Tschernobyl ist morgen

 

Morgen?

Die Atomkatastrophe in den japanischen Atomkraftwerken Fukushima, Okanawa und Tokai Mitte März hat mich schneller bestätigt, als ich beim Schreiben meines Artikels ahnen konnte.

Aber das zeigt nur, wie richtig meine Einschätzung ist: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Atomkatastrophe passiert. Sicher an der Atomkraft ist nur eins: das Risiko.

 

 

 

25 Jahre ist es nun her: Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum Super-GAU, einem Unfall, der den „GAU“, den größten Unfall, der als Möglichkeit in einem Atomkraftwerk angesehen wurde, noch übertraf. Tausende von Menschen sind auf Grund dieses Super-GAUs zu Tode gekommen oder erkrankt: Schilddrüsenkrebs, Magen-Darm-Erkrankungen, Herz- und Bluterkrankungen, Leukämie, Brustkrebs und Organ-Krebs-Erkrankungen, Jugend-Diabetes und Immunschwächen sind nur einige Beispiele.

 

Nach Informationen der „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover sind besonders Säuglinge und Kinder betroffen, die in dieser verstrahlten Umwelt geboren werden und aufwachsen. So habe die Säuglings- und Kindersterblichkeit zugenommen, ebenso seien vermehrt Missbildungen oder Totgeburten festzustellen. „Und die Zahl der Erkrankungen steigt weiter an. Der negative Höhepunkt ist nach der Meinung von Experten noch lange nicht erreicht, weil die Langzeitfolgen der Verstrahlung kaum abzuschätzen sind und erst allmählich sichtbar werden“, so die „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ in ihren Informationen.

 

 

Atomkraft-Renaissance?

 

Dennoch wird von interessierten Kreisen in Wirtschaft und Politik immer wieder eine Renaissance der Atomkraft prognostiziert. Für mich unfassbar. Denn neben den Unfall-Gefahren mit ihren unabsehbaren Folgen besteht auch weiterhin die Gefahr, dass ein Atomkraftwerk in den Fokus eines gezielten Terroranschlags genommen wird (siehe dazu auch das Interview mit dem Atomenergie-Experten Dr. Helmut Hirsch in dieser Ausgabe), oder dass sich die Atomtechnologie in Länder von Despoten ausbreitet, welche sich zu einer Nuklearmacht aufschwingen wollen.

Die derzeitige Bundesregierung hat sich zu einer Verlängerung der Laufzeiten von AKW entschlossen, die bei Ansatz des bisherigen jährlichen Auslastungs-Mittelwerts der deutschen Atomkraftwerke von 82 Prozent zu Laufzeiten von bis zu 50 Jahren für ein AKW führen werden. Eine solche Laufzeit ist nach Ansicht des ehemaligen Atommanagers und heutigen Atomkritikers Klaus Traube unverantwortlich. „Für derart lange Laufzeiten wurden die deutschen AKW von vornherein gar nicht konzipiert“, so Traube in einem Analysepapier, welches er für den Deutschen Naturschutzring verfasst hat. Je älter, desto störanfälliger würden die AKW.

 

Und Tschernobyl kann sich jederzeit wiederholen. Diese Katastrophe ist kein Ereignis in der Vergangenheit, sondern schneller als uns lieb ist ein Ereignis von morgen. So hatte es beispielsweise beim AKW Brunsbüttel im Dezember 2001 eine Wasserstoffexplosion gegeben, bei der das AKW nur knapp an einem GAU vorbeigeschrammt ist. Über einen längeren Zeitraum hatte der Betreiber Vattenfall diesen hochgefährlichen Unfall verschwiegen. Erst Ende Februar 2002 wurde der ganze Vorfall bekannt. Und wieder wurde deutlich: Der Mensch ist nicht unfehlbar genug, um diese Technologie fehlerfrei genug beherrschen zu können.

 

Endlagerfrage unlösbar

 

Auch die Endlagerfrage ist und bleibt ungeklärt. Vielmehr zeigt sich, dass die bislang als „Endlager“ deklarierten ehemaligen Bergwerke wie Asse oder Gorleben mit großen Fragezeichen zu versehen sind.

So ist unter kritischen Experten unstrittig: Gorleben ist alles andere als ein sicherer Standort für ein atomares Endlager. Das Deckgebirge über dem Salzstock ist instabil, so dass auf Dauer möglicherweise Grundwasser einsickern kann. Die möglichen Folgen beschreibt der Geophysiker Gerhard Jentzsch von der Universität Jena bei einem Interview für eine NDR-Reportage kurz und nüchtern: „Man muss dann damit rechnen, dass die Radionuklide den Weg in die Biosphäre finden. Und das ist dann die Sphäre, auf der wir leben.“

Die Frage, wie wir mit dem bereits angefallenen und weiter anfallenden Atommüll umgehen sollen, bleibt also ungelöst. Es ist ein Problem, welches uns und die nachfolgenden Generationen über unvorstellbare Zeiträume beschäftigen wird. Alle, die die Atomkraft als zukunftsweisende Energiequelle ansehen, müssen sich darüber bewusst sein, dass wir damit tausenden von folgenden Generationen Belastungen auf die Schultern laden, die diese zu tragen haben, ohne auch nur im geringsten von deren Nutzen zu profitieren. Was wir heute billig haben wollen, werden unsere Kinder, Kindeskinder und endlose weitere Nachfahren mit einem horrenden Zins und Zinseszins bezahlen müssen. Eine solche Last hat keine Generation vor dem Beginn des Atomzeitalters in dieser Weise ihren Nachkommen aufgebürdet.

