Von Doktor- und anderen Titeln

 

Nun sind schon so viele Kommentare zur „Doktoraffäre“ und zum Rücktritt von Minister zu Guttenberg abgegeben worden, dass ich nicht nach Wochen auch noch darauf eingehen will. Aber diese Geschichte hat mich an etwas erinnert, was mir in unserer Kirche aufgefallen ist: Die Titel werden wieder wichtiger.

Zum Beispiel eben die Doktortitel. Ich merke es an den Artikeln, die für Christen heute eingesandt werden. Haben früher die Autoren bei Geistlichen die Doktortitel meist weggelassen, so werden sie heute fast immer erwähnt. Das kann bei Häufungen manchmal direkt schon zu komischen Wendungen führen wie: „Der Erzbischof von Utrecht Dr. Joris V., Bischof Dr. Matthias R. und Dr. Hajo R. haben sich zum Maumau-Spielen getroffen.“

Nun kann man natürlich sagen, „Ehre, wem Ehre gebührt“, und wer sich eine Promotion hart erarbeitet (und nicht etwa erschwindelt) hat, die oder der hat auch ein Recht darauf, mit dem erworbenen Titel angesprochen zu werden. Aus diesem Grunde bin ich auch sehr dafür, dass der Titel an der richtigen Stelle auch angeführt wird.

 

Was ich aber beobachte, das ist, dass viele Menschen nicht wissen, dass beispielsweise der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, ebenfalls einen Doktortitel führt. Die frühere Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käßmann, ist eigentlich Dr. Margot Käßmann – ich habe es gerade bei Wikipedia nachgeschlagen, weil ich es nicht wusste. Dass Kanzlerin Angela Merkel den Titel führen darf, weiß ich erst seit ein paar Wochen.

Wieso weiß man so etwas eigentlich nicht? Doch nur deshalb, weil es gewöhnlich nicht dabei steht. Da frage ich mich, warum wir dann so viel Wert darauf legen, dass unsere Lehrer beziehungsweise Gelehrten – nichts anderes bedeutet ja Doktor – auch so genannt werden. Müssen wir so betonen, dass auch wir gescheite Leute in unseren Reihen haben? In diesem Fall wäre Vorsicht angebracht, dass wir uns nicht lächerlich machen. Ich plädiere dafür, dass wir hier in Christen heute die Doktortitel nur nennen, wo es vom Text her sinnvoll scheint, ansonsten aber darauf verzichten gemäß dem Jesuswort, dass wir uns nicht Lehrer nennen lassen sollen (Matthäus 23,10). Vielleicht mag mir mancher den Vorschlag auslegen als aus dem Neid des Besitzlosen geboren, aber ich glaube nicht, dass es das trifft.

Nun sind in den letzten Jahren in unserer Kirche auch andere Titel (wieder) aufgetaucht. Verdiente Geistliche können nun wieder zum Geistlichen Rat ernannt werden, sozusagen als Pendant zur Bischof-Reinkens-Medaille, die Laien vorbehalten ist. Wir haben seit kurzem einen Ordinariatsrat und eine Finanzreferentin. Die Argumente, die Bischof Matthias Ring für die letzteren beiden Titel angeführt hat, leuchten mir ein: Der aus der Römisch-Katholischen Kirche bekannte „Ordinariatsrat“ signalisiert anderen Institutionen, dass hier jemand nicht nur Schreibdienste macht, sondern eigene Kompetenz und Entscheidungsbefugnis besitzt. Und unter einer „Finanzreferentin“ können sich öffentliche und andere Stellen eher etwas vorstellen als unter einer „Vorsitzenden der Finanzkommission“ und ihr auch eher zutrauen, dass sie wirklich Geld zu verwalten hat. Es sind also Titel, die mehr nach außen eine Bedeutung haben als für unsere Kirche selbst, in der die Träger der Titel und ihre Aufgaben weithin bekannt sind.

Angeblich soll einmal ein Bischof auf die Frage, warum er so großzügig ältere Priester zu Geistlichen Räten ernennt, geantwortet haben: Uns kostet’s nix und die Pfarrer freut’s. Gut, auch ein Standpunkt. Aber ich erinnere mich, dass ich vor über 20 Jahren, als ich alt-katholisch wurde, es großartig fand, dass mir jemand gesagt hat: In unserer Kirche haben wir keine Ehrentitel. Es gibt nur die Titel, die auch eine Funktion beschreiben, also etwa Bischof, Dekan, Professor, Pfarrer (gab’s damals alles nur in männlich). Es schien mir nahe an dem dran zu sein, was Jesus in dem oben zitierten Wort meint, dass seine Jünger sich nicht mit Ehrentiteln wie Meister, Lehrer oder Vater anreden lassen sollen. Deshalb hoffe ich, wir werden den Verzicht auf unnötige Titel auch künftig gewöhnlich durchhalten. Es steht unserer Kirche gut zu Gesicht, wenn wir auf unnötige Hierarchien verzichten, vor allem, wenn es sich um Ehren-Hierarchien handelt. Denn wie sagt Jesus? „Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Geschwister!“ (Matthäus 23,8).

Gerhard Ruisch