Maria – Versuch einer Annäherung

 

Ich gebe es zu: Übertriebene, gar kitschige Marienverehrung ist nicht mein Ding, dazu bin ich zu evangelisch aufgewachsen. So sind mir auch die sehr ambivalenten Erlebnisse mit der Marienverehrung, von denen viele Alt-Katholiken erzählen können, erspart geblieben. Aber bietet der Mai als Marienmonat (bei unseren römisch-katholischen Geschwistern) nicht trotzdem einen guten Anlass zur Besinnung? Ich denke ja. Sicher ist eine Annäherung an Maria als Teil der Frömmigkeit sehr individuell, so wie es die Heiligenverehrung auch ist. Die Chance, die wir als alt-katholische Kirche und Gemeinden haben, könnte darin bestehen, in einen Dialog über Maria zu treten und hier vielleicht hilfreiche (neue) Zugänge zu erschließen.

Die Annäherung an Maria ist für mich ein Herantasten. Vielleicht habe ich dies meiner Großmutter zu verdanken, die – als junge Frau dem Mann zuliebe evangelisch geworden – immer ein gespaltenes Verhältnis zur katholischen Kirche hatte. Gleichwohl versprach sie mir noch zu Lebzeiten mit 83 Jahren eine Marienstatue, die bei ihr damals im Wohnzimmer hing. Heute steht sie in meiner Gebetsecke – neben einer Christusikone aus Taizé.

 

Mein persönliches Nachdenken wird sich in nächster Zeit auf eine vorsichtige Beschäftigung mit dem Rosenkranz konzentrieren. Auch eine evangelischen Form des Rosenkranzes ist mir begegnet: die Perlen des Lebens (Hrsg. Gütersloher Verlagshaus). Der Rosenkranz, so mein bisheriger Kenntnisstand, ist ja unter anderem eine Form des Gebets, bei der die Wiederholung – ebenso wie beim Herzensgebet der Ostkirche – im Mittelpunkt steht. Ob dieses stark wiederholende Beten meiner Frömmigkeit entspricht, weiß ich nicht. Bisher hat mich das Stundengebet der Kirche, das ich in evangelischen Klöstern kennenlernte, am meisten angesprochen.

 

Zudem werde ich ein neues spannendes Buch einer evangelischen Benediktinerin lesen: „Maria – Königin und Kämpferin: Ein spiritueller Erfahrungsweg für heute“ (K. Schridde). Ich verspreche mir auch hier eine „unkomplizierte“ Auseinandersetzung mit Maria, jenseits allen „Kitsches“. Es freut mich, dass die evangelische Kirche Maria zunehmend wieder wahrnimmt und dass die katholische Kirche sie seit dem 2. Vatikanischen Konzil christusbezogener deutet. So ist ja auch die liturgische Farbe an den „Marienfesten“, zum Beispiel Lichtmess, weiß. Es zeichnet sich am Horizont ein mehr und mehr ökumenisches Verständnis von Maria ab.

So heißt es etwa im Evangelischen Erwachsenenkatechismus: „Maria ist nicht nur katholisch, sie ist auch evangelisch“. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist auch ein Buch eines evangelischen Taizé-Bruders: „Maria, Mutter des Herrn, Urbild der Kirche“ (Max Thurian, Topos Verlag). Auch das Messbuch der evangelischen Michaelsbruderschaft kennt vier Marienfeste: Darstellung des Herrn (2.2.), Ankündigung der Geburt des Herrn (25.3.), Mariae Heimsuchung (2.7.) und als Gedenktag den 15. August, den wir als alt-katholische Kirche als Mariä Heimgang begehen. Ergänzend zu den evangelischen Marienfesten, sprich: Christusfesten, findet sich in unserem liturgischen Kalender noch am 8.9. Mariä Geburt als Fest.

 

Nach und nach wird mir deutlich, dass Maria wichtiger ist, als es die wenigen Bibelstellen und die evangelische Praxis vor Ort andeuten. Zugleich wäre es mehr als übertrieben, sie wie katholische Fundamentalisten sogar als Mittlerin, Jesus-gleich, zu verstehen.

 

Es kommt also, wie oft im Leben, auf einen Mittelweg an – Marias zu gedenken, aber in angemessener, für heute aktualisierter Weise. Denn viel zu sagen hätte sie uns allen – als hilfreiche (neue) Zugänge fallen mir spontan ein:

Maria könnte in einem Gottesdienst für Frauen, die ein Kind verloren haben, thematisiert werden. Oder wenn ich an die Bibelstelle denke, die Jesus zwischen den Gelehrten im Tempel beschreibt (Lk 2, 41-50), so könnte hier das Thema Loslösung von den Eltern mitschwingen. Oder die Offenheit Marias gegenüber Gottes Plänen und nicht dem, was wir als Menschen für uns wollen – dies wäre ebenfalls ein Ansatzpunkt. Auch die Betrachtung des Verhältnisses Jesu zu seiner Mutter könnte motivieren, über das Verhältnis zu den eigenen Eltern nachzudenken. Die provokative These, dass Maria in einer Patchworkfamilie lebte, könnte als Einstieg Anlass sein, im Rahmen eines Bibelgesprächs über ein angemessenes Verständnis der Jungfrauengeburt (eben nicht in biologischer Form) ins Gespräch zu kommen.

Zugegeben, die sind nur Anstöße und Impulse – mehr können es auch nicht im Rahmen dieses Artikels sein.

 

Thomas Malenke