Ein großes Geschenk

Interview mit Henriette Crüwell

 

Wie lange arbeiten Sie schon als Diakonin beziehungsweise als Priesterin?

 

Ich bin noch gar nicht so lange Priesterin – für mein Alter. Ich habe in meinem ersten Beruf als Anwältin und Rechtsberaterin der Mitarbeiterseite in der Arbeitsrechtlichen Kommission des Deutschen Caritasverbandes gearbeitet. Erst während des Erziehungsurlaubs mit meinem dritten Kind habe ich in Frankfurt angefangen, Theologie zu studieren. Seit 1999 haben wir in der dortigen alt-katholischen Gemeinde mitgelebt und ich habe da an der Seite von Pfarrer Ulrich Katzenbach meine ersten pastoralen Erfahrungen sammeln dürfen. Für die Geduld, die die Frankfurter Gemeinde mit mir hatte, bin ich heute noch sehr dankbar. Im April 2006 bin ich in Offenbach zur Diakonin geweiht worden, im Dezember 2006 empfing ich dann in Bonn zusammen mit Thomas Schüppen die Priesterweihe. Seit September 2009 bin ich Pfarrerin in Sankt Cyprian.

 

Ist es für Sie schwierig, in einer noch immer von Männern geprägten Kirche zu arbeiten?

 

Nun ja. Es gibt da schon den einen oder anderen skurrilen Moment. Etwa wenn noch heute Briefe von Kollegen mit der Anrede „liebe Mitbrüder, liebe Jette…“ beginnen. Da ist sicher noch der ein oder andere Nachholbedarf. Leider sind wir ordinierten Frauen noch an einer Hand beziehungsweise maximal zwei Händen abzuzählen. Da ist die Versuchung dann natürlich groß, dass strukturelle Fragen, die sich aus der Frauenordination ergeben, schnell als Problem des Einzelfalls verharmlost werden. Das ist dann manchmal etwas mühsam.

 

An welcher Stelle würden Sie sich wünschen, unsere Kirche stärker weiblich prägen zu dürfen?

 

Ich würde mir wünschen, dass spezifisch weibliche Lebenswenden mehr in den Blick unserer liturgischen und pastoralen Begleitung kommen. Wir hier in Bonn feiern zum Beispiel seit etwa vier Jahren ziemlich regelmäßig Segensfeiern für Schwangere und werdende Eltern, aber auch Segensfeiern für Neugeborene und ihre Mütter. Im Übrigen geht es mir gar nicht so sehr darum, dass die Kirche weiblicher  wird. Ich möchte vielmehr in einer geschwisterlichen Kirche arbeiten. Dazu braucht es starke Frauen, aber auch starke Männer. Manchmal denke ich etwas ketzerisch, ob nicht schwache Männer eigentlich das Problem sind – Männer also, die ihr Selbstbewusstsein daraus ziehen, dass Frauen als das „schwache Geschlecht“ gelten. Seit letztem Jahr haben wir in Bonn übrigens nicht nur einen Frauensonntag, sondern auch einen Josefsgottesdienst, den die Männerrunde vorbereitet. Es ist beeindruckend zu sehen, dass kreative Gottesdienstgestaltung nicht nur Frauensache ist.

Gibt es Punkte, an denen Ihrer Meinung nach noch mehr für die Gleichberechtigung der Geschlechter getan werden müsste?

 

„Wir haben die Frauenordination!“ Damit scheint für viele Alt-Katholiken und Alt-Katholikinnen die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter vom Tisch. Dabei ist das Thema auch bei uns noch nicht durch. Auch wir müssen noch erheblich daran arbeiten, überkommene Geschlechterklischees abzubauen.

Frauen müssen bei uns noch sichtbarer werden. Es kommt immer noch vor, dass bei Gottesdiensten, wo das ganze Bistum zusammen feiert (Synode, Weihe und so weiter), alle am Altar inklusive der Ministranten Männer sind. Das ist meines Erachtens erst dann okay, wenn irgendwann genauso selbstverständlich in einem eben solchen öffentlichen Rahmen nur Frauen am Altar stehen können. Bedenklich fand ich auch den geringen Frauenanteil unter den Synodalen der letzten Bistumssynode 2010 und in der neuen Synodalvertretung. Ich frag mich da: Wo seid ihr, Mädels? Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das in Zukunft ändern wird. Ich baue da auf den baf, der eine super Arbeit macht.

