Die Rückkehr-Ökumene ist erledigt!?   

Ergebnisse eines Dialogs zwischen römisch-katholischen und evangelisch-lutherischen Theologinnen und Theologen

 

Nachdem vor eineinhalb Jahren im September 2009 eine römisch-katholisch/alt-katholische Dialogkommission das Dialog-Papier „Kirche und Kirchengemeinschaft“ vorgelegt hat, in dem über Möglichkeiten und Bedingungen einer Kirchengemeinschaft zwischen den beiden katholischen Konfessionen beratschlagt wurde, wurde nun Mitte Februar an der Universität in Erfurt auf knapp 200 Seiten das Ergebnis von Gesprächen zwischen römisch-katholischen und evangelisch-lutherischen Theologinnen und Theologen präsentiert. Vorgestellt wurde das Dokument, welches den Titel „Gemeinschaft der Kirchen und Petrusamt. Lutherisch-katholische Annäherungen“ trägt, gemeinsam von dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Theodor Dieter (Straßburg) und seinem römisch-katholischen Kollegen Prof. Dr. Hermann Josef Pottmeyer (Bochum). Wie der Titel bereits verrät, ist die Frage des Papstamtes und die Erörterung, wie eine Neubewertung dieser Funktion durch die lutherischen Kirchen möglich sein könnte, um eine Annäherung zu erzielen, Schwerpunkt des Studienpapiers.

 

Das Dokument entstand als Ergebnis eines fünfjährigen Studienobjektes im Internationalen Brigittinischen Zentrum „Farfa Sabina“ nordöstlich von Rom. An dem Studienprojekt waren jeweils sieben römisch-katholische und sieben evangelisch-lutherische Theologinnen und Theologen aus Skandinavien, Deutschland, Frankreich und Italien beteiligt. Die Studiengruppe geht auf eine Anregung des verstorbenen Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. (1978-2005), zurück, der einen Dialog über ein der Einheit dienendes Amt des Bischofs von Rom angestoßen wissen wollte.

 

Parallelen und Unterschiede zum rk/ak Dialog

 

Dabei unterscheidet sich diese Gruppe und ihr Ergebnis von der römisch-katholisch/alt-katholischen Dialogkommission allerdings dadurch, dass sie nicht offiziell von den Kirchen eingesetzt, sondern auf private Initiative des Akademischen Beirats des Internationalen Brigittenzentrums in Farfa Sabina eingerichtet wurde. Andererseits wird in dem Vorwort deutlich darauf hingewiesen, dass dieser Dialog immer in Verbindung mit den für die offiziellen Dialoge zuständigen kirchlichen Stellen – dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen sowie dem Lutherischen Weltbund – entfaltet wurde. Ein Hinweis darauf, dass diese Gespräche von offizieller Seite sehr aufmerksam verfolgt wurden, dürfte auch die Tatsache darstellen, dass der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Friedrich Weber (Wolfenbüttel), gemeinsam mit dem Bischof des römisch-katholischen Bistums Erfurt, Joachim Wanke, die Einladung annahm, bei der Präsentation der Studie Stellung zu deren Inhalt zu beziehen. Beide Bischöfe begrüßten das Dokument als wichtigen Impuls für das ökumenische Gespräch.

 

Interessanterweise kommt die ökumenische Arbeitsgruppe in einem wichtigen Punkt zu einem ähnlichen Ergebnis, wie die römisch-katholisch/alt-katholische Dialogkommission: Die Einheit der Kirche ist nur möglich in der Herstellung einer „Gemeinschaft (selbstständiger) Kirchen“ – wie auch im rk/ak Dialogpapier in Blick auf die gesuchte Einheit keine „Rückkehr-Ökumene“ mehr angestrebt wurde. Diese Variante der Ökumene, bei der eine Kirche sich in die andere zu integrieren habe, um eine Einheit zu erlangen, wird von der ökumenischen Studiengruppe von Farfa Sabina als „erledigt“ betrachtet. Ein sehr wesentliches Ergebnis, auf dem der gesamte ökumenische Dialog weiter aufbauen kann.

