„Ein freies Wort zur rechten Zeit“

Zum 125. Todestag von Professor Friedrich Michelis

 

Allein schon eine Auswahl der Titel seiner Buchveröffentlichungen ist beeindruckend: „Die Philosophie Platons in ihrer inneren Beziehung zur geoffenbarten Wahrheit. Kritisch aus den Quellen dargestellt“, „Preußen‘s Beruf für Deutschland und die Weltgeschichte. Ein freies Wort zur rechten Zeit“, „De Aristotele Plantonis in idearum doctrina adversario. Commentatio critica“, „Anti-Darwinische Beobachtungen“, „Die Philosophie des Bewusstseins“, „Katholische Dogmatik“, „Hobelspäne. Gedichte mit geharnischtem Vorworte“. Sie lässt ahnen: Friedrich Michelis war ein Universalgelehrter, wie es heute wahrscheinlich keine mehr gibt. Die Liste seiner Veröffentlichungen (Bücher, Aufsätze und Rezensionen) im „Biographisch-bibliographischen Kirchenlexikon“ umfasst unglaubliche 42.380 Zeichen mit Leerzeichen; das entspricht etwa sechseinhalb Seiten reinem Text ohne jedes Bild in Christen heute, und das sind alles nur Titel! Darunter auch Werke wie die „Katholische Dogmatik“ mit 1.000 Seiten – Zeitgenosse Karl May mit seinen 75 Bänden ist ein Waisenknabe gegen diesen Autor.

 

Lebenslauf

 

Die Universalität von Michelis‘ Denken spiegelt sich auch im Lebenslauf. Am 27. Juli 1818 wurde Friedrich Michelis in Münster in Westfalen geboren. Der Vater, der Kupferstecher Franz Michelis, starb bereits 1835 und ließ seine Frau und neun Kinder zurück. „Er vererbte aber seinen Kindern eine echte Künstler-Begabung und -Begeisterung sowie einen wackeren Soldatenmuth, der sich in schwierigen Lebenslagen zu bewähren nur zu oft Gelegenheit finden sollte“, so kann man in der „Allgemeinen Deutschen Biografie“ lesen.

Nach dem Besuch des Gymnasiums empfing er schon im Alter von 20 Jahren die Priesterweihe. Nach einigen Jahren als Hauslehrer beim Grafen von Westfalen zu Laer studierte er Philologie in Bonn, um dann Kaplan und Gymnasiallehrer in Duisburg zu werden. 1849 wurde er in Bonn zum Doktor der Philosophie promoviert; bei der öffentlichen Disputation traf er zum ersten Mal auf Josef Hubert Reinkens, den späteren ersten alt-katholischen Bischof. Er wurde Dozent an der philosophisch-theologischen Lehranstalt in Paderborn, bis er 1854 Direktor des Priesterseminars in Münster wurde; dort fiel er schon nach einem Jahr in Ungnade, weil er im Gegensatz zum Bischof nicht der Ansicht war, dass bereits die Alumnen Soutane zu tragen hätten. Er wurde neun Jahre lang Pfarrer der kleinen Gemeinde Albachten.

 

Schwere Zeiten

 

Die Liebe zur Kirche prägte sein Wirken in dieser Zeit; in Vorträgen und Diskussionsrunden engagierte Michelis sich für die Idee der katholischen Kirche, die er in einem Vortragsentwurf von 1870 als „die Verwirklichung der Liebe Gottes auf Erden“ bezeichnete. „Während kritischere Naturen schon die stärker andrängende Unterströmung neurömischen Geistes durchschaut und sich von diesen lauten Bethätigungen katholischer Ueberzeugung fern zu halten begonnen hatten, war M. für die Oeffentlichkeit zu einem Vertreter des ritterlichen Ultramontanismus, nach einem Worte Nippold’s, herangewachsen“, schreibt die „Allgemeine Deutsche Biographie“ über die Zeit in Albachten.