Außerdem finde ich es problematisch, dass wir auf 15 Jahre Frauenordination (beziehungsweise, wenn man ab der Zulassung zum Diakonat 1988 rechnet, sogar auf 23 Jahre) zurückblicken und immer noch nur ein kleiner Haufen ordinierter Frauen sind. Das liegt leider vermutlich auch an einer strukturellen Ungerechtigkeit: Wenn ein Theologe (Mann) aus der römisch-katholischen Kirche kommt, dann ist er, weil er in der Regel Priester ist, bis zum 31. des einen Monats römisch-katholischer Pfarrer und ab dem 1. des Folgemonats bereits alt-katholischer Geistlicher im Auftrag, sprich de facto alt-katholischer Pfarrer. Das alt-katholische Curriculum absolviert er nebenher, während er schon in einer alt-katholischen Gemeinde Dienst tut. Kommt eine Theologin aus der römisch-katholischen Kirche, die qua ihres Frausein nicht als Priesterin kommt, muss sie bis jetzt erstmal zwei Jahre lang die Schulbank drücken, bevor sie die Diakonatsweihe empfangen und ihren Dienst in einer alt-katholischen Gemeinde aufnehmen kann. Eine Pastoralreferentin mit Seelsorge-Erfahrung muss also erstmal einen Bruch in ihrer Erwerbsbiografie in Kauf nehmen. Das ist für viele interessierte und gestandene Theologinnen verständlicherweise abschreckend. Ich hatte Glück, dass ich einen anderen Beruf hatte und so diese Spanne gut überbrücken konnte. Gott sei Dank scheint es aber auch in diesem Punkt Grund für Hoffnung gegeben. Soviel ich mitbekommen habe, sind die Synodalvertretung und das Dozentenkollegium mittlerweile für diese Problematik sensibilisiert und suchen nach Lösungen.

 

In den großen Kirchen herrscht im Augenblick eine deprimierte Stimmung: Tausende treten aus, der Gottesdienstbesuch geht zurück, die Kerngemeinden werden im Schnitt immer älter. Wie schätzen Sie die Lage in unserer Kirche ein?

 

Zunächst fürchte ich, dass wir als Kirchen alle in einem Boot sitzen. Deswegen konnte ich die Genugtuung, die teilweise von alt-katholischer Seite im letzten Jahr angesichts des Desasters in der römisch-katholischen Kirche zu erleben war, überhaupt nicht nachvollziehen. Die Kirchen haben durch diese Skandale insgesamt massiv an gesellschaftlicher Präsenz verloren. Das betrifft dann auch uns als kleine Kirche, die wir all zu oft im Fahrwasser der großen schwimmen. Wir sind, meine ich, in einem kirchlichen Transformationsprozess. Kirche wird in 20 Jahren ganz anders aussehen als heute. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass das Modell der Territorialgemeinde (ein Dorf, eine Kirche) nicht mehr funktioniert. Die Zugehörigkeit zu einer Kirche ist nicht mehr selbstverständlich. Menschen suchen heute in der Kirche einerseits überschaubare Gemeinden, wo sie echte Gemeinschaft finden können, die sonst in ihren Lebenszusammenhängen nicht mehr selbstverständlich erfahren; andererseits sind aber auch verstärkt geistliche Zentren gefragt, die man punktuell in Lebenskrisen aufsuchen kann. Das können Klöster, aber auch Einkehrhäuser und Citykirchen sein. Ich bin überzeugt, dass unser Modell, Kirche und Gemeinde zu leben, in diesem Rahmen ein echtes Zukunftsmodell sein kann. Unsere kleinen Gemeinden, in denen man nicht alleine lebt und stirbt, werden schon jetzt von vielen als Segen erlebt. Was uns bisher noch fehlt, sind geistliche Zentren, wo Menschen hinkommen, auftanken, aber auch wieder ohne schlechtes Gewissen gehen können. Die Namen-Jesu-Kirche in Bonn ist ein alt-katholischer Versuch, ein solches geistliches Gasthaus an den Wegen der Menschen zu eröffnen und erproben. Ich bin sehr gespannt, was daraus wird.

 

Welche Aspekte Ihrer Arbeit machen Ihnen besonders viel Freude?

 

O je! Wo soll ich da anfangen?! (lacht) Es ist gerade die Vielfalt der Aufgaben, die meinen Beruf auszeichnet und die ich beglückend finde: Morgens ein Taufgespräch und ein Treffen mit dem Architekten in einer Bausache, mittags Predigtvorbereitung, nachmittags Probe des Krippenspiels mit einen Haufen Kinder im Alter von zwei bis zwölf, abends einem Sterbenden die Hand halten und am nächsten Tag Christbaumschmücken, Plätzchenbacken und Heiligabend feiern – so viele ganz verschiedene Herausforderungen innerhalb von 24 Stunden – das ist einfach toll! Ich empfinde es als großes Geschenk, Menschen ganz verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft im wahrsten Sinne von der Wiege bis zur Bahre begleiten und mit ihnen das Leben teilen zu dürfen. Ich empfinde es als Luxus, über Gott und die Welt nachdenken zu dürfen – und dafür dann auch noch bezahlt zu werden.

