Priesterin und Mutter

Ein Gespräch mit Anja Goller

 

Die kleine Sara hat sie auf dem Schoß sitzen, der dreijährige Jakob verbringt den Mittag bei einer Tagesmutter. Das macht es Anja Goller leichter, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Ihr Mann ist während der Woche oft beruflich unterwegs. Die Vikarin, 1978 in Freiburg geboren, spürt den Spagat zwischen Familie und Kirche, denn beides ist für sie Berufung. Das hat auch die Kirchenleitung vor neue Aufgaben gestellt. Anja Goller, die Pädagogik in Köln und Alt-Katholische Theologie in Bonn und Bern studiert hat, wurde am 5. April 2008 in Frankfurt zur Priesterin geweiht und ist seit 2006 in der Frankfurter Gemeinde tätig.

Ihre Eltern standen Ihrem beruflichen Weg ziemlich kritisch gegenüber. Warum?

 

Das war vor allem meine Mutter, die der Institution Kirche sehr kritisch gegenüber steht. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Tochter in einer solchen Institution ihre Berufung finden kann.

 

Haben Sie Ihre Berufung gefunden?

 

Ich glaube, Berufung ist das Gefühl, mit dem, was man tut, am richtigen Platz zu sein. Deshalb glaube ich schon, dass ich meine Berufung gefunden habe.

 

Was wog mehr auf Ihrem Weg: die Schwierigkeiten oder die schönen Erlebnisse?

 

Die schönen Erlebnisse. Auf jeden Fall. Der Konflikt mit meiner Mutter ist nicht mehr so dominant. Wir haben viel miteinander gesprochen, und jetzt kann sie meinen Weg akzeptieren.

 

Welche Erinnerung verbinden Sie mit Ihrer Priesterinnenweihe?

 

Eine unglaubliche Gelassenheit und Freude. Als die Weihe begann, fiel die Anspannung ganz von mir ab. Ich hatte das Gefühl, da passiert viel, wofür es zwischen Himmel und Erde keine Worte gibt. Da ist zum Beispiel die Allerheiligenlitanei, bei der man normalerweise ausgestreckt auf dem Boden liegt. Das konnte ich damals nicht, weil ich hochschwanger war, deshalb kniete ich auf einer Kniebank. Die Handauflegung, das Weihegebet, die Übergabe von Stola und Messgewand, Kelch und Schale, da geschieht mehr, als ich beschreiben könnte.

 

Man merkt Ihnen auch jetzt Ihr Strahlen und Ihre Freude an. Gibt es einen Bibelvers, der Sie auf Ihrem Weg begleitet und in dieser Freude bestärkt hat?

 

Keinen der sich durchgezogen hat. Ich stolpere immer wieder über Stellen, die mich lange begleiten. Als Weihevers habe ich mir die Liedzeile „Du Quelle des Lebens, dir sing ich mein Lied“ ausgesucht, weil für mich die Musik wie der Glaube viel ohne Worte auszudrücken vermag.

 

Wie hat Ihr Mann Ihren Weg begleitet?

 

Er hat mich immer unterstützt, ich habe bei ihm nie ein Zögern erlebt. Er gibt mir sehr qualifizierte Rückmeldungen, bei denen ich manchmal auch schlucken muss, aber eigentlich ist das sehr bereichernd. Wir sprechen oft meine Predigten durch und diskutieren über die eine oder andere Bibelstelle.

 

Welche Akzente kann eine Priesterin setzen, die ein Mann nicht setzen kann?

 

Ich denke, es gibt nur ganz wenige Akzente, die eine Frau setzen kann und nicht ein Mann. Zuerst einmal hängt das sicherlich von dem jeweiligen Typ Mensch ab. Ich muss aber an Situationen denken, in denen es gut ist, eine Seelsorgerin zu sein: Wenn ich Frauen begegne, die Verletzungen durch Männer mit sich tragen, besonders Verletzungen durch Männer der Kirche. Wenn diese Frauen mich im Amt erleben, zum Beispiel bei der Kommunionausteilung, geht ihnen das sehr nahe.

 

Spüren Sie manchmal einen gewissen Neid römisch-katholischer Frauen?

 

Nicht Neid, sondern eher eine Trauer, dass dies in ihrer Kirche nicht möglich ist. Ich habe das besonders stark bei meiner Weihe erlebt, als mir zwei Frauen im kirchlichen Dienst sagten, sie könnten daran nicht teilnehmen, weil ihnen das zu weh tun würde.

 

Zur Zeit studieren nur Männer im Bonner Priesterseminar. Warum gibt es Ihrer Meinung nach keinen „Run“ auf das Priesteramt der Frau in unserem Bistum?

 

Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich braucht man, gerade auch im Jugendalter, Vorbilder, wenn man sich überlegt, was man werden möchte. Es braucht wohl noch eine Weile, bis die jungen Frauen diese Berufsmöglichkeit im Blick haben. In der konkreten Erfahrung ist es ja auch so, dass es derzeit zwei hauptamtliche Pfarrerinnen und mich als Vikarin gibt. Die anderen Frauen sind im Nebenamt oder in der Wissenschaft tätig.

 

Sind die Priesterinnen unseres Bistums miteinander vernetzt, um sich auszutauschen?

 

Nicht explizit. Es gibt immer wieder Anlässe, bei denen wir uns zusammensetzen, um über bestimmte Fragen zu sprechen, aber einen regelmäßigen Austausch über spezielle Frauenfragen gibt es nicht.

Sie sind mittlerweile zweifache Mutter. Das war sicher auch für die Kirchenleitung und die Personalplanung eine neue Erfahrung.

 

Ja, das war es. Ich bin die erste Geistliche, bei der man sich plötzlich mit Themen wie Mutterschutz und Elternzeit auseinandersetzen musste. Das war bei mir noch relativ einfach, weil ich Vikarin war. Bei einer Pfarrerin stellen sich noch einmal ganz andere Fragen. Jetzt, da die Kinder noch sehr klein sind, möchte ich keine volle Pfarrstelle übernehmen. Da zeigt sich gerade die Schwierigkeit, andere Wege zu finden, zum Beispiel mit Teilzeitstellen oder mit einer Stelle, die sich zwei Geistliche teilen. Ich kann mir gut vorstellen, im Team zu arbeiten. Ich erlebe es so, dass die Kirchenleitung sehr engagiert darüber nachdenkt und mit uns darüber im Gespräch ist.

 

Welche Pläne, welchen Wunsch haben Sie für die nahe Zukunft?

Ich wünsche mir, dass ich Zeit für meine Familie habe, weil das jetzt gerade einfach am wichtigsten ist. Ich möchte aber auch meinen Dienst in der Kirche nicht missen, weil ich ihn als Berufung verstehe, in der ich aufgehe. Ich wünsche mir eine gute Lösung, wie das für uns als Familie in der Kirche in den nächsten Jahren lebbar ist.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel