„Ich möchte Leuchtturm sein

in Nacht und Wind –

für Dorsch und Stint –

für jedes Boot –

und bin doch selbst

ein Schiff in Not!“

 

Mit diesem Gedicht leitete der Schriftsteller Wolfgang Borchert sein 1946 erschienenes Buch „Laterne, Nacht und Sterne“ ein. In diesen wenigen Worten beschreibt Borchert seine großen Erwartungen für sein Leben, und gleichzeitig drückt er damit seinen Schmerz aus, weil er das bisher nicht erreicht hat und wohl auch nicht mehr erreichen wird. Ein Jahr später starb er mit nur 26 Jahren an den Folgen des II. Weltkriegs, der ihn physisch und psychisch zermürbt hat.

Dieses Gedicht ist mir in den Sinn gekommen, als ich an einem der letzten Sonntage die Worte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ im Evangelium gehört habe.

 

Wie weit sind wir Christen, sind die Kirchen und ganz persönlich auch ich selber davon entfernt, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein? Nicht dass der Wille dazu fehlte, aber vielleicht doch die Kraft und die Zuversicht, dass wir genau das sein könnten. Gleichen wir nicht allzu oft dem Schiff in Not, von dem Wolfgang Borchert spricht: „Ich möchte Leuchtturm sein … für jedes Boot – und bin doch selbst ein Schiff in Not!“

 

Dazu muss ich mir nur in Erinnerung rufen, was die Verantwortlichen in den Kirchen heute so umtreibt: Da geht es um das Bewahren von vermeintlich heiligen Ordnungen (Hierarchien) und weltfremden Strukturen, es geht wie in großen Konzernen um die Effizienz der Verwaltung, und wegen der schwindenden finanziellen Ressourcen werden Überlegungen angestellt, sich zukünftig auf das Kerngeschäft zu konzentrieren, manchmal ohne noch zu wissen, was das für eine Kirche eigentlich bedeutet.

 

Unsere kleine alt-katholische Kirche ist davon gar nicht ausgenommen, auch da gibt es Ängste vor der Zukunft: Was wird aus einer Gemeinde? Kann eine Gemeinde noch mit einem eigenen Seelsorger besetzt werden, sinkt die Kirchensteuer? Schaffen wir es zu wachsen?

 

Natürlich haben diese Fragen und Sorgen ihre Berechtigung, müssen ernst genommen und auch aufgegriffen werden. Wenn das aber die Grundsatzfragen des kirchlichen Lebens werden, dann stehen wir Christen in der Gefahr, dass wir an unserem Auftrag vorbei leben und, um mit dem Evangelium zu reden, wie Salz werden, das schal geworden ist und das zu nichts mehr taugt, das hinausgeworfen und zertreten wird.

Oder wir werden wie Licht, das mehr und mehr verlöscht, und schließlich, unter den Scheffel gestellt, ausgeht.

 

Jesu Worte „Ihr seid das Salz der Erde“ – „Ihr seid das Licht der Welt“ werden überliefert im Kontext der Bergpredigt mit den Seligpreisungen. Die Adressaten sind keine Experten für Öffentlichkeitsarbeit, nicht auserwählte Amtsträger, Finanzexperten oder Manager, sondern die, die ihm gefolgt sind und die ihm gerade zuhören. Leute, die alles andere als besondere Menschen sind. Das gilt auch für seinen engsten Jüngerkreis.

Auch das sind Menschen, die das meiste von dem, was er sagt, nicht verstehen! Menschen, die nicht selbstsicher sind und selbstbewusst auftreten, die aber auf der Suche sind, die nachfragen und offen sind für Neues. Menschen, die auch Angst haben, die sich nach seinem Tod aus dem Staub machen und einsperren. Menschen, die ihn verraten und verleugnen. Also ganz normale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, wie wir alle. Und zu denen sagt er: Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt.

 

Jesus sagt nicht: Bemüht euch standhafte Menschen zu werden, die im Glauben fest stehen, die fromm sind, dann werdet ihr irgendwann einmal zum Salz und zum Licht für andere Menschen. Nein: Ihr schwachen Menschen, so wie ihr mir zuhört, ihr seid schon jetzt das Salz der Erde, das Licht für diese Welt. In eurem Leben, in euren Taten soll das sichtbar sein.

Wie das aussehen kann, wird vielleicht deutlich, wenn man Jesu Aussagen vom Salz und vom Licht mit den Seligpreisungen verbindet: Salz sind wir; wenn wir im Geist arm sind, das heißt wenn wir offen sind für Gott, ihn suchen und nach ihm fragen. Licht sind wir, wenn wir nach Gerechtigkeit streben, in unserem privaten und im öffentlichen Leben. Salz sind wir für die Menschen, wenn wir Erbarmen mit anderen haben und barmherzig sind, das heißt auch über Fehler und Schwächen anderer hinwegsehen können. Licht sind wir, wenn wir ein reines Herz haben, ein offenes und weites Herz, in dem viel Platz ist für Gott und für andere Menschen. Salz sind wir, wenn wir aus unserem Herzen keine Mördergrube machen und nicht alles mit Hintergedanken tun. Licht sind wir für andere, wenn wir in unserer Welt voller Hass, Streit und Unversöhnlichkeit immer wieder versuchen, Frieden zu stiften.

 

Wenn wir ganz normalen Menschen das immer wieder versuchen, dann sind wir gesegnet, selig zu preisen, glücklich zu schätzen. Dann zeigt sich, dass wir mit Gott verbunden sind, von ihm gesegnet sind. Dann zeigt sich, dass wir dort, wo wir stehen, Salz sind, das Würze und Stärke hat, oder wie es Fridolin Stier übersetzt: Salz, das Witz hat. Dass uns das als Kirche, als Gemeinde und in unserem persönlichen Leben gelingt, wünsche ich uns allen, denn das ist der Kern der frohen Botschaft Jesu Christi.

 

Siegfried Thuringer