Geschlechter-gerecht?!

 

Um ehrlich zu sein, ich habe die „-in“ und „-innen“ ziemlich satt. Genauer gesagt, ich bin es müde, damit genannt aber nicht gemeint zu sein. Die zahlreichen Angela-Merkel-Imitatoren transportieren dieses Gefühl ziemlich zutreffend, wenn sie die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ so verballhornen, dass sich alles gleich anhört. Die Aussage dahinter ist für mich: So richtig hat niemand Lust auf diese Bandwurmanreden, sie sind aber nun mal gerade gesellschaftspolitisch opportun.

 

Ich werde im Alltag des öfteren das Gefühl nicht los, dass diese geschlechtergerechte Sprache auch so lustlos praktiziert wird: Es ist wichtig, dass ein „-in“ über meine Lippen oder aus meiner Feder kommt. Wie ich mich tatsächlich verhalte, zweitrangig. Was habe ich als Frau allerdings davon, wenn mich zwar mein Kollege mit „Frau Kollegin“ begrüßt oder mich mein Chef als „Mitarbeiterin“ erwähnt, dabei aber völlig ungeniert vor mir durch die Türe geht und diese auch noch vor meiner Nase zufallen lässt?! Oder mich gar durch männliche Ellbogen-Politik geschickt vom Aufstieg in eine besser bezahlte Stelle oder in eine Leitungsposition fern hält?!

Der Eindruck drängt sich mir auf, dass das gesellschaftlich gerade angesagte Beharren auf geschlechtergerechte Sprache sehr häufig ein oberflächliches Ergebnis hat, lediglich formal den Geschlechtern gerecht wird. Sinngemäß: Hauptsache, die haben ihr „-innen“ und geben dann Ruhe. Das Bemühen, offizielle und allgemeingültige Texte nun in geschlechtergerechte Sprache zu übertragen, ist allein durch den administrativen Aufwand so gewaltig und kostenaufwendig, dass die Beteiligten ob der Formalia erschöpft sind. Ist der formale Kraftakt geschafft, kann niemand mehr behaupten, man nehme das Thema nicht ernst, es steht ja schwarz auf weiß geschrieben. Diese Absichtsbekundung jedoch garantiert nicht, dass die inhaltliche Umsetzung auch wirklich erfolgt. Bisweilen wird es sogar noch schwieriger, nachzuweisen, dass das „-in“ nicht wirklich in den Köpfen und Herzen mancher Entscheidungsträger angekommen ist. Eine inhaltliche Umsetzung der Gleichbehandlung in den jeweiligen Systemen und Organisationen wird häufig dann nur noch am Rande bedacht.

Den Zusatz „-in“ um jeden Preis und überall finde ich ziemlich künstlich und aufgesetzt, Form ohne Inhalt. Männer reagieren mitunter erstaunt darüber und wahrscheinlich ärgert sich auch die eine oder andere Frau über solch eine Haltung. Sie ergibt sich jedoch aus der starken Skepsis darüber, ob Sprache – vor allem eine angeordnete Sprache – das Denken wirklich so stark beeinflusst, wie bei diesem Thema erhofft.

Ich weiß, selbst Laotse hat einst behauptet: „Willst du eine Gesellschaft verändern, so musst du mit der Sprache anfangen“. Sich mit so einer Größe anzulegen, ist auf den ersten Blick gewagt. Dennoch gilt die Hypothese inzwischen als überholt, die da noch in den 1950er Jahren behauptete, Sprache determiniere das Denken und die Wahrnehmung ihrer Sprecher. Die heutige Forschung geht von einer wesentlich komplizierteren wechselseitigen Beziehung zwischen Sprache und Denken aus. Die Diskussion über die Rolle der Sprache im Erkenntnisprozess ist noch nicht wirklich abgeschlossen.

 

Einleuchtend erscheint mir persönlich die Position, die vom Denken ausgeht und unter anderem im „semiotischen Dreieck“ beschrieben wird. Vereinfacht gesagt: Wir sehen einen Gegenstand oder haben einen abstrakten Gedanken und entwickeln dann dafür Lautkombinationen, um zu benennen oder zu unterscheiden, um dem Denken und Empfinden Ausdruck zu verleihen. Zuerst ist also der Inhalt in unserem Gehirn, die Denkeinheit, dann entsteht die lautliche Entsprechung dafür, die sprachliche Form. Versuchen wir es nun andersherum, kleben wir unseren Wörtern ein „-in“ oder „-innen“ an, habe ich Zweifel, dass sich das wirklich zwangsläufig auf das Denken und auf das damit verbundene Handeln auswirkt. Genügend Alltagssituationen beweisen, dass es bei der bloßen Lautkombination bleibt.

Damit will ich andererseits nicht behaupten, Sprache sei unwichtig. Wir sollten nur beim Thema Gleichbehandlung ihren Einfluss nicht überschätzen. Wir sollten am Inhalt dran bleiben, bevor wir uns an der Form verausgaben. So wäre es für mich zum Beispiel in unserer Kirche zu diesem Zeitpunkt nicht zwingend notwendig, das Kirchenrecht akribisch in geschlechtergerechte Sprache umzuschreiben. Oder über eine geschlechtergerechte Anpassung des Titels dieser Zeitschrift nachzudenken. Viel wichtiger und dringender fände ich die inhaltliche Auseinandersetzung mit und Lösungsfindung für Fragen wie: Bedenkt unser Kirchenrecht ausreichend, wenn überhaupt, die Lebenswirklichkeit einer Pfarrerin und Mutter? Wie stark ist die Lebenswirklichkeit der Pfarrfrauen im Bewusstsein und wird sie organisatorisch berücksichtigt? Wie geht es den Frauen in unseren Gemeinden? Wie können wir uns als Kirche gesamtgesellschaftlich stärker für die Belange von Frauen einsetzen? Und so weiter, und so weiter.

 

Es ist traurig genug, dass wir uns in unserer Gesellschaft überhaupt für die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beziehungsweise gegen die Benachteiligung von Frauen (und inzwischen manchmal auch von Männern) einsetzen müssen. Ich meine, wenn wir nicht nachlassen, inhaltlich zu argumentieren und auf die Veränderung der Lebenswirklichkeiten einzuwirken, dann verändert sich die Sprache natürlicher und nachhaltiger. Weil sie von innen kommt. Die Sprache ist Ausdruck einer Haltung, und diese müssen wir erst in den Köpfen und Herzen unserer Umwelt argumentativ und empathisch bewirken.

Corina Strenzl