Die Lösung steht am Himmel

 

Wenn es am Tag, an dem Sie diese Zeilen lesen, eine sozial und ökologisch realistische Tagesschau gäbe, dann müssten meine Hamburger Kollegen heute Abend diese Meldungen senden:

Auch heute haben wir weltweit 150 Tier- und Pflanzenarten hauptsächlich durch den Klimawandel ausgerottet. Viele Tier- und Pflanzenarten können sich nicht schnell genug dem Klimawandel anpassen.

Auch heute haben wir 50.000 Hektar Wüste zusätzlich produziert.

Auch heute sind wir wieder ein Viertel Million Menschen mehr geworden, haben aber 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden verloren.

Auch heute haben wir durch das Verbrennen von Kohle, Gas, Öl und Benzin 140 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen.

Dasselbe machen wir morgen und übermorgen, jeden Tag der nächsten Woche und des nächsten Jahres. An einem Tag verbrennen wir heute an Kohle, Gas und Öl, was die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Wir verbrennen und verbrauchen die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Deshalb wird es global immer wärmer, schmelzen die Gletscher, steigt der Meeresspiegel, nehmen die Stürme zu und immer mehr Menschen müssen als Klimaflüchtlinge ihre Heimatländer verlassen. Sind wir noch zu retten?

Die Rettungsmaßnahmen kommen zwar langsam, aber sie kommen. Darüber berichten freilich Journalisten weniger als über die spektakulären Katastrophen. Das Fällen eines Baumes hat schon immer mehr Lärm gemacht als das Wachsen eines Baumes. Fällen geht plötzlich und laut, aber Wachsen geht leise und langsam und für Journalisten weniger spektakulär. Doch wo Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch.

Die alles entscheidende Frage für die Zukunft des Lebens ist die Energiefrage. Ohne Energie kein Leben, kein Fortschritt und kein Wohlstand und keine Überwindung des Hungers. Doch die heutigen Energiequellen gehen in den nächsten Jahrzehnten allesamt zu Ende. Hinzu kommt, dass Kohle, Gas und Öl den Treibhauseffekt verursachen, Atomkraftwerke gefährlich sind und niemand weiß, wohin mit den nuklearen Abfällen. Also brauchen wir so rasch wie möglich den 100-prozentigen Umstieg auf erneuerbare, umweltfreundliche, ewig vorhandene und preiswerte Energiequellen.

Positive Beispiele:

Schon heute versorgen sich die 500.000 Ostfriesen bereits zu über 90 Prozent mit erneuerbarem Strom. Ostfriesland kann überall werden.

Die Entwicklung der letzten Jahre in Schleswig-Holstein zeigt, dass unser nördlichstes Bundesland schon 2020 mehr Ökostrom produzieren wird, als alle Schleswig-Holsteiner verbrauchen. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir in Mecklenburg-Vorpommern.

Über 300 Kommunen und Regionen in Deutschland haben in den letzten Jahren beschlossen, sich bis 2030 ausschließlich mit erneuerbarer Energie zu versorgen.

München ist weltweit die erste Millionenstadt, die schon heute ihre Privatkunden ausschließlich mit Ökostrom versorgt.

Nürnberg und Kassel sind die ersten deutschen Großstädte, die schon heute über ihre Stadtwerke den Privatkunden ausschließlich erneuerbaren Strom anbieten.

Durch Präsident Obama macht der Klimaschutz auch in den USA große Fortschritte.

Die Regierung in China hat soeben beschlossen, den Erneuerbaren Energien und dem Klimaschutz künftig Priorität einzuräumen. Chinas Umweltminister sagte mir, dass sein Land bis 2060 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umsteigen will.

Ich weiß worüber ich schreibe. Denn wir haben seit 18 Jahren zwei Solaranlagen auf unserem Hausdach in Baden-Baden. Eine produziert Wärme mit der Sonne und die andere Solarstrom. Auf einem Altbau aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts gewinnen wir doppelt so viel Strom wie eine durchschnittliche deutsche Familie verbraucht. Und ich kann Ihnen versichern, dass uns die Sonne in diesen 18 Jahren noch nie eine Rechnung geschickt hat. Und für die nächsten Monate ist eine Pellet-Anlage bestellt. Wir sind dann komplett energieautonom und nutzen zur Strom- und Wärmegewinnung ausschließlich umweltfreundliche Energie, ohne Treibhausgase zu produzieren. Holzpellets sind gespeicherte Sonnenenergie. Und die Sonne wird noch etwa fünf Milliarden Jahre alle Energie zur Verfügung stellen, die alle Menschen auf dieser Erde benötigen.

