Besuch in Tschernobyl

 

Ich habe 2007 die Möglichkeit bekommen, im September an einer geführten Reise in das Sperrgebiet von Tschernobyl teilzunehmen. Reiseführer war ein Physiker, der 1986 als Armeeangehöriger mitverantwortlich war für die Evakuierung der Städte und Ortschaften. Später war er Universitätsdozent in der Ukraine. Ich habe diese Reise mit einer dreitägigen Städtetour nach Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, verbunden.

 

Am Samstag, den 15. September war es morgens um 6.30 Uhr so weit: Am Hauptbahnhof Kiew war der Treffpunkt, und eine Gruppe von etwa 40 Leuten setzte sich in einem modernen Reisebus in Bewegung. Der Reaktor ist ca. 100 km Luftlinie von Kiew entfernt, das Sperrgebiet beginnt etwa nach 75 km Fahrt. Der Reiseleiter erzählte auf der Hinfahrt detailliert von den damaligen Ereignissen und führte Filme vor, die von der Roten Armee im Rahmen der Evakuierung gemacht und viel später – erst unter Putin – veröffentlich wurden.

 

Das Sperrgebiet in der Ukraine hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 40 km und eine West-Ost-Ausdehnung von etwa 100 km. Es wohnten ca. 100.000 Menschen in dem Gebiet, bevor es evakuiert wurde. Im Norden und Osten grenzt Weißrussland als Nachbarstaat an.

 

Am Beginn des Sperrgebietes wurden wir durch ukrainisches Militär pedantisch daraufhin kontrolliert, ob für sämtliche Reisende die Genehmigung vorliegt. Pässe wurden genau angeschaut („Nehmen Sie bitte die Brille ab“), Passnummern wurden abgehakt, Stahlgittertore wurden aufgeschlossen und der Bus durchgelassen. Dann ging es weiter, durch menschenleere Landschaft; der Reiseleiter erklärte, dass da früher Ortschaften waren, die abgebrochen und mit Erde überschüttet wurden, weil die Gebäude so stark strahlten. Einige Male hielten wir an, um vereinzelte Wohnhäuser anzuschauen. Diese waren früher in einem Dorf, jetzt stehen sie im Wald und fallen langsam ein. Seit die Leute 1986 ihre Häuser verlassen haben, wurde nichts verändert. Die Arbeitsschuhe stehen noch in der Ecke, die Zeitung Prawda vom April 1986 liegt auch noch da, ein inzwischen fast völlig verrostetes Mofa steht vor der Haustür. Wir machten einen Abstecher zu einem ehemaligen Dorf mit damals mehreren Hundert Einwohnern. Da waren ursprünglich die Gebäude rund um einen „Marktplatz“ angeordnet, auf dem ein Soldatendenkmal stand. Jetzt steht das Soldatendenkmal mitten im Wald, keine Straße mehr, kein Gebäude mehr. Nichts mehr ist vorhanden, nur noch „Natur“.

 

Weiter ging es nach Tschernobyl-Stadt. Dort lebten immerhin einmal 15.000 Einwohner. Der einzige Ort mit ein wenig „Leben“. Da gibt es die Zentrale der Kraftwerksverwaltung – es arbeiten ja immerhin mehr als zweitausend Leute daran, die Kraftwerksblöcke endgültig stillzulegen. Das muss organisiert werden. Da gibt es die Sozialstation des Kraftwerkbetreibers mit einem Restaurant, einem Hotel, einer medizinischen Versorgungsstation. Es gibt eine wunderschön gepflegte orthodoxe Kirche, die seit einigen Jahren wieder einen fest zuständigen und sehr engagierten Pfarrer hat – es finden mehrmals in der Woche Gottesdienste statt. Das Hotel ist immer gut besucht, es kommen Wissenschaftler nach Tschernobyl, die die Auswirkungen von radioaktiver Bestrahlung erforschen wollen. Es kommen aber auch viele Wildbiologen, die die Entwicklung von Flora und Fauna in einem völlig ungestörten Gebiet untersuchen. Da stört die Strahlung kaum, denn Wildtiere werden selten so alt, dass sie an Strahlenkrankheit sterben. Vorher werden sie gefressen oder sterben an „banalen“ Infektionen. Der übrige Bereich der Stadt ist aufgegeben, da treiben sich Wildschweine herum.

 

Schließlich kam der Besuch von Pripyat an die Reihe: Diese Stadt war eine typisch sozialistische Planstadt, 1970 gegründet, 1986 für immer aufgegeben. Am Schluss hatte die Stadt etwa 50.000 Einwohner, die allesamt mit mehr als 1000 Bussen evakuiert wurden – alle durften nur 5 kg Handgepäck mitnehmen. Heute ist die gesamte Stadt mehr oder weniger mit Bäumen und Sträuchern überwuchert, die großen Plattenbauten beginnen zusammenzufallen, die Straßen sind nicht mehr vorhanden, da die Betonplatten und der Asphalt schon lange von der Natur „geknackt“ wurden. Die Straßenlaternen stehen mitten im Wald – und keiner weiß, was sie früher einmal beleuchtet haben. Auf dem ehemaligen Zentralplatz steht ein verrostetes Riesenrad – es war vorgesehen für die Feiern zum 1. Mai, dazu kam es aber nicht mehr. Im Schwimmbad ohne Wasser liegen noch die Eintrittskarten von 1986 herum, im Radio- und Fernsehladen stehen die nagelneuen Raduga-Fernseher von 1986 (In der DDR waren sie bekannt als „Wohnungsbrand aus Freundesland“) sowie ein unbenutztes Cello und warten immer noch auf den Verkauf. In den Ausnüchterungszellen der Polizei haben sich verwilderte Katzen eingenistet, die sich dorthin zurückziehen, wenn es nass und kalt wird. Immer wieder hört man ein Krachen, wenn an einem Hochhaus eine Eternitverkleidung herunterfällt. All das ist sehr bedrückend – bei meiner Reise war es stark bewölkt und daher ziemlich düster. Man sieht eindrücklich, was vom Menschenwerk übrig bleibt, wenn sich die Natur ungestört darüber hermacht.

