Eine Antwort

 

In der Mai-Ausgabe von Christen heute hat Norbert Stoffers in einem Leserbrief unter anderem den Leitartikel der April-Nummer mit dem Titel „Tschernobyl ist morgen“ heftig kritisiert. Das hat den Autor des Leitartikels bewogen, noch einmal Stellung zu nehmen.

 

Der Leserbrief von Norbert Stoffers zum Schwerpunktthema „Tschernobyl“ im April stellt meines Erachtens drei unterschiedliche Fragen, die ich gerne beantworten möchte:

 

1. Ist die Atomenergie gerade unter Klimagesichtspunkten nicht sogar eine sinnvolle Energiequelle?

2. Ist eine politische Stellungnahme als Christ überhaupt statthaft?

3. Welchen Charakter hat Christen heute, und dürfen solche (politischen) Themen überhaupt als Schwerpunktthemen behandelt werden?

 

Zur ersten Frage: Die Nutzung der Atomenergie scheint gerade angesichts des Klimawandels eine sinnvolle Technologie zu sein, welche die Emission von Treibhausgasen verhindert. Wenn man sich die Geschichte der Energiewirtschaft anschaut, wird man allerdings schnell feststellen, dass diese Großtechnologie mit ihren vollkommen ineffizienten Kraftwerken den Ausbau der Erneuerbaren Energien regelrecht ausgebremst hat. Schwung kam in diesen Bereich nicht etwa durch Investitionen der vier milliardenschweren Atom- und Kohlestromunternehmen, sondern erst durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Es ist bezeichnend, dass gerade Baden-Württemberg, welches bislang den größten Teil seiner Stromversorgung über Atomkraft realisierte, bislang einen verschwindend geringen Anteil an Erneuerbaren Energien vorzuweisen hat.

Zudem muss bei der Atomkraft berücksichtigt werden, dass die tatsächlichen Kosten, welche durch ihre Nutzung verursacht werden, keine Berücksichtigung im Preis der Atom-Strom-Kilowattstunde findet. So sind beispielsweise die Kosten für eine ausreichende Haftpflichtversicherung nicht enthalten (zumal es gar keine Versicherung gibt, die bereit wäre, ein solches Risiko im notwendigen Umfang auf sich zu nehmen und zu versichern, was für sich bereits Bände spricht). Auch die nicht gelöste Endlagerfrage und die Kosten, welche für eine solche Endlagerung über zehntausende von Jahren entstehen, sind nicht im Preis enthalten. Diese werden für einen kurzfristigen aktuellen Nutzen auf die zukünftigen Generationen abgewälzt.

Wir sollten endlich einsehen, dass wir Geschöpfe sind und nicht der Schöpfer. Als Geschöpfe sind wir fehlbar und müssen daher auf fehlerfreundliche Technologien setzen und nicht auf eine Technologie, die zur Vermeidung unabsehbarer Folgen Unfehlbarkeit verlangt. Das so genannte „Restrisiko“ ist keine hypothetische Größe, sondern kann zu Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes führen.

 

Zur Frage zwei: Nach jüdisch-christlichem Verständnis ist mir als Mensch die Aufgabe aufgetragen, mit dieser mir von Gott anvertrauten Schöpfung verantwortlich umzugehen, sie zu bewahren und zu erhalten. Das erwartet von mir nicht nur den frommen Glauben an Gott, sondern eine Umsetzung dieser Frömmigkeit in konsequentes Reden und Handeln aus dieser Verantwortung heraus.

Ich sehe den von mir verfassten Leitartikel und die Schwerpunktsetzung der April-Ausgabe von Christen heute in diesem Horizont. Ich kann eigentlich gar nicht anders. Ich muss als Christ Stellung beziehen. Politisch. Nicht parteipolitisch. Denn meine Stellungnahme hat Ihren Grund in meinem Glauben, nicht in der Positionierung einer Partei. Um es mit dem Pastoraltheologen Paul Zulehner zu sagen: Je mehr ein Mensch in Gott verwurzelt ist, desto politischer ist er.

 

Und abschließend zur dritten Frage: Christen heute ist Kirchenzeitung und trotzdem von ihrem Selbstverständnis her kein Verlautbarungsorgan des Bischofs, der Kirchenleitung oder der Kirche. Sie ist ein Medium in der alt-katholischen Kirche, mit dem Berichte aus den Gemeinden, dem Bistum, der Utrechter Union und der Ökumene an die Kirchenöffentlichkeit transportiert werden. Im redaktionellen Teil wird in ihm aus gegebenen Anlässen aus christlicher Sicht und in Verantwortung des jeweiligen Redakteurs Position bezogen. Dass solche unter christlich-ethischen Gesichtspunkten und aus Sicht der uns Christen aufgetragenen Schöpfungsbewahrung brisanten Themen wie 25 Jahre Tschernobyl beziehungsweise die aktuelle Atomkatastrophe in Fukushima behandelt werden, auch als Schwerpunktthema und mit Leitartikel, ist aus meiner Sicht nicht nur gestattet, sondern schon fast zwingend.

 

Walter Jungbauer, Redakteur