Eigentlich gibt es gar kein Energieproblem, wenn wir uns ein klein wenig intelligenter verhalten als bisher. Richtig ist: Es gibt noch Speicher- und Leitungsprobleme. Aber diese sind in den nächsten Jahren lösbar. Die Sonne schickt uns jeden Augenblick unseres Hierseins 15.000 mal mehr Energie als zurzeit alle Menschen verbrauchen. Die Lösung des Energieproblems steht am Himmel. Warum aber stehen die meisten deutschen Dächer noch völlig umsonst in der Gegend herum? Warum nutzten wir das Angebot von oben so wenig? Warum holen wir Öl aus Arabien, Gas aus Sibirien und Uran aus Australien, aber die heimische Sonne, den heimischen Wind, die heimische Erdwärme, die heimische Wasserkraft und die heimische Bioenergie nutzen wir kaum?

Der Solararchitekt Rolf Disch in Freiburg hat bereits 60 Häuser gebaut, die allein mit Solaranlagen doppelt so viel Strom produzieren, wie die Bewohner brauchen. Jedes Haus kann in Zukunft seinen Energieverbrauch selbst organisieren. Millionen Hausbesitzer, Energie produzierende Landwirte, Handwerker und Mittelstand sind die Träger der künftigen umweltfreundlichen autarken Energieversorgung. Der hundertprozentige Umstieg auf Erneuerbare Energie wird in Deutschland zu einer Million neuer Arbeitsplätze führen und in der EU zu fünf Millionen, sagt eine Berechnung der Europäischen Kommission in Brüssel. Schon heute arbeiten im Bereich der Erneuerbaren Energien in Deutschland 340.000 Menschen. Bis 2020 können es eine Million sein. Neue Energie bedeutet viele neue Arbeitsplätze. Worauf warten wir noch? In den Umweltbranchen insgesamt arbeiten heute in Deutschland bereits 1,8 Millionen Menschen – mehr als doppelt so viel wie in der Autobranche.

 

Solarpolitik ist Sozialpolitik!

 

Das ökologische Wirtschaftswunder, das wir schaffen können, kann zum Beispiel im Detail so aussehen:

Wir werden Millionen Altbauten energetisch renovieren.

Wir werden sparsame Elektrogeräte bauen.

Wir werden Wasser sparende Wasch- und Spülmaschinen kaufen.

Wir werden umweltfreundlich heizen – mit Sonne, Holz und Erdwärme.

Wir bauen Millionen neue Häuser als kleine Solarkraftwerke.

Wir nutzen Biokraftstoffe und elektrische Antriebe in Millionen Autos.   

Inzwischen haben auch viele Unternehmer begriffen, dass eine gesunde und intakte Umwelt die Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften ist. Dass in Deutschland eine frühere konservative Umweltministerin Bundeskanzlerin ist oder der frühere Umweltminister Gabriel heute SPD-Vorsitzender, dass in Frankreich eine frühere Umweltministerin sozialistische Präsidentschaftskandidatin war und dass der Umweltaktivist Al Gore in den USA Vizepräsident war, sind deutliche Hinweise auf den ökologischen Wandel in der Politik. Dort ist das Thema Umwelt inzwischen als Leitthema angekommen.  

Und die Verbraucher? Wir? Nur wer informiert ist, kann sein Verhalten ändern. Deshalb betreibt meine Frau unsere Internetseite (www.franzalt.de) und schickt jeden Sonntagmorgen an 150.000 Menschen weltweit unseren Newsletter, den auch jeder Leser und jede Leserin dieser Zeilen kostenlos beziehen können. Wer wirklich will, kann wissen, dass es zu fast allem, was wir heute noch falsch machen, bessere Alternativen gibt. Eine aufgeklärte Gesellschaft hat keine Angst mehr vor Veränderung, sondern macht sich auf einen neuen Weg. Was wir brauchen, ist Lust auf Zukunft. Wir sollten die alte „Geiz-ist-geil-Mentalität“ durch eine neue „Geist-ist-geil-Mentalität“ ersetzen.

 

© Franz Alt | www.franzalt.de

 

Literatur: Franz Alt, Sonnige Aussichten – Wie Klimaschutz zum Gewinn für alle wird, Gütersloher Verlagshaus

und Die Sonne schickt uns keine Rechnung – Neue Energie, neue Arbeitsplätze, neue Mobilität, Piper-Taschenbuch