 

Gibt es auch Felder, die Ihnen weniger liegen oder die Sie nicht so gerne machen?

 

Eigentlich mache ich alles gerne, solange die verschiedenen Aufgaben ausbalanciert sind. Klar finde ich es ätzend, wenn ich mich mal eine Woche lang ausschließlich mit Verwaltungs- und Finanzfragen beschäftigen muss. Das kommt aber – Gott sei‘s gedankt – äußerst selten vor.

 

Die Gemeinde Bonn ist heute eine der dynamischsten im Bistum. Worauf führen Sie das zurück?

 

Das stimmt. Unsere Gemeinde verzeichnet seit Jahren erheblich mehr Beitritte als Austritte und Sterbefälle. Dieser Prozess hält an. Ich führe das auf das vielfältige Angebot der Gemeinde zurück. Es gibt in ihr viele verschiedene Menschen, die sich in den unterschiedlichen Gruppen und Kreisen engagieren, sei es im Frauenkreis oder in der Männerrunde, im Babytreff oder in der Seniorengruppe, in der Stiftung Namen-Jesu-Kirche, beim wöchentlich stattfindenden Taizégebet und in der ebenfalls wöchentlichen Erstkommunionvorbereitung, in Glaubenskursen und Werkstattgesprächen. Auch die Kirchenmusik spielt bei uns mit dem Kirchenchor, der Choralschola und der Jugendband project c eine wichtige und integrative Rolle.

Außerdem hat schon mein Vorgänger Werner Luttermann die Devise ausgegeben: Mehr Gottesdienste bedeuten auch mehr Gottesdienstbesucher und -besucherinnen. Das hat sich bei uns bewahrheitet. Wir haben neben dem Taizégebet das ganze Jahr über donnerstags abends einen Werktagsgottesdienst, einmal im Monat zusätzlich zum regulären Sonntagsgottesdienst den Kinder- und Familiengottesdienst, den Sternenstundengottesdienst am Sonntagabend, den Versöhnungsgottesdienst (auch Revision de vie genannt) am letzten Mittwoch im Monat und das einmal im Monat stattfindende Herzensgebet. Wir feiern außerdem die katholischen Feste wie Fronleichnam, Allerheiligen (mit Gräbersegnung), Mariä Heimgang (mit Kräutersegnung) und andere.

Dann ist da ja noch unser Kindergarten, der wegen seines hervorragenden Erzieherinnenteams in der Stadt Bonn einen sehr guten Ruf genießt. Zu den Kinder- und Familiengottesdiensten kommen daher auch sehr viele der Kindergartenkinder mit ihren Eltern, die dann nicht selten in der Gemeinde „hängenbleiben“. Seit einem Jahr arbeiten wir mit dem Bonner Geburtshaus zusammen, auch das ein Jointventure, das der Bonner Gemeinde guttut. Schließlich kriegen wir sicher zurzeit gerade hier im immer noch katholischen Rheinland auch zusätzlich noch dadurch Aufmerksamkeit, dass ich eine Frau bin und als katholische Pfarrerin die Gemeinde leite. Das ist neu und macht viele neugierig, sich mal eine Frau am Altar anzuschauen. „Das war das erste Mal, dass ich eine katholische Priesterin gesehen habe!“ kriege ich oft am Ausgang nach dem Gottesdienst zu hören. Und ich fühl mich dann manchmal so ein bisschen wie Knut der Eisbär.

 

Wenn Sie mit allem Wissen, das Sie heute besitzen, noch einmal vor der Weihe stünden – wären Sie wieder bereit, die Diakonen- und Priesterweihe zu empfangen?

 

Auf jeden Fall. Bei allem Frust, den es ja auch manchmal gibt, fühle ich mich am richtigen Platz. Und ich bin  Menschen wie Ilse Brinkhues, Katja Nickel, Heidi Herborn, aber auch Hans Joachim Rosch und Bischof Joachim Vobbe und den vielen anderen Frauen und Männern, die sich für die Frauenordination eingesetzt haben, dankbar, dass sie das mit ihrer Beharrlichkeit, ihrem Mut und Humor in unserer Kirche ermöglicht haben.

 

Wir danken für das Gespräch!