Da Michelis sich auf Dauer in dem kleinen Dorf isoliert fühlte, hätte er gerne einen weiteren Wirkungskreis gefunden, aber weil sein Bischof ihm nach wie vor feindlich begegnete, erhielt er keine Gelegenheit zu einer einflussreicheren Tätigkeit. Auch seine literarische Tätigkeit hatte nicht den erhofften Erfolg, weil selbst seine an lange Sätze und umständliche Formulierungen gewöhnten Zeitgenossen seine Werke als schwer leserlich empfanden. Ein beliebig aufgeschlagener Satz aus Michelis „Katholischer Dogmatik“ (Bd. II, S. 185 der Ausgabe von 1881) mag illustrieren, was gemeint ist: „An diesen Standpunkt der kirchlichen Anschauung reicht Biedermann noch gar nicht heran, wenn er S. 516 Schenkel gegenüber durch die natürliche Zeugung nicht eine Superiorität, sondern nur eine Priorität des natürlich-organischen Lebens im Menschen vor dem geistigen bedingt sein lässt, diese Priorität aber einfach nur als die gottgewollte essentielle und nothwenige Naturvoraussetzung der menschlichen Geistesentwicklung betrachtet, was freilich mit der rein mythischen Auffassung des Faktums der Erbsünde und dem unsicheren Begriffe der Sünde nahe genug zusammenhängt, aber kaum einmal dem, was Biedermann als den realen Gehalt im Dogma der Erbsünde festhält, genug thut.“ Seine Stärke war das gesprochene Wort, wovon später gedruckte Vorträge leider keinen angemessenen Eindruck vermitteln können.

1864 endlich konnte Michelis die kleine Seelsorgestelle verlassen und wurde als Philosophieprofessor ans Lyzeum in Braunsberg berufen. Dieses Amt bekleidete er bis an sein Lebensende, auch wenn er es ab 1870 nicht mehr ausüben durfte. Er konnte seine philosophischen Ansichten weder gegen die herrschende Neuscholastik durchsetzen, noch fand er großen Rückhalt im Kreis der Fachgelehrten; immer stärker wurde er aus ultramontanen, also sehr papsttreuen Kreisen angefeindet. Auch seine Auseinandersetzung mit Darwins Evolutionslehre fand wenig Anerkennung. Eine kurze Phase als Reichstagsabgeordneter in Berlin endete, als Michelis 1867 sein Mandat niederlegte, weil ihm seiner Ansicht nach auf ungerechtfertigte Weise das Wort entzogen worden war – alles in allem menschlich schwierige Jahre.

 

Gegen den „Verwüster der Kirche“

 

Ein neues Kampffeld tat sich auf, als das 1. Vatikanische Konzil die Dogmen von der Unfehlbarkeit und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes erließ. Am 27. Juli 1870 noch, dem Tag der Verkündigung, klagte er Papst Pius IX. als „Verwüster der Kirche“ an: „Ich, ein sündhafter Mensch, aber fest im heiligen katholischen Glauben, erhebe hiermit vor dem Angesichte der Kirche Gottes offene und laute Anklage gegen Pius IX. als einen Häretiker und Verwüster der Kirche, weil und insoweit er durch mißbrauchte Form eines allgemeinen Conciliums den weder in der hl. Schrift noch in der Ueberlieferung begründeten, vielmehr der von Christus angeordneten Verfassung der Kirche direct widersprechenden Satz, daß der Papst getrennt von dem Lehrkörper der unfehlbare Lehrer der Kirche sei, als einen geoffenbarten Glaubenssatz hat verkündigen lassen und somit versucht hat, das gottlose System des Absolutismus in die Kirche einzuführen.“ Das kostete ihn seine Professorentätigkeit, wenn auch die preußische Regierung seine Stellung schützte. Von da an setzte sich Michelis energisch bei Kongressen und Synoden für die Gestaltung der entstehenden alt-katholischen Kirche ein. Zudem wurde er einer der großen Vortragsredner der alt-katholischen Bewegung, die durch das ganze Reich reisten, um das alt-katholische Anliegen zu vertreten und zu erläutern.

 

Pfarrer in Freiburg

 

1875 wurde Michelis der erste Pfarrer der alt-katholischen Gemeinde Freiburg. Auch wenn er in dieser Zeit seine schriftstellerische Tätigkeit fortsetzte, ist über die Freiburger Zeit wenig zu erfahren. Das „Lexikon westfälischer Autorinnen und Autoren“ weiß gar nur, dass er „einige Zeit in Freiburg lebte“ und lässt ihn 20 Jahre zu früh sterben. Doch die bereits zitierte „Allgemeine Deutsche Biographie“ kennt sogar die Umstände seines Todes ganz genau: „Am 28. Mai 1886, an einem Freitage, erstieg er bei schwülem Wetter zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags den Schloßberg; oben angekommen, setzte er sich hin, um einen erfrischenden Trunk zu nehmen, aber Vorher sank sein Haupt nieder; ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht. In Freiburg fand er seine letzte Ruhestätte.“

 

Gerhard Ruisch