Profil: Alt-katholisch

 

Es geht mir wie wohl nahezu jedem alt-katholischen Kirchenmitglied: Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, die zum ersten Mal von der Alt-Katholischen Kirche hören – was eher die Regel als die Ausnahme darstellt –, werde ich relativ bald gefragt: „Und was unterscheidet Euch jetzt von der katholischen Kirche?“.

 

Vorsicht! Falle!

 

Sofort kann dann die Falle zuschnappen, sich über die Abgrenzung zur großen römisch-katholischen Schwester zu definieren. Das hat zwar auf der einen Seite den Vorteil, dass auf der Gegenseite das häufig vorhandene Vorurteil „katholisch = erzkonservativ“ aufgebrochen wird. Aber es führt gleichzeitig dazu, dass der direkte Vergleich bei den Mitgliedszahlen und der Entfernung zur nächsten alt-katholischen Gemeinde oder Gottesdienststation dann auch sehr schnell eine beim Gesprächspartner möglicherweise aufkeimende erste Euphorie abwürgt. Und es hat zur Folge, dass ich schon fast vergesse, mir über mein eigenständiges alt-katholisches Profil Gedanken zu machen. Das Profil einer selbstständigen, katholischen Kirche, die auch ohne die Negativ-Folie der römisch-katholischen Schwester existent ist.

Manchmal habe ich das Gefühl, es ergeht mir dann dabei wie der Stadt Berlin mit dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof: Seit Mai 2010, also seit gut einem Jahr, ist der Flughafen Tempelhof stillgelegt. Geblieben ist eine große, weite, grüne Fläche. Mitten in der Stadt. Und die Menschen sind glücklich damit und fühlen sich in dieser Großstadt-Oase sehr wohl. Es wird gejoggt, gegrillt, gespielt oder einfach nur lustgewandelt. 1,5 Millionen Besucher waren binnen eines Jahres auf dem ehemaligen Rollfeld. Dennoch konzentriert sich die Stadt auf die Frage, was sie aus diesem Gelände machen sollte. Ein künstlicher See ist im Gespräch. Und ein Kletterberg. Und vieles mehr. Trotz der allseits bekannten klammen Kassen der Bundeshauptstadt. Dabei müssten die Verantwortlichen nur die Augen aufmachen, um das zu sehen, was bereits da ist: Ein von den Bewohnern geliebter Park, eine weite Fläche, einfach schön.

 

Auch wir müssen ganz einfach die Augen aufmachen und sehen, was alles da ist, statt irgendwelche Träume davon zu haben, was alles da sein könnte oder sollte. Und ich glaube, unser Profil hat sehr viel mehr zu bieten als wir uns oftmals auf Grund der eingangs beschriebenen Falle bewusst machen.

Was also zeichnet unser Profil als eigenständige katholische Kirche aus? Ich versuche mal, ein paar Punkte in einigen kurzen Stichworten zu umschreiben:

 

Traditionell-katholisch

 

Bei diesem Stichwort sehe ich vor meinem geistigen Auge schon einige Augenbrauen von Lesern in die Höhe gehen. Warum bringe ich ausgerechnet das „Traditionelle“ als erstes Stichwort?

 

Hinter dieser Zurückhaltung dem Begriff „traditionell“ gegenüber verbirgt sich eine verständliche Sorge, da dieses Stichwort in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung sehr schnell mit „verknöchert“ oder „ewig-gestrig“ verwechselt wird. Aber wenn ich auf die alt-katholische Kirche schaue, dann entdecke ich eine große Liebe zur Tradition. Nicht zuletzt bei unserer Form des Gottesdienstes, der Liturgie, der Spiritualität. Und auch bei unserer synodalen Kirchenordnung, dem Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht aller Kirchenmitglieder, berufen wir uns ja auf urkirchliche Traditionen. Erst vom dritten Jahrhundert an wurden die Synoden zu reinen Bischofsversammlungen.

 

Zudem begründen wir selbst unseren Eigennamen „alt-katholisch“ in einer starken Traditionsverbundenheit. Denn die Beschlüsse von 1870 – Unfehlbarkeit und oberste Richtergewalt des Papstes – wurden abgelehnt, weil sie nicht in Schrift und Tradition begründbar seien. Und wir haben gesagt, dass wir – im Gegensatz zu diesen Beschlüssen – beim „alten“ katholischen Glauben bleiben, also der eigentlichen katholischen Tradition verbunden. Und gerade auch im Gespräch mit evangelischen oder freikirchlichen Geschwistern und im Erleben ihrer Kirchlichkeit fällt mir immer wieder besonders eindrücklich auf, wie tief wir Alt-Katholiken in diesen katholischen Traditionen verwurzelt sind.

 

Wir sind und bleiben der Tradition eng verbunden. Aber, um es mit einem Wort des Komponisten Gustav Mahler zu sagen, bei uns darf auch immer deutlich werden: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“ Tradition ist lebendig, nicht starr und erstarrt.

 

Aufgeklärt-katholisch

 

Daher gehört auch das Stichwort „aufgeklärt“ für mich zu einem wichtigen Aspekt des Alt-Katholizismus. Denn es hilft dabei, über der Liebe zur Tradition nicht unversehens in den Traditionalismus zu verfallen.

