Unser neues Bestattungsrituale

 

Im April hat unsere Liturgische Kommission das angekündigte Gebet- und Handlungsbuch „Die Feier der Bestattung“ vorgelegt. Sie war sich bewusst, dass sie hohen Ansprüchen genügen muss. Ist doch den kirchlichen Bestattungen eine große säkulare Konkurrenz erwachsen. Die Begräbnisinstitute vermitteln Trauerredner, die oft auf hohem Niveau und ansprechend ihre Dienste anbieten. Eine kirchliche Bestattung bedarf deshalb heute einer großen Sorgfalt in der Vorbereitung und Durchführung; und es verbietet sich eine jede Routine. Zudem haben die Formen einer Bestattung erheblich zugenommen. Die Feuerbestattung, die übrigens in unserer Kirche nie verboten war, hat in Deutschland an Häufigkeit enorm zugenommen. Dies hängt auch damit zusammen, dass wegen der Mobilität der Bevölkerung und eines veränderten Freizeitverhaltens für viele ein regelmäßiger Grabbesuch und eine Grabpflege nicht mehr möglich erscheint. Aber auch im Rahmen einer Feuerbestattung haben sich die verschiedensten Formen herausgebildet: Gottesdienste mit Sarg und anschließender Verbrennung, mit Urne und anschließender Beisetzung. Eine Eucharistie ohne Anwesenheit des Verstorbenen, der andernorts beigesetzt wird und so weiter. Das neue Rituale trägt dem Rechnung und bietet Texte und Gestaltungsmöglichkeiten für die verschiedensten Gegebenheiten an.

 

An dem Buch mag zunächst der Titel irritieren: „Feier der Bestattung“. Bei den Sakramenten sind wir es gewohnt, von einer Feier zu reden. Aber im Hinblick auf Verstorbene? Feier verbinden wir doch mit Fest und Freude. Die Autoren machen aber darauf aufmerksam, dass es sich hier ja nicht um eine Feier des Todes handelt. Wie im Kirchenjahr der Karfreitag und Ostern zusammen gesehen und gefeiert werden, so gilt es hier den Tod im Horizont der Auferstehung zur Sprache zu bringen.

 

Ein Buch für wen und zu welchem Ziel?

 

Für wen soll die Feier ausgerichtet werden? Sie richtet sich an die Angehörigen. Ihnen soll eine Möglichkeit zur Trauerbewältigung gegeben, Trost gespendet und eine Perspektive der Hoffnung eröffnet werden. Die Bestattung wird nicht als ein Ehrendienst an dem Verstorbenen gesehen, wie im früheren römischen Kirchenrecht, so dass bei einem bestimmten Fehlverhalten zu Lebenszeit das Begräbnis auch verweigert werden musste. Es müsste hinzugefügt werden: Zielgruppe sind auch die mehr oder minder zahlreichen Gäste. Ihnen gegenüber – gedacht werden muss vor allem an die Kirchenfernen – besteht die Gelegenheit, von der christlichen Auferstehungshoffnung Zeugnis zu geben. Besonders im Fall einer gewissen Betroffenheit könnte bei ihnen eine Nachdenklichkeit erweckt werden.

 

Bei einer alt-katholischen Bestattungsfeier sollte aber nicht der Leiter als einziger Kirchenvertreter anwesend sein. Das Rituale ist nicht einfach ein Rollenbuch für den Priester. Der sollte die Gemeinde über einen Todesfall in der Gemeinde rechtzeitig informieren, auch schon, wenn der Bestattungstermin noch nicht feststeht. Auch in einer kleinen Gemeinde gibt es hinreichend Ältere, die Zeit für eine Teilnahme haben. Einzelne könnten Dienste wie sonst im Gottesdienst übernehmen: als Lektoren oder Vorbeter der Fürbitten. Schließlich sind viele Texte zum Singen eingerichtet und mit Noten versehen. Dies geht aber kaum ohne Gemeinde.

