Unerhört? Ganz normal?

15 Jahre Priesterinnen in unserer Kirche

 

15 Jahre haben wir nun schon Priesterinnen in unserer Kirche. Großes Aufsehen hat das damals ausgelöst – so großes wie kein Ereignis seither. Es war ja auch ein unerhörter Schritt: Erstmals hat eine Kirche Frauen zum geistlichen Amt in allen Stufen zugelassen, die nicht evangelisch ist und auch nicht – wie die anglikanische – zwar katholisch, ohne das aber ausdrücklich zu betonen. Vielmehr eine Kirche, die beansprucht, katholische Kirche im engeren Sinn des Wortes zu sein, eine Kirche mit katholischer Liturgie und selbst von römischer Seite unbestrittener Gültigkeit der Ämter. Zumindest gilt das bis dahin, denn genau die Gültigkeit dieser Weihen bestreitet ja die römisch-katholische Kirche bis heute.

Und deshalb haftet diesem Schritt noch immer der Geruch des Unerhörten an. Was bei uns schon weitgehend Alltag und selbstverständlich geworden ist, in der römisch-katholischen Kirche ist das noch immer verboten und, mehr noch, es ist durch quasi-unfehlbares Dekret von Papst Johannes Paul II. sogar verboten, über die Frage auch nur zu diskutieren. Doch hat der Papst, der in diesem Monat selig gesprochen werden soll, nicht bedacht, was wir in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert wissen: Die Gedanken sind frei! Was einmal gedacht ist, lässt sich nicht mehr zurück nehmen. Gedanken lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Entsprechend taucht die Forderung, Frauen zu den Ämtern zuzulassen, auch im aktuellen Moratorium römisch-katholischer Professoren wieder auf.

 

Während die römisch-katholische Kirche und ebenso die Orthodoxie sich also noch immer an der Frage abarbeiten müssen – ob sie es nun erlauben oder nicht –, ob die Weihe von Frauen möglich und gestattet ist oder nicht, sind wir einen wesentlichen Schritt weiter. Wir haben nun 15 Jahre praktische Erfahrung und können die Frage stellen: Wenn wir auf diese Zeit zurück schauen, geben uns dann die praktischen Erfahrungen Anhaltspunkte dafür, ob die Zulassung der Frauen richtig war oder falsch?

In traditionelleren römisch-katholischen Kreisen kann man schon mal das Wort hören: „Darauf liegt kein Segen!“ Genau so muss es sein, wenn Johannes Paul mit seinen Bedenken Recht hatte. Handelt unsere Kirche tatsächlich dem Willen Gottes zuwider, wie konservativere Vertreter der römisch-katholischen Kirche meinen, dann muss dieser Satz wohl gelten: Es kann kein Segen auf dem Wirken der Priesterinnen liegen.

 

Nun lässt sich Segen schwerlich objektiv messen. Nur, müssten wir nicht wenigstens irgendwelche kleinen Anzeichen dafür sehen, dass Gott Priesterinnen nicht will und ihr Wirken verurteilt? Stattdessen hören wir keinerlei Stimmen, die das Wirken unserer Priesterinnen in unserer Kirche kritisch kommentieren oder aus den Erfahrungen heraus bedauern würden, dass wir damals diesen Schritt gegangen sind. Die Gemeinden, in denen die beiden Priesterinnen wirken, die Pfarrerinnen sind, Bonn und Augsburg, blühen sogar in besonderer Weise. Wie könnte das möglich sein ohne den Segen Gottes? So schwer Segen zu messen ist, irgend etwas müssten wir doch merken von Gottes Verweigerung. Es müsste ja wirklich geradezu alles Verblendung und Einbildung sein.

 

Ich bin sehr froh, dass es in unserer Kirche ganz entgegengesetzt ist zu dem Aufruhr in der großen Schwesterkirche: Die Diakoninnen und Priesterinnen sind eben gerade nichts mehr Unerhörtes oder auch nur Ungewöhnliches. Sie gehören vielmehr ganz selbstverständlich dazu. Für uns Pfarrer sind sie eine große Bereicherung und sehr geschätzte Kolleginnen. Deshalb ist für mich keine Frage, ob es gut ist, dass wir sie in unserer Kirche haben. Für mich ist die Frage nur, warum es nicht längst viel mehr sind als zwei Diakoninnen und acht Priesterinnen, davon zwei Pfarrerinnen und eine Professorin. Und ich wünsche mir, dass sie schnell mehr werden, weil sie wertvoll sind für unserer Kirche und ihr gut tun. Und weil wir von der Bereicherung, die sie für uns darstellen, mehr haben wollen.

 

Gerhard Ruisch