Heilig und heilig und eilig heilig

Was heißt „heilig“?

 

„Ahmt auch ihr mich nach, Geschwister, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt“, so schreibt Paulus an die Gemeinde in Philippi (Phil 3,17) – etwas, das wir uns alle zu Herzen nehmen dürfen. Ausschau halten nach denen, die wir als Vorbilder im Glauben betrachten, und uns mit unserem Leben ein Beispiel an ihnen nehmen.

 

Wir nennen solche Vorbilder in unserer kirchlichen Tradition „Heilige“. In meinem ganz persönlichen Kanon der Vorbilder findet sich zum Beispiel Maria von Magdala, die den Jüngern Jesu als erste das Zeugnis von der Auferstehung Christi gebracht hat, und die deswegen Apostelin der Apostel genannt wird. Oder Franz von Assisi, der mir mit seiner Liebe zu Gottes Schöpfung und seiner Schlichtheit nachahmenswert ist. Oder der Protestant Dietrich Bonhoeffer, der sich vor dem Hintergrund seines christlichen Glaubens im Dritten Reich gegen die Nazis eingesetzt hat und diesen Widerstand mit seinem Leben bezahlen musste. Oder der Baptist Martin Luther King, der für die Menschenrechte der Schwarzen in Amerika eingetreten ist. Oder der römisch-katholische Erzbischof Oskar Romero, der sich in El Salvador für die Armen eingesetzt hat, und deswegen ermordet wurde. Oder auch Frère Roger von Taizé, der die ökumenische Gemeinschaft in Taizé gegründet hat, und der mich mit seiner Spiritualität und dem Geist von Taizé immer wieder begeistert.

 

All das sind Menschen, die das Verhältnis der Menschen untereinander und das Verhältnis der Menschen zu Gott für sich selber und oft auch für andere in ein heileres Verhältnis gebracht haben als vorher. So wie Jesus selbst das Heil der Welt wurde und uns den Wunsch Gottes nach Heil in dieser Welt und zwischen Gott und den Menschen nahe gebracht hat. In unserem alt-katholischen „Heiligenkalender“ – dem Liturgischen Kalender – stehen viele dieser Namen drin – quer durch die konfessionelle Zugehörigkeit, die für den Vorbildcharakter vollkommen irrelevant ist. Sie alle sind für mich nachahmenswert in dem, wie sie ihren christlichen Glauben gelebt haben.

Ich denke, dass das 2005 verstorbene Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, Johannes Paul II. / Karol Wojtyla, für viele Menschen auch solch ein Vorbild im Glauben ist. Einer, der zur Heilung so mancher Wunden beigetragen hat. Man denke nur an seine Rolle bei der friedlichen Revolution Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Nur sechs Jahre nach seinem Tod will ihn sein Nachfolger, Benedikt XVI. / Josef Ratzinger nun in einer feierlichen Messe am 1. Mai selig sprechen. Das Verfahren dazu war ungewöhnlich rasch bereits zwei Monate nach dem Tod Johannes Pauls II. eingeleitet worden.

 

Eilig heilig

 

Doch neben der Tatsache, dass er auch so mache tiefe Wunde geschlagen hat – es seien nur die Stichworte „Befreiungstheologie“ oder „Hans Küng“ genannt – irritiert mich immer wieder das Prozedere, mit dem bei der großen katholischen Schwesterkirche das Selig- und Heiligsprechungsverfahren abläuft. Nicht nur, dass in diesen Status selbstverständlich nur ein römisch-katholisches Mitglied der Christenheit gelangen kann, sondern vor allem auch die absolute Notwendigkeit eines vom Vatikan approbierten Wunders – bei Johannes Paul II. mittlerweile zu finden bei einer französischen Nonne, die auf unerklärliche Weise von einer Parkinson-Erkrankung genesen sein soll, nachdem sie den verstorbenen Papst im Gebet angerufen habe.

 

Angesichts der Tatsache, dass die (römisch-katholische) Kirche ansonsten ja eher in Jahrhunderten denkt, hat sie mit der kurzen Frist von sechs Jahren seit Wojtylas Tod direkt auf Turbo geschaltet.

Ich würde mir wünschen, dass sie und alle anderen Kirchen eher in Sachen „Ökumene“ auf Turbo schalten. Denn wir Kirchen sind aufgerufen, die Botschaft von Gottes Heilswillen in dieser Welt zu verkünden und diesen vorzuleben. Und das unversöhnte Nebeneinander der Kirchen legt gegenüber der Welt nicht gerade ein Zeugnis dieses Heils ab. Wie sollte uns jemand glauben, wenn wir nicht mal die Heilung innerhalb der Christenheit bewerkstelligen können?

 

Kirchen sind Zeugen der Heil(ig)ung

 

Dazu aber müssten alle Kirchen akzeptieren, dass sich die Kirche von Anfang an vielfältig entwickelt hat. Und dass es zahlreiche Konfessionen gibt, in denen Menschen die Botschaft Jesu auf die jeweils ihnen am meisten nahe kommende Weise hören und verstehen können. Für mich kein Schaden, sondern eher Zeichen göttlicher Weisheit.

Die christliche Kirche ist eine Einheit, aber eine Einheit in geschwisterlicher Verschiedenheit – vielleicht müsste man ja eigentlich sogar als Zielformulierung noch besser von „verliebter Verschiedenheit“ reden. Das macht es noch viel deutlicher: Einander so stehen lassen, wie man ist. Sich gegenseitig als Bereicherung annehmen. Den anderen voll Liebe betrachten. Das Gegenüber nicht nach dem eigenen Bilde verändern wollen. Voneinander lernen. Miteinander gehen.

 

Das wäre ein wunderbares Wunder. Auch ohne vatikanische Approbation.

 

Walter Jungbauer