Unser Mann vor Ort

Ein Nachruf auf Father John Rocksloh

 

Eine der großen Gestalten der christlichen Afrikamission ist Anfang des Jahres auf tragische Weise zu Tode gekommen. Benediktinerpater Johannes Maria Rocksloh, von seinen Freunde liebevoll Father John genannt, ist tot. Unserem Bistum und auch mir persönlich ist er über die Jahre zu einem lieben Freund geworden. Tatkräftig hat er uns bei den Bemühungen um die Schwestern von St. Mary unterstützt, die Logistik für Nähmaschinen und Hostieneisen realisiert, mit Zollbeamten und Regierungsbehörden gerungen und manchmal sogar mit einer großzügigen Spende aufgewartet. Father John war, trotzdem er einer anderen Kirche angehörte, unser Mann vor Ort. Im Ringen um das Wohl der Armen verlieren Konfessionsgrenzen ohnehin ihre Bedeutung. Bei der Mission handelt es sich um eine Angelegenheit des Herzens. Father John hatte davon viel.

 

Vom Sauerland nach Tansania

 

Als Ulrich Rocksloh wurde er 1941 im Sauerland geboren. Nach einer Ausbildung als Werkzeugmacher trat er 1964 in die Abtei Königsmünster ein und wurde 1972 als Missionar in die Abtei Ndanda im Südwesten Tansanias entsandt. Dort trug er als Finanzverwalter eines einheimischen Bischofs zur Errichtung des Bistums Mtwara bei. Nachdem er die Anfangsphase des jungen Bistums mitgetragen hatte, kehrte er nach Ndanda zurück und startete dort ein Projekt, das ihm sowohl in Tansania als auch in Deutschland einen fast legendären Ruf eintrug: Bruder Johannes gründete die „Agricultural Association of Mumburu“, eine große Landmaschinengenossenschaft. Hier konnte jedermann zu günstigen Bedingungen einen Traktor mit den jeweils nötigen Geräten mieten, um seine Felder zu bestellen. In Spitzenzeiten waren 60 Schlepper und einige Dutzend Getreidemühlen im Einsatz. Briefe aus dieser Zeit machen deutlich, wie dankbar man ihm war und welch großen Beitrag er am wirtschaftlichen und sozialen Wachstum der Region hatte. Zugleich kommt aber immer wieder eine Portion Ratlosigkeit zum Ausdruck, dass afrikanische und europäische Vorstellungen über sinnvolle Methoden der Organisation und des Wirtschaftens meist divergieren.

 

Vom Handwerker zum Priester

 

Vielleicht wuchs auch vor dem Hintergrund dieser Zwiespältigkeit, so vermutet Dionys Lindenmaier, der Abt von Ndanda, die Überzeugung, dass gute geistliche Begleitung für die Menschen in Tansania noch hilfreicher sein würde als seine bisherige Tätigkeit: Er entschloss sich, Priester und Seelsorger zu werden. Nach fünf Jahren Studium der Theologie in Lantershofen wurde er durch den tansanischen Bischof Emanuel Mapunda in Konigsmünster zum Priester geweiht. Hervorragend und spannend zu lesen ist seine theologische Abschlussarbeit zur Geschichte des anglikanischen Bistums Masasi. Er war ein Kenner dieser Region und daher auch mit den alt-katholischen Projekten im Lande vertraut. Zutiefst bedauerte er das Fehlschlagen des multilateralen, alt-katholischen Projekts in Mtoni Shamba und freute sich über die gute Zusammenarbeit mit dem Bistum Masasi und den Schwestern von St. Mary, die ihn sehr vermissen werden.

 

Ein Ort des Erfahrungsaustausches

 

Nach seiner Weihe arbeitete Father John zunächst als Pfarrer im neu gegründeten Bistum Lindi, später dann als Pfarrer in Liwale. 2001 übernahm er dann in Dar-es-Salaam die Leitung des Klosters Kurasini. Kurasini ist als Prokurat Kontakt- und Durchlaufstelle für die Auslandsbeziehungen der Benediktinermission in Tansania. Missionare, Helfer und Gäste aller Herren Länder und aller Konfessionen dient das Gästehaus im Ortsteil Kurasini als Basisstation. Es war auch ein Ort des Erfahrungsaustausches. Vor allem Abends gesellte sich Father John zu den Gästen und erwies sich als ein genialer Gastgeber und Erzähler. Besonders glücklich durfte sich der nennen, der einmal ins Wohnhaus von Father John geladen wurde. Umringt von seinen heiß geliebten Gänsen, die er sich als Wachhunde zugelegt hatte und die er liebevoll mit der Hand fütterte, outete sich der Gottesmann als Liebhaber erlesenen Bieres. „Safari“, ein liebliches Maisbier war seine Marke. Er liebte es, Gäste zu haben, Menschen Gutes zu tun, Feste zu feiern und auf Reisen immer wieder Neues zu erleben. Zugleich war er ein Mann klarer, manchmal auch ein wenig kantig wirkender katholischer Überzeugung. Vor allem aber war er ein Mensch mit großem Herz und ein Mann des Gebetes.

Sein tragischer Tod ist ein Verlust für die Afrikamission und auch für unser Bistum. Viermal im Jahr erreichte uns sein „tansanischer Rundbrief“, in dem er über die wirtschaftliche und politische Situation in Tansania berichtete und thematisierte, was die Menschen auf den Straßen Afrikas bewegte. Meist fügte er diesen Schreiben auch einen repräsentativen, spannenden Pressespiegel bei, der wichtige Hintergrundinformationen gab.

 

Das Unglück

 

Father Johns Todestag war der Gedenktag der Befreiung Sansibars. Mit Inbrunst hatte er noch am Morgen in der Hauskapelle von Kurasini nach der Eucharistiefeier die Nationalhymne von Tansania gesungen, denn Englisch und Suaheli sprach er fließend. Am Vormittag traf sich Father John dann mit Pater Allan Maxime, dem Sekretär des Vatikanischen Botschafters, und beide fuhren ans Meer nach Kimbiji, um etwas auszuruhen. Vor dem geplanten Mittagessen wollten sie noch etwas schwimmen gehen. Beide gerieten wohl in einen tödlichen Strudel, denn wenig später wurden ihre toten Körper an Land gespült. Am 14. Januar wurde Father John in Ndanda beigesetzt. Noch immer sehen sich viele ungläubig und erschüttert der Tatsache gegenüber, dass Father John gegangen ist. Wir alle vertrauen fest darauf, dass er im Sterben in Gott die Heimat gefunden hat, zu der er ein Leben lang unterwegs gewesen ist.

 

André Golob