiben, und dass es auch Informationen gibt, die grundsätzlich geschützt bleiben.

 

Wird das, was die Synodalvertretung beschließt, aus Ihrer Sicht genügend transparent gemacht?

 

Das, was bisher behandelt und beraten wurde, ist meiner Ansicht nach durch die entsprechenden Rundschreiben und durch die Veröffentlichung im Internet ausreichend, zeitnah und regelmäßig kommuniziert worden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch weiterhin so bleiben wird. Ich denke allerdings, dass wir ein Kontrollsystem in der Struktur brauchen. Denn die Erfahrung zeigt, dass das, was wir jetzt als positiv erleben, in ein paar Jahren aus vielerlei denkbaren Gründen nicht mehr so läuft.

 

Nicht allen wird jede Entscheidung passen. Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?

 

Es wäre etwas zu viel gesagt, wenn ich behaupten würde, ich könne besonders gut mit Kritik umgehen. Aber ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, besser damit umzugehen und auch offensiv dazu einzuladen, mir gegenüber Kritik zu üben. Und auch wenn es dann vielleicht manchmal weh tut, ist es mir allemal lieber, Kritik aus dem Munde derer zu hören, die sie formulieren wollen, als aus dritter Hand vom Hörensagen. Es ist immer nur ein konstruktives Weitergehen möglich, wenn solche Kritikpunkte benannt werden. Letztlich ist Kritik immer eine Chance.

 

Wie erleben Sie die Dialog- und Informationsprozesse in unserer Kirche?

 

Wie schon gesagt, glaube ich, dass es eine Entwicklung zwischen den letzten beiden Synoden gegeben hat, und es hat eine Entwicklung bei der Gesamtpastoralkonferenz gegeben im Blick auf Kommunikationsformen und Transparenz. Hier gilt, was ich eben gesagt habe: Wir müssen jetzt, an dem Punkt, den wir als Aufwind bezeichnen, dafür sorgen, Strukturen zu schaffen, die das auch auf Zukunft hin gewährleisten.

 

Haben Sie in Bezug auf unser Bistum einen Wunsch für die Zukunft?

 

Ich habe mehrere Wünsche. Um mich auf einen zu beschränken, muss ich abwägen. Der wichtigste ist sicherlich der, dass wir das leben, was wir glauben und verkünden. Bischof Matthias sagt ja immer wieder, wir werden keine Werbung machen, indem wir Werbeträger unter die Leute bringen, sondern indem wir mit der Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit unserer Gemeinden Menschen anstecken und erreichen. Ein zweiter Wunsch wäre, eine finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, die es uns möglich macht, vieles von dem umzusetzen, was unserer Kirche, was den Menschen gut tut. Ich glaube, hier gehen die Großkirchen einen falschen Weg. Ich bin davon überzeugt, dass gelebter Glaube davon lebt, dass es glaubwürdige Menschen vor Ort gibt, mit denen lebendige Beziehungen aufgebaut werden können.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel