Eine gute Nachricht

Wir bekommen vielleicht ein neues Lektionar!

 

Schaut man, was sich in den letzten Jahren in unserer Kirche im Bereich liturgische Bücher getan hat, so entdeckt man Erfreuliches. Das nicht mehr ganz neue Gesangbuch „Eingestimmt.“ ist meiner Meinung nach trotz mancher Kleinigkeiten, die man nach und nach in der Praxis entdeckt, noch immer das beste offizielle Gesangbuch einer Kirche, das ich in Händen hatte. Das Gebetbuch „Gottzeit.“ bietet viele gute Texte für den persönlichen wie den gemeinsamen Gebrauch. Das Heft zur Krankensalbung ist gelungen, ebenso das Rituale für Trauungen. Und natürlich das Eucharistiebuch! Nicht ohne Grund ist ein Vielfaches der Zahl verkauft worden, die in unserer eigenen Kirche benötigt wird. Schließlich konnten wir das neue Buch für Trauerfeiern in der letzten Ausgabe von Christen heute vorstellen. „Möge ‚Die Feier der Bestattung‘ eine so weite Verbreitung finden wie unser Altarbuch.“ – in diesem Wunsch fasst Klaus Rohmann seinen Eindruck davon zusammen.

 

Wenn ich daran denke, wie die Lage 1989 war, als ich ins Bistum kam! Das Gesangbuch war weitgehend mit dem römisch-katholischen Gotteslob identisch. Es gab ein dünnes Heft mit Eucharistiegebeten; Präfationen (Einleitungen zum Eucharistiegebet) und Orationen (Tagesgebet, Gabengebet und Schlussgebet) durfte man selbst texten. Auch bei Beerdigungen und Trauungen bestand weitgehende Freiheit – ich gebe zu, das hatte für mich auch seinen Reiz –, aber es gab eben auch kaum etwas, an das ich mich halten konnte und das die Arbeit erleichterte. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der manches Alte nicht mehr brauchbar und das Neue noch nicht fertig entwickelt war.

 

Alles, was seither erschienen ist, verdanken wir einer seit Jahren gut und effektiv arbeitenden Liturgischen Kommission beziehungsweise der Gesangbuchkommission. Im ökumenischen Vergleich ist das Tempo der Erarbeitung geradezu rekordverdächtig, ohne dass die theologische oder liturgische Gründlichkeit darunter gelitten hätte. Es ist mir ein Bedürfnis ganz herzlich dafür zu danken!

 

Und nun die Nachricht, die in mir Spannung ausgelöst hat, weil es nur zu schön wäre, wenn es so weit käme: Die Liturgische Kommission diskutiert die
Erarbeitung ein neues Lektionars, also eines Lesungsbuches für die Gottesdienste. Eine schöne Aussicht, bald nicht mehr neben den Lesungsbüchern noch ein Beiheft und ein Beiheft zum Beiheft verwenden zu müssen. Die Nachricht weckt in mir auch die Hoffnung, so manches Ärgernis loszuwerden und ebenso die Notwendigkeit, die größten Schnitzer in den bisher verwendeten römisch-katholischen Büchern ständig mit Bleistift auszubessern.

 

Gut, die meisten Lektorinnen und Lektoren in unserem Bistum werden wohl schon von sich aus automatisch die stumpfsinnige Wiedergabe des griechischen Wortes „adelphoi“ als „Brüder“ korrigieren, da es je nach Zusammenhang sowohl „Brüder“ wie „Geschwister“ heißen kann, meist aber vom Textsinn her letzteres bedeutet. Trotzdem ist es gut, wenn solche Fehler erst gar nicht im Buch auftauchen.

Aber auch typische Fehler der Einheitsübersetzung im Lektionar könnten bei dieser Gelegenheit verschwinden, wenn sie tendenziös römisch-katholisch übersetzt. Ist es zum Beispiel korrekt, das Wort „diakonos“ bei Männern mit der Amtsbezeichnung „Diakon“ wiederzugeben, während „diakonos“ Phöbe in Römerbrief 16,1 als „Dienerin“ übersetzt wird? Oder kann es angehen, den „Aufseher“ einer Gemeinde, den „episkopos“ als Bischof zu bezeichnen, Jahrzehnte bevor das Amt des Bischofs im späteren Sinn überhaupt entstanden ist?

 

So erhoffe ich mir, dass sowohl historisch-kritische exegetische wie auch historische Befunde angemessen berücksichtigt werden. Dann geht es eben nicht mehr an, eine „Lesung aus dem 1. Brief des Apostels Petrus“ vorzutragen, wenn unter Fachleuten als sicher gilt, dass der Brief gar nicht von Petrus geschrieben wurde. Da wäre dann eine „Lesung aus dem 1. Petrusbrief“ angebrachter.

 

Auch sprachlich kann sicher manches schöner und angemessener werden. Ich erinnere mich, dass ich mich als Kind immer gewundert habe, dass da in der Kirche ein „Brief an die Ölfässer“ gelesen wurde, was sich daraus erklärt, dass das „Ö“ im Karlsruher Dialekt zu einem langen „E“ wird, so dass bei schlechter Akustik leicht Epheser zu Ölfässern mutieren. Heute noch ist meine erste Assoziation, wenn ich „Brief an die Römer“ höre: „Die spinnen, die Römer!“ Hat Paulus wirklich an alle Römer geschrieben? Ich hoffe darauf, dass im neuen Lektionar stehen wird: „Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom“.

 

Ich kann nicht einschätzen, wie das mit den Abdruckerlaubnissen ist und ob es sehr teuer würde, verschiedene Übersetzungen zu verwenden. Aber ich stelle mir das großartig vor, wenn wir immer die gelungenste Übersetzung hören könnten, mal die Einheitsübersetzung, aber auch mal Martin Luther, mal die Bibel in gerechter Sprache, mal die Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, dann wieder die Gute Nachricht oder Fridolin Stier. Wobei ich zugebe, dass Theologen lange darüber streiten können, welche Übersetzung die angemessenste ist.

 

O ja, ich stelle mir das schön vor. Ich weiß auch, es bedeutet eine Menge Arbeit für diejenigen, welche sich die Zusammenstellung des Lektionars vornehmen. Das ist wohl auch der Grund, warum die Liturgische Kommission die Erarbeitung bisher nur „diskutiert“, aber noch nicht beschlossen hat. Ich hoffe darauf, dass sie den Gewaltakt wagen wird. Einstweilen will ich damit zufrieden sein, wenn, wie geplant, als erster Schritt unsere Ergänzungshefte überarbeitet und zusammengeführt werden – das ist immerhin ein Anfang. Auch dafür danke ich und ich wünsche gutes Gelingen!

 

Gerhard Ruisch