Mutiges Gehen in die Zukunft

Fragen an Alexandra Caspari

 

Sind Sie in Ihrem Dienst als Diakonin oder als Priesterin schon einmal auf Widerspruch oder gar Anfeindungen gestoßen, weil Sie eine Frau sind? Wie lange sind Sie schon im Amt?

 

Das kann ich ganz kurz mit einem Nein beantworten. Ich wurde im März 2004 zur Diakonin geweiht, bin also nun sieben Jahre im Amt und wurde überall herzlich und offen aufgenommen. Ich möchte sogar behaupten, dass ich manchmal einen kleinen Frauenbonus hatte. Als ich in Augsburg anfing, war ich ja die einzige Priesterin im hauptamtlichen Dienst und da habe ich bei den Gemeindemitgliedern auch einen gewissen Stolz darüber erlebt. Ich führe die positiven Erfahrungen, die ich gemacht habe, darauf zurück, dass sich unser Bistum mit der Entscheidung für die Frauenordination lange Zeit genommen hat, und nichts übers Knie gebrochen wurde.

 

Ist es für Sie schwierig, eine seit Jahrhunderten männlich geprägte Rolle auszufüllen?

 

Auch das kann ich für mich mit einem Nein beantworten. Ich fülle dieses Amt als Mensch Alexandra Caspari aus, mit allem, was ich mitbringe – also auch als Frau. Aber eben nicht nur. Außerdem entdecke ich in meinen Aufgabenfeldern vieles, was man immer eher den Frauen zugeschrieben hat: Ganzheitliche Erfahrungen im Gottesdienst ermöglichen, Empathie… – warum also sollte es einer Frau schwer fallen dieses Amt auszufüllen?

 

Eine heikle Frage: Gibt es einen Punkt, an dem Sie denken, dass Sie den männlichen Priestern überlegen sind?

 

Nein, das denke ich nicht. Es ist einfach so, dass ich manches vielleicht besser kann als ein Kollege, anderes wieder nicht. Das ist doch ganz normal. Wir bringen unsere Fähigkeiten mit und setzen sie ein. Im Übrigen kenne ich männliche Kollegen, die ich als noch sehr viel empathischer einschätze als mich selbst!

 

Es gab in Christen heute eine kleine Diskussion über die geschlechtergerechte Sprache in unserem Bistum. Wie stehen Sie dazu?

 

Für mich hat diese Diskussion sehr viel mit Aufmerksamkeit zu tun. Wenn ich als Liturgin stellvertretend für die Gemeinde ein Gebet spreche, habe ich die große Verantwortung, dass sich darin niemand ausgegrenzt fühlt. Somit möchte ich die geschlechtergerechte Sprache in der Liturgie als Selbstverständlichkeit ansehen. Und so unaufgeregt und normal würde ich mir auch wünschen, dass wir damit umgehen.

 

Welche Aspekte Ihrer Arbeit machen Ihnen besonders viel Freude?

Ich finde es großartig, dass die Arbeit so vielfältig ist. Sicher, momentan bin ich sehr mit Baufragen befasst. Aber auch darin sehe ich für mich ein großes Lernfeld – denn ich darf mich in Sachverhalte hinein denken, die ich nicht in meinem Theologiestudium gelernt habe. Wir reden heute in der Arbeitswelt gerne vom lebenslangen Lernen. Genau das erfahre ich in meinen unterschiedlichen Aufgabenfeldern – das Lernen hört nie auf. Denn eine Gemeinde ist nichts Statisches – sie verändert sich so, wie Menschen auch nicht die gleichen bleiben. Und mit diesen Menschen zu arbeiten, mit Jung und Alt, das ist einfach großartig.

 

Gibt es auch Felder, die Ihnen weniger liegen oder die Sie nicht so gerne bearbeiten?

 

Na ja, es gibt schon Aufgaben, da bin ich froh, wenn ich sie hinter mich gebracht habe. Aber das ist doch ganz normal. Ich finde es aber wichtig, dass man den ungeliebten Aufgaben nicht das Gewicht gibt, dass sie anderes erdrücken können. Wir alle kennen in unserem Beruf diese Erfahrungen, und es ist für uns alle eine Aufgabe, damit umzugehen. Und manchmal eröffnen sich gerade in den unangenehmen Aufgaben ganz neue Einsichten…

 

Haben Sie sich ein biblisches Leitwort zu Ihrer Priesterweihe und Primiz gewählt? Welches ist das? Und würden Sie es heute wieder wählen?

 

Am Sonntag nach meiner Priesterinnenweihe war das Evangelium von der Frau am Jakobsbrunnen vorgesehen. Deshalb habe ich das Taizélied „Gott aller Liebe, Quelle des Lebens“ ausgesucht. Für mich drückt sich darin mein Gottesbild aus, dass Gott nichts Anderes als Liebe ist, und dass ich in Gott eine nie versiegende Quelle gefunden habe. Das ist und bleibt für mich aktuell.

Die Augsburger Gemeinde hat ja eine rasante Entwicklung hinter sich: War sie vor 20 Jahren noch geprägt von gedrückter Stimmung und der Überzeugung, keine große Zukunft zu haben, so plant sie heute den Neubau einer Kirche – außergewöhnlich in der heutigen kirchlichen Landschaft. Welche Faktoren haben Ihrer Meinung nach zu dieser Änderung der Lage beigetragen?

 

Ja, es herrscht eine große Aufbruchstimmung in Augsburg. Ich erlebe eine Gemeinde, die den Mut zu Neuem hat. Das ist in unserer Kleinheit, denke ich, nicht selbstverständlich. Es wäre viel bequemer, sich im Althergebrachten einzurichten. Dass aber so viele aus der Augsburger Gemeinde an einer Zukunft bauen (nichts anderes ist ja ein Kirchenbau), das macht mich einfach nur froh. Ich als hauptamtliche Pfarrerin bin natürlich so etwas wie ein Motor. Alleine aber kann ich nichts bewegen. Das muss von der Gemeinde getragen werden. Ich wünsche mir, dass wir in unserem Bistum immer wieder den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft wagen und uns nicht von Dingen, die wir nicht ändern können, lähmen lassen.

 

Welche Wünsche haben Sie noch für die Entwicklung unserer Kirche?

 

Jetzt habe ich ja diese Frage schon fast beantwortet. Aber was ich mir wirklich wünsche, ist ein strukturiertes und mutiges Gehen in die Zukunft. Das hat für mich nichts mit Schwärmerei zu tun, sondern mit sensiblem Wahrnehmen und dann auch Ergreifen von Zukunftschancen. Ich denke mir immer wieder, wie mutig unsere Gründerväter und -mütter doch waren. In dieser Tradition möchte ich unsere Kirche wachsen sehen.

 

Wir danken für das Gespräch!