Kirche und „Milieus“

 

Die großen Kirchen, das zeigen die empirischen Untersuchungen der neueren Zeit, erreichen mit ihrem Angebot nur noch bestimmte „Milieus“. In der neueren Soziologie versteht man darunter gesellschaftliche Gruppen, die sich durch bestimmte Lebensstile voneinander unterscheiden. Es gibt eine Reihe von Modellen, mit denen man diese Milieus erfassen kann. Das SINUS-Institut, das für die römisch-katholische Kirche die Studie „Religiöse und kirchliche Orientierungen“ verfasst hat, modifiziert zudem sein Modell kontinuierlich. Dadurch wird es dem gesellschaftlichen Wandel angepasst. Auf diese Weise stellt man nicht nur fest, dass die römisch-katholische Kirche bloß noch in den Milieus der „Konservativen“, der „Bürgerlichen Mitte“ und der „Traditionsverwurzelten“ fest verankert ist – sondern auch, dass gerade diese Milieus teilweise an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren.

 

Umso interessanter ist, dass SINUS auch Erwartungen der eher kirchenfernen Milieus ermittelt hat. So wünschen sich die „Experimentalisten“ und „Postmateriellen“ von ihrer Kirche eine stärkere Wahrnehmung individueller Bedürfnisse. Zusammen mit den „Hedonisten“ sowie Teilen der„Bürgerlichen Mitte“ fordern sie zudem weniger moralische Strenge und eine größere Präsenz von Frauen in verantwortlichen Positionen. Bemerkenswert ist aber auch, dass Gruppen wie die sogenannten „Konsum-Materialisten“, die häufig in wirtschaftlich prekären Verhältnissen leben, ganz andere Sorgen haben: Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit für Bedürftige nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in ihrer unmittelbaren Umgebung.

 

In unserer Studie werden ebenfalls Wünsche an die eigene Kirche erfasst. Dabei verwenden wir Milieumodelle, die man einfacher erheben kann als die des SINUS-Instituts, aber ähnlich differenzierte Resultate erwarten lassen. Und auch uns interessiert, ob Alt-Katholikinnen und -Katholiken, die aus verschiedenen sozialen Milieus kommen, jeweils unterschiedliche Vorzüge und Nachteile an ihrer Kirche wahrnehmen – und entsprechend unterschiedliche Erwartungen formulieren. Denn für die Alt-Katholische Kirche wäre es gleichfalls problematisch, würde sie ihr Angebot auf Wünsche und Erwartungen bestimmter Milieus „verengen“. Sie war zwar, von wenigen Regionen abgesehen, noch nie eine „Volkskirche“ und wird es auch so bald nicht werden. Doch auch sie steht unter dem Anspruch, für alle Menschen da zu sein.

Warten wir die Ergebnisse ab. Sobald sie ausgewertet sind, werden Sie an dieser Stelle wieder etwas von uns lesen. Bis dahin möchten wir uns schon einmal bei allen – vor allem auch den Pfarrerinnen und Pfarrern – bedanken, die unsere Befragung bekannt gemacht und zum Teil sehr engagiert unterstützt haben. Besonderer Dank gebührt natürlich auch den vielen Menschen, die sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu bearbeiten. Sollten Sie bislang noch nicht dazu gekommen sein: Bis Ende dieses Monats ist die Teilnahme noch möglich!

 

Dirk Kranz

Andreas Krebs