 

Die Sprache des Buches

 

Kommen wir zu den Texten. Es ist wichtig, dass sie in einer heute gebräuchlichen und verständlichen Ausdrucksweise verfasst sind und deutlich vorgetragen werden. Schließlich findet die Bestattung eines Menschen nur einmal statt; und Angehörige erinnern sich lange noch an Schludrigkeiten und Unverstandenes. Der Kommission kann bescheinigt werden, dass sie in einer geläufigen Sprache in kurzen Sätzen formuliert und den üblich gewordenen Beerdigungsjargon vermeidet. Ich nenne einige wenige Beispiele. Wir vernehmen nicht: „Blicke auf diese Familie, die um einen lieben Verstorbenen trauert.“ Eine solch unpersönliche Formulierung könnte die Familienangehörigen schmerzen. Nein, es wird gesagt, um wen es sich handelt: ob Vater, Mutter oder ein Kind usw. Vom „letzten Geleit“ ist glücklicherweise auch nicht mehr die Rede. Als ob das auch alles wäre, was wir bieten können. Leer und unecht wirken Sätze wie: „Wir alle möchten zum Ausdruck bringen, dass wir an Ihrer Trauer mittragen.“ Eine solche Behauptung trifft in den wenigsten Fällen zu und findet sich daher auch nicht in unserem Ritenbuch. Auch der Ausdruck „deine Dienerin/dein Diener“ kommt nicht vor. Solche Wörter wirken recht unpersönlich. Das Bestattungsrituale nimmt hingegen die Verstorbenen als Personen ernst und spricht von ihnen keineswegs in der dritten Person, sondern – und dies ist beileibe nicht das Unwichtigste – benennt sie stets bei ihren Namen. Damit sind wir bei der Theologie.

 

Verantwortung gegenüber der Theologie

 

Die Liturgische Kommission zeigt Verantwortung gegenüber dem, was eine heutige Theologie an Verdeutlichungen geleistet hat, ohne den Vorbeter und Beter auf bestimmte Autoren zu verpflichten. Vielmehr setzt man auf das, was allmählich Allgemeingut geworden ist. Die noch im 19. Jahrhundert populäre Vorstellung einer Trennung von Leib und Seele findet keinen Raum. Der Tod wird als Durchgang zur Auferstehung begriffen. Wird das am Leib, was vergänglich ist, der Erde übergeben, so spricht man in der Person, die nun hinübergeht zum Leben, dennoch den ganzen Menschen an, den Gott bei seinem Namen gerufen hat. „Ewiges Leben“ meint kein unendlich langes Leben, sondern eine besondere Qualität des Lebens, zu dem Gott – so die Texte zur Zeichenhandlung der Besprengung mit Wasser – in der Taufe berufen hat. Dies wird im Durchgang durch den Tod entfaltet zu einer Teilhabe am Leben Gottes.

 

Was ich noch gewünscht hätte

 

Der Verstorbene tritt aber nicht als einsames „nacktes“ Ich vor Gott hin. Er hat in Beziehungen gelebt, und die Beziehungen bilden seine Lebensgeschichte. Dieses biografische Feld und damit seine vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen streift er im Tode nicht ab wie ein Schauspieler sein Kostüm, wenn das Stück aus und seine Rolle beendet ist. Andernfalls wäre das Leben auf dieser Erde und auch alles, was ihm lieb und teuer war, unwichtig und belanglos geworden. Für die Angehörigen ist es auch ein Trost zu wissen, dass die Lebensgeschichte, die der Verstorbene oder die Verstorbene mit ihnen und auch für sie erstritten und erlitten hat, nicht einfach weggestrichen ist. Nun trägt das Verhältnis zu den Mitmenschen immer auch oft bleibende Wunden und Narben, und zwar so sehr, dass der Verstorbene mit seinem Beziehungsgeflecht nicht ungetrübt die „Freude und den Frieden“ bei Gott erleben kann. Darum hätten die Texte nicht nur die Barmherzigkeit Gottes für den Verstorbenen als Einzelwesen anrufen sollen, sondern auch für die Läuterung und Heilung seiner Beziehungen zu beten anleiten sollen.

Was ich in den Texten vermisse, könnte in der Ansprache aufgegriffen werden, hier aber mit besonderem Fingerspitzengefühl. Auf jeden Fall sollte eine Ansprache nicht fehlen, und zwar nicht nur als Auslegung der reichlich angebotenen Schrifttexte, sondern auch unter Einbeziehung biografischer Bezüge.

Möge „Die Feier der Bestattung“ eine so weite Verbreitung finden wie unser Altarbuch.

 

Klaus Rohmann