 

Schließlich besichtigten wir noch den „Kraftwerksblock IV“, also den havarierten Reaktor. Zum Zeitpunkt meiner Reise war der Sarkophag noch nicht gebaut, allerdings schon beschlossen. Wir konnten etwa 100 m an den Reaktor herangehen, mussten aber nach wenigen Minuten wegen der erhöhten Strahlung wieder weiterfahren.

 

Der Bus hielt immer wieder an, wir konnten aussteigen und die Radioaktivität messen. Bestimmte Ergebnisse waren logisch: Sobald man das Kraftwerk sah, konnte man auch erhöhte Aktivitäten messen – das war die Gammastrahlung. Aber ansonsten war die Strahlung nicht gleichmäßig verteilt: An vielen Stellen – auch sehr nahe am Reaktor – war wesentlich weniger Belastung als zum Beispiel im Hochschwarzwald um Menzenschwand (da ist die Radioaktivität natürlich), an anderen Stellen hätte man keinen ganzen Tag bleiben können, ohne krank zu werden. Das liegt wiederum daran, dass strahlende Elemente in den Boden eingelagert wurden und dort fixiert sind.

Es wird noch Jahrhunderte dauern, bis das Gebiet wieder freigegeben werden kann. Bis dahin werden Wölfe, Füchse, Wildschweine, Biber, verwilderte Katzen, Wildrinder („Europäische Wisente“) und russische Wildpferde dort leben.

 

Am Abend hatten wir dann noch im Restaurant des Kraftwerksbetreibers in Tschernobyl ein mehrgängiges, ukrainisches Abendessen – es war auch Pilzsuppe dabei und jeder Teilnehmer hielt sein Messgerät darüber –, das Essen strahlte aber nicht. Die Bedienungen grinsten und meinten „Wir wussten, dass ihr mit Zählern kommt, da schaut man schon drauf, was man anbietet“. Anschließend haben wir noch die Strahlung einer Hauskatze und ihrer Jungen gemessen – diese Tierchen strahlten durchaus, was kein Wunder ist, nachdem sie Getier fressen, das sich durch den belasteten Boden buddelt.

 

Schließlich war die Besichtigung zu Ende. Die Heimfahrt wurde unterbrochen durch den Stopp an der Kontrollstelle, wo wir nun einzeln durch ein Messgerät durchgehen mussten – damit sollte verhindert werden, dass jemand belastetes Material absichtlich oder unabsichtlich heraus trägt. Auch der Bus wurde ausgemessen. Und die Leute wurden wieder aus den Listen ausgetragen, wieder mit Passkontrolle. Diesmal wurde jedem Reisenden wegen der Dunkelheit mit einer Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, um das Bild zu vergleichen.

 

Es war eine bedrückende Reise – eine Reise in eine totenstille Gegend, in der eine dauerhafte Bedrohung weiterhin besteht. Auch eine Reise zu den Gründen dieser unglaublichen Katastrophe, die vor allem durch unqualifiziertes Personal, unüberlegte Obrigkeitshörigkeit der Verantwortlichen sowie durch einen zwar billigen, aber in sich unsicheren Reaktortyp, der nie hätte gebaut werden dürfen, verursacht wurde.

Eine Katastrophe, die sowohl durch fehlendes Krisenmanagement als auch durch Mobbing aus der Umgebung gegen die evakuierten Betroffenen noch erheblich verschlimmert wurde: Kinder hat man aus Schulen ausgesperrt – „sie könnten ja strahlen“. Eltern haben ihren Kindern verboten, mit Kindern aus Tschernobyl zu spielen. Die Leute wurden gnadenlos isoliert. Die Sowjet-union konnte und wollte nicht mehr helfen, das Land war kurz vor dem Untergang. Und die neu gegründete Ukraine kümmerte sich auch nicht um die Opfer, denn „schuldig war ja Moskau, wir können nichts dafür“. Die damalige ukrainische Regierung hat sich in Russland nie für eine Aufarbeitung eingesetzt, man wollte sich wohl nicht zerstreiten. Und so mussten die Betroffenen ohne Entschädigung für ihre verlorenen Häuser und ihre verlorenen Sachen in einem auf die Schnelle aus dem Boden gestampften neuen Ort – Slavutych – von Null anfangen. Manche haben das nicht geschafft – und sich zu Tode getrunken. Oder Suizid begangen.

 

Dadurch, dass die Reise von einem Fachmann begleitet wurde, war sie sehr interessant und lehrreich. Die Erfahrung dabei möchte ich nicht missen. Eventuell werde ich im Sommer 2011 nochmals in dieses Gebiet fahren – diesmal zu einer zweitägigen Reise, mit Übernachtung im Sperrgebiet.

 

Lothar Adam