 

Päpstlicher Dienst

 

Grundlegend war für die Studiengruppe die Frage, wie „sie sich das historisch gewordene gegenwärtige Papstamt zu einem Instrument zur Bewahrung der Einheit nicht nur der römisch-katholischen Kirche, sondern auch in der Universalkirche (im Sinne einer communio ecclesiarum) entwickeln“ könne, ohne dabei den eigenen fundamentalen Prinzipien der beiden Vatikanischen Konzilien zu widersprechen. In dem Dialog, der in dem Papier deutlich wird, räumen beide Seiten Überspitzungen im Blick auf den päpstlichen Dienst ein. Während von römisch-katholischer Seite zugestanden wird, dass eine maximalistische Interpretation der Dogmen von päpstlicher Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat den Communio-Gedanken von Kirche zu sehr verdunkelt habe, machen die lutherischen Dialogpartner deutlich, dass die Papst-Kritik des Reformators Martin Luther keine „pauschale und undifferenzierte Verurteilung des Papstamtes überhaupt“ gewesen sei, sondern sich wesentlich gegen die Form und Ausübung des Papsttums seiner Zeit gewendet habe.

 

Voneinander lernen

 

Auch anerkennen beide Seiten, dass sie strukturell voneinander lernen könnten. So macht die protestantische Seite klar, dass die historische Entwicklung der evangelischen Kirchen eine starke Neigung zur Territorialität und Partikularität zur Folge gehabt habe, die „öfters einen ekklesialen Provinzialismus mit sich gebracht“ habe, über dem die Gemeinschaft der universalen Kirche, die Katholizität, aus den Augen verloren worden sei. In der römisch-katholischen Kirche sollte dagegen eine Verständigung „Anlass sein, die Synodalität und die Einbeziehung der Laien (Kirche als Volk Gottes) auf allen Ebenen ihres Lebens zu verwirklichen.“

 

Das grundsätzliche Problem brachte Landesbischof Weber bei seiner Stellungnahme zu der Studie auf folgenden Punkt: Das größte ökumenische Dilemma bestehe darin, dass die Konfessionen „im Wesentlichen im Glauben an Christus eins (sind), aber sie denken in grundverschiedenen Systemen von Kirche und Kircheneinheit.“ Deswegen sei es auch notwendig, dass ein gemeinsames Konzept eines universalen (päpstlichen) Leitungsdienstes, welches der Einheit dient, zunächst ein gemeinsames Verständnis universaler Kirchengemeinschaft voraussetze. Das allerdings sei nur möglich, wenn sich die Kirchen gegenseitig als Kirchen anerkennen würden. Hier sei die römisch-katholische Kirche gefordert, welche den evangelischen Kirchen ja nur den Status einer „kirchlichen Gemeinschaft“ zugesteht. Damit hänge natürlich eng die Frage nach der Bedeutung des kirchlichen Amtes allgemein zusammen und die Frage, ob eine bestimmte Gestaltung der Ämter es notwendig mache, anderen Gruppen das Kirche-Sein abzusprechen.

Bischof Wanke machte für die römisch-katholische Seite dagegen deutlich, dass das katholische Verständnis der „Gemeinschaft der Ortskirchen“ (Communio ecclesiarum) natürlich nicht identisch sei mit dem im protestantischen Bereich verwendeten Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“. Dieser Begriff laufe zu sehr darauf hinaus, dass „Kirche im Plural buchstabiert wird, wo es doch nur eine Kirche geben kann.“

 

Wirkliches ökumenisches Konzil

 

Um all diese Fragen zu klären, wird in dem vorgelegten Dialog-Papier ein wirklich ökumenisches Konzil aller Kirchen gefordert. Allerdings wandte Landesbischof Weber diesem Vorschlag gegenüber ein, dass sich mit solch einem Konzil sehr schnell viele neue Fragen stellen würden. Und sei es auch nur die ganz praktische, wer ein solches Konzil einberufe, welche Verbindlichkeit es habe, und wer daran überhaupt teilnehme.

Eine absolute Leerstelle in der Diskussion, die sich auch immer wieder um das Verständnis vom „kirchlichen Amt“ und apostolischer Sukzession drehte, findet sich, wenn man nach dem Thema „Frauenordination“ sucht. Denn selbst wenn sich die beiden Konfessionen vor dem Hintergrund des Studienpapiers näher kommen sollten, würde sich – wie schon das römisch-katholisch/alt-katholische Dialogpapier deutlich gemacht hat – mit dem Thema der Frauenordination ein ganz wesentliches Konfliktfeld eröffnen, welches für das römisch-katholische Verständnis vom apostolischen Dienst nicht einfach lösbar sein dürfte. Es ist daher inhaltlich nicht wirklich verständlich, dass das Thema offenbar ausgeklammert wurde.

 

Walter Jungbauer