Der Journalist Arno Widmann hat es am 18. August 2010 in einem Artikel für die Frankfurter Rundschau in Bezug auf das im Atommüll enthaltene Plutonium-239 so zusammengefasst: „Wir wissen, die Halbwertzeit von Plutonium-239 liegt bei 24.000 Jahren. Wir wissen auch, dass es etwa zehnmal so lange dauert, bis die für Menschen tödliche Strahlung abgeklungen ist. Wir tun so, als habe die Frage der Endlagerung nichts mit der Laufzeitverlängerung zu tun. Wir tun allerdings schon seit Jahrzehnten so, als habe der Atommüll nichts mit der Nutzung der Kernenergie zu tun. Wir sind eine begabte Spezies. Wir schaffen es, vor dem, das uns nicht behagt, Augen und Ohren zu schließen. Wir sind taub und blind, wenn wir uns einbilden, es verschaffte uns einen Vorteil.“

Und dennoch wird weiter Atommüll produziert. Wenn hier die tatsächlichen Folgekosten errechnet werden würden, wäre wahrscheinlich jede noch so teure Kilowattstunde Solarstrom Peanuts dagegen.

 

Zudem wird diese Laufzeitverlängerung den dringend notwendigen Ausbau der Erneuerbaren Energien und den Umbau unseres Energiesystems erheblich ausbremsen. Denn Atomkraftwerke besitzen nicht die notwendige Flexibilität für ein intelligentes Energieerzeugungssystem; ihre Leistung lässt sich lediglich bis zu 50 bis 60 Prozent der Volllast einigermaßen flexibel regeln; darunter wird es schwierig. Wenn auf Grund entsprechender Leistung der Erneuerbaren Energien der gesamte Strombedarf abgedeckt werden kann, die AKW also komplett heruntergefahren werden müssten, würden sie erst wieder vier bis fünf Tage benötigen, bis sie die Stromerzeugung wieder aufnehmen können; mit hocheffizienten Kraft-Wärme-gekoppelten Gaskraftwerken wäre die notwendige Flexibilität eines intelligenten Energieerzeugungssystems problemlos realisierbar.

 

Wende zu Erneuerbaren

ist möglich und bezahlbar

 

Eine Ende Februar veröffentlichte Studie des Sachverständigenrates für Umweltfragen macht klar, dass es für Deutschland nicht nur möglich ist, sich bis zum Jahr 2050 zu 100 Prozent mit Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen, sondern auch bezahlbar. Weder die beschlossene Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke ist notwendig noch zusätzliche Kohlekraftwerke. Vielmehr könnte das Potenzial an Erneuerbaren Energien in Europa den Bedarf um ein Vielfaches übersteigen (siehe dazu auch der Artikel des Journalisten und Theologen Franz Alt in dieser Ausgabe).

 

Die größte Herausforderung dabei ist der Ausbau der Stromnetze in Deutschland. Je nach Szenario müssten dafür bis zu 4.000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen in Deutschland aufgebaut werden. Der ehemalige Staatssekretär des Bundesumweltministeriums und heutige Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe Rainer Baake machte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk in diesem Zusammenhang klar, dass der notwendige Ausbau der Netze mit Sicherheit nicht zu einer Explosion bei den Strompreisen führen würde: „Das bleibt alles im Rahmen. Es ist viel wichtiger, dass dieser Netzausbau jetzt vorankommt, weil es natürlich keinen Sinn gibt, Windenergieanlagen in der Nordsee zu bauen, wenn nicht anschließend der Strom auch zu den Verbrauchszentren im Ruhrgebiet oder im Süden der Republik abgeleitet werden kann.“

Baake gibt in dem Interview darüber hinaus zu bedenken, dass wir uns mit der Umstellung auf Erneuerbare Energien von teuren Energieimporten unabhängig machen können. Bisher werde die Primärenergie, die wir für die Stromproduktion benötigen – Uran, Gas, Kohle – hauptsächlich importiert. Damit würde es durch eine konsequente Wende hin zu den Erneuerbaren Energien letztlich auf Dauer eher billiger als teurer.

 

Ebenso wichtig wie der Ausbau der Netze wird allerdings auch der Aufbau von Speicherkapazitäten, wie es zum Beispiel mit Wasserkraftwerken in einem Verbund von Talsperren möglich wäre. Bei solch einem Talsperren-Verbund würden Stromüberkapazitäten genutzt, um Wasser in höhere Talsperren zu pumpen und mit diesem Wasser bei Strombedarf Turbinen zur Stromerzeugung zu betreiben. In Norwegen wird dies bereits praktiziert.

 

Nach meiner Überzeugung ist die atomare Form der Energieerzeugung daher nicht zukunftsfähig und müsste umgehend abgelöst werden. Dabei hat jede Verbraucherin und jeder Verbraucher mit einem Wechsel zu einem echten Öko-Strom-Lieferanten, wie beispielsweise den Elektrizitätswerken Schönau (EWS), die Möglichkeit, den eigenen Atomausstieg sofort zu vollziehen. Die EWS zeichnen sich dadurch aus, dass sie als einziger Öko-Strom-Anbieter garantieren, keinerlei Verknüpfung mit Unternehmen der Kohle- oder Atomwirtschaft oder deren Tochterunternehmen zu unterhalten.

 

Wechseln können natürlich auch Gemeinden: Die Evangelische Kirche im Rheinland hat einen Rahmenvertrag mit den EWS für die Stromversorgung von Gemeinden geschlossen. Nach Auskunft von Generalvikar Jürgen Wenge können alt-katholische Gemeinden sich diesem Vertrag anschließen, der Gemeinden einen äußerst günstigen Strompreis sichert; sowohl die EWS wie die rheinische Evangelische Kirche haben sich einverstanden erklärt. Die Gemeinden mögen sich diesbezüglich mit dem Generalvikar in Verbindung setzen.

 

Walter Jungbauer