Frühling in Chambésy

Seminar junger Theologen der orthodoxen und alt-katholischen Kirchen

 

In Chambésy bei Genf trafen sich am 7. und 8. April 2011 junge Theologinnen und Theologen alt-katholischer und orthodoxer Kirchen zu einem gemeinsamen Seminar mit der Überschrift „Historische, ekklesiologische und liturgietheologische Aspekte der orthodox/alt-katholischen Dialogtexte“.

 

Acht alt-katholische Teilnehmende waren aus den Niederlanden, der Schweiz, Polen, Österreich und Deutschland angereist. Die zehn orthodoxen Teilnehmenden stammten ebenfalls aus verschiedenen Ländern und absolvieren zurzeit ein zweijähriges Nachdiplomstudium in Chambésy. In dem Genfer Vorort unterhält das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel seit den 1960-er Jahren ein Zentrum, das neben der innerorthodoxen Kommunikation insbesondere den ökumenischen Beziehungen mit anderen Kirchen dient.

 

Im großen Saal des Hauses tagte das Seminar an historischem Ort. Denn genau dort hatten in den 70-er und 80-er Jahren die meisten Vollversammlungen der gemischten Theologischen Kommission für den orthodox/alt-katholischen Dialog stattgefunden und waren die weitreichenden Konsenstexte zur „Koinonia auf altkirchlicher Basis“ erarbeitet worden. Leider war die erfolgreiche theologische Arbeit ohne praktische Konsequenzen geblieben. Im Gegenteil war der offizielle Kontakt zwischen den Kirchen aus verschiedenen Gründen weitgehend zum Erliegen gekommen.

 

Erst im Jahr 2004 war auf Beschluss des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel sowie der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz eine neue orthodox/alt-katholische Arbeitsgruppe gebildet worden, die den Dialog neu beleben sollte. So war diese Arbeitsgruppe auch die Initiatorin des gemeinsamen Seminars. Ein wichtiges Ziel dabei war die Weitergabe der orthodox/alt-katholischen Ökumene an die jungen Theologinnen und Theologen. Denn nach fast 25 relativ stillen Jahren bestand die Gefahr, dass das schon Erreichte und noch zu Erreichende aus dem Blick und mit dem Ausscheiden passionierter Protagonisten ganz in Vergessenheit gerät.

 

Der erste Seminarteil hatte einen hinführenden Charakter und öffnete den Horizont für das gegenseitige Verstehen. Prof. Dr. Grigorios Larentzakis (Graz – Chania/Kreta) führte in die „Orthodoxie und ihre Stellung zur Ökume“ ein. Dozent Dr. Mattijs Ploeger (Utrecht) referierte über die „Alt-Katholische Kirche und ihr Anliegen“.

 

Der zweite Teil des Seminares stellte die gemeinsamen Texte der gemischten orthodox/alt-katholischen Kommission in den Mittelpunkt. Prof. Dr. Konstantinos Delikostantis (Athen) und Prof. Dr. Urs von Arx (Bern) beleuchteten in ihren Vorträgen ausgewählte ekklesiologische Aspekte. Es schloss sich außerdem ein Referat von Archimandrit Dr. Job Getcha (Chambésy) über den „Ort des liturgischen Lebens im Dialog zwischen Orthodoxen und Alt-Katholiken“ an.

 

Neben den Referenten und den Studierenden waren auch Prof. Dr. Angela Berlis (Bern) und Prof. Dr. Vlassios Fidas (Athen) am Seminar beteiligt. Zudem gaben Metropolit Jeremias Kaligioris sowie Bischof Dr. Harald Rein durch ihre Anwesenheit und Grußworte der Veranstaltung Gewicht.

 

Beide Seminartage begannen jeweils mit dem Orthros, dem byzantinischen Morgenlob, in der Pauluskirche des Orthodoxen Zentrums. Dort konnte außerdem eine Vesper nach christkatholischer Ordnung miteinander gesungen werden. Außerdem gab es in den Pausen und bei den Mahlzeiten gute Gelegenheiten zur Begegnung.

 

Nach meinem Eindruck haben die gemeinsamen Tage einiges in Bewegung gebracht und eine neue Generation für das ökumenische Erbe der beiden Kirchen wach gemacht. Es ist eben etwas anderes, ob man bloß Dialogtexte studiert und hinterfragt oder ob sich Kirchen in ihren Gliedern begegnen, miteinander sprechen und miteinander beten. Dann kommt mitunter eine Dimension hinzu, die nicht allein aus menschlichem Überlegen ableitbar, sondern gottgeschenkt ist. Gerade der orthodox/alt-katholischen Ökumene ist zudem eine besondere Faszination zu eigen, die dem gemeinsamen Bezugspunkt „Alte Kirche“ entspringt. Es ist eine Ökumene nicht bloß der Freundschaft, sondern auch der Wahrheit, in der die eine Kirche in der jeweils anderen – sicher oft zaghaft – viel von sich selbst finden und erkennen kann.

Während der Seminartage ließen warme Temperaturen am Genfer See den Frühling hervorbrechen. Solch ein Neubeginn ist auch dem orthodox/alt-katholischen Miteinander zu wünschen.

 

Oliver Kaiser