 

Fundamentalismus dürfte in der alt-katholischen Kirche eigentlich keine Chancen haben. So findet der Umgang alt-katholischer Theologie mit Schrift und Tradition sinnvollerweise unter dem Aspekt der historisch-kritischen Methode statt. Daher ist beispielsweise die Bibel natürlich die verbindliche Glaubensgrundlage. Aber sie wird dennoch mit historisch-kritischem Blick betrachtet, wodurch ein vordergründiger Blick auf die Buchstaben und Worte ergänzt wird durch einen tiefgründigen Blick auf die darin verborgenen Offenbarungs- und Glaubensgeschichten und Glaubenserfahrungen.

 

Dies ist letztlich auch einer der Gründe, die in der alt-katholischen Kirche schließlich die Möglichkeit eröffnet haben, Frauen für den diakonalen, priesterlichen und bischöflichen Dienst zuzulassen. Denn nur ein historisch-kritischer Blick auf die Schrift und die Tradition hat beispielsweise deutlich gemacht, dass es auch Frauen gab, die in der christlichen Ursprungszeit die Aufgaben gehabt haben, auf die sich der apostolische Dienst als Diakon, Priester oder Bischof bezieht.

 

Zudem ermöglicht diese Einstellung auch ein echtes ökumenisches Miteinander der alt-katholischen Kirche mit anderen Konfessionen bis hin zur Kirchengemeinschaft. Die Vereinbarung über die Gemeinschaft mit den anglikanischen Kirchen ist für mich hier beispielgebend, wo es im dritten Absatz heißt: „Volle Kirchengemeinschaft (Full Communion) verlangt von keiner Kirchengemeinschaft die Annahme aller Lehrmeinungen, sakramentalen Frömmigkeit oder liturgischen Praxis, die der anderen eigentümlich ist, sondern schließt in sich, daß jede glaubt, die andere halte alles Wesentliche des christlichen Glaubens fest.“ Unsere eigene konfessionelle Lehrmeinung ist nicht der ultimative Maßstab, an dem sich die andere Kirche messen lassen muss, damit wir uns auf eine Gemeinschaft mit ihr einlassen können, sondern das Vertrauen darauf, dass gemeinsam das Wesentliche des christlichen Glaubens festgehalten wird. Das entspricht der christlichen Einheit in konfessioneller Vielfalt, wie ich sie bei nüchternem historisch-kritschem Blick bereits unter den urchristlichen Gemeinden vorfinden kann.

 

Vernetzt-katholisch

 

Auch ein dritter Aspekt ist mir beim Nachdenken über die Frage eines alt-katholischen Profils wichtig geworden: Die Profilierung des Alt-Katholizismus als „Vernetzt-katholisch“.

 

Für mich beinhaltet dies die in der alt-katholischen Kirche nahezu nicht ausgeprägten Hierarchien und die fast vollständig fehlende Bürokratie. Ich würde die Struktur in der alt-katholischen Kirche eher als „vernetzt“ ansehen, als eine Gemeinschaft, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen, in der sich viele in den Gemeinden, aber auch quer über die Gemeinden im ganzen Bistum kennen, und in der die Mitglieder ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit empfinden.

 

Ein Grund sind die vergleichsweise wenig komplexen Strukturen, die mit der zahlenmäßigen Kleinheit der alt-katholischen Kirche zusammenhängen.

Diese Kleinheit bereitet uns zwar oft genug auch Kopfzerbrechen, wenn wir beispielsweise in manchen Gegenden Deutschlands nur in Spurenelementen vorhanden sind und dort zum Gottesdienst manchmal nur das Lied „Lieber Jesu, wir sind vier“ anstimmen können. Auch die Entfernungen, die sowohl von Seiten der Gemeindemitglieder als auch der Geistlichen zur nächsten Gemeinde oder Gottesdienststation oftmals zurückzulegen sind, stellen eine besondere Herausforderung dar und behindern leider an manchen Orten ein aufblühendes kirchliches Leben.

 

Diese „kleinen Strukturen“ haben aber auch zur Folge, dass wir keinen bürokratischen Wasserkopf aufgebaut haben, der für uns nur noch ein anonymes Ordinariat oder Kirchenamt darstellt. Es kann einem vielmehr passieren, dass man sofort den Bischof erreicht, wenn man das Ordinariat kontaktiert. Und wir haben es im Regelfall noch mit Gemeindestrukturen zu tun, bei denen der Pfarrer oder die Pfarrerin nicht vorrangig mit Verwaltung und dem Abfeiern von Sonntags-Gottesdiensten beschäftigt ist, sondern wo noch echte Seelsorge und Spiritualität möglich sind und die Geistlichen ihre Gemeindemitglieder und diese sich untereinander normalerweise noch kennen.

 

Selbst wenn wir wachsen, sollten wir uns daher darum bemühen, diese positiven Aspekte einer „kleinen Struktur“ nicht zu verlieren.

 

... und vieles mehr

 

Selbstverständlich erhebe ich mit diesen wenigen „Profil-Aspekten“ keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Ich gehe eher davon aus, dass sie noch um zahlreiche Punkte ergänzt werden können. Und sicherlich gibt es auch noch vieles, wo wir uns weiterentwickeln müssen und können, um wirklich eine „Kirche für Menschen heute“ zu sein und zu bleiben, wie wir dies ja immer von uns behaupten.

 

Aber vielleicht können diese Überlegungen eine Anregung sein, sich noch intensiver damit zu beschäftigen, was unser eigenständiges Profil als alt-katholische Kirche ausmacht. Ich würde mich darüber freuen.

 

Walter Jungbauer