Karlsruher Lichtblicke

 

Die Karlsruher Gemeinde Christi Auferstehung beging im Dezember des vergangenen Jahres das zweijährige Bestehen einer bemerkenswerten Gesprächsreihe, die unter dem Namen „Lichtblicke“ veranstaltet wird. Im Abstand von etwa sechs Wochen lädt die Gemeinde auf Samstagvormittag zum kritischen Nachdenken über religiöse, theologische und philosophische Fragestellungen ein. Die Teilnahme ist kostenfrei und offen, das heißt man kann einmal oder jedes Mal dabei sein. Mit dem Gespräch ist ein kleines Frühstück verbunden. Mittlerweile hat sich ein fester Teilnehmerkreis etabliert; es kommen aber auch immer wieder neue Interessenten dazu.

Im Dezember hieß das Gesprächsthema, passend zum Kirchenjahr: „Weihnachten – oder: Wie Heil und Heilung in unser Leben hineingeboren werden.“ Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eingeladen zu entdecken, welche Antworten sich der altvertrauten Weihnachtsgeschichte zu dieser Frage entlocken lassen. Oder, wie es im Untertitel des Programms hieß: Ist womöglich etwas darin verborgen, das inmitten alter und junger Traditionen noch gar nicht bei uns selbst angekommen ist?“ Nicht minder anspruchsvoll lauteten die Themen früherer Lichtblicke des Jahres 2010, etwa: „Die Schöpfung“, „Der Christ – ein Mensch für andere“ und „Über (unsere Vorstellungen von) Gottes Handeln in der Welt.“

 

Zu jedem Lichtblick wird den Menschen, die da miteinander ins Gespräch kommen sollen, ein mehrseitiges Impulspapier an die Hand gegeben. Es bezieht sich nicht nur auf die gedanklichen Hintergründe des jeweiligen Themas, sondern immer auch auf einschlägige Textstellen des neuen Testaments. „Fragen zur Revision“ helfen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, sich selbst mit ihren persönlichen Glaubensvorstellungen auf die Evangelientexte einzulassen.

Veit Schäfer hat mit dem Initiatorenpaar Dr. Andreas Dumm (53 Jahre, Arzt) und Marianne Koch (52 Jahre, Med.-techn. Assistentin), beide Gemeindemitglieder, gesprochen.

 

Marianne und Andreas, erzählt doch mal in kurzen Zügen, wie ihr auf die Idee zum Lichtblick kamt und wie diese dann realisiert wurde.

 

M: Den Anfang bildete unser beider Überzeugung, dass Lebensfragen Glaubensfragen darstellen und umgekehrt. In vielen Jahren der Gemeindearbeit in der Römisch-Katholischen Kirche – wir beide sind im Jahre 2005 in die Alt-katholische Kirche übergetreten – habe ich gelernt, dass die Heilige Schrift, insbesondere das Neue Testament, im bloßen Hören kaum Überzeugungskraft entwickelt, wenn der Bogen in das eigene Leben nicht geschlagen werden kann. Dies geschieht in der Regel kaum von selbst, man benötigt meist eine Anregung und oft auch eine Anleitung. Ein solches Glaubensgespräch muss einerseits gut vorbereitet, andererseits aber völlig offen sein, denn jede und jeder bringt ganz eigene Erfahrungen und dementsprechend Ansatzmöglichkeiten für die Texte mit. Eine persönliche Entwicklung in der Auseinandersetzung mit den Texten findet vor allem dann statt, wenn das Gespräch darüber wirklich offen – das heißt: von dem Teilnehmer und seiner Erfahrung her – gestaltet und nicht als Rezeption einer vorbereiteten Deutung missverstanden wird, die man nur zu übernehmen braucht.

 

A: Ich meine, dass wir im Glauben nicht auf etwas verwiesen sind, das (in historischem Sinne) „war“, sondern auf etwas, das immer nur „wird“, das entweder aus uns selbst hervorgeht oder schlicht nicht existiert. Weil dies die Auseinandersetzung mit Gewohnheiten, die Sicherheit geben, und mit inneren Widerständen, die diese Sicherheit bewahren wollen, bedeutet, können wir einander bei jeder Art von ernsthaftem Glaubensgespräch nur „bereichern“: Eine andere, ganz fremd erscheinende Ansicht, die uns zunächst beunruhigt, stellt oft den Schlüssel für ein tiefer gehendes Verständnis dar. Dazu benötigt man ausreichend Zeit und Frische, so dass wir den Samstagmorgen für die Veranstaltung ausgewählt haben. Ihre heutige Form hat sich nach einigem Experimentieren herausgeschält, wobei wir äußerst froh über die kundige Unterstützung und stets tätige Mithilfe unseres Pfarrers Reinhold Lampe sind.

 

Zwei Jahre lang läuft nun die Gesprächsreihe schon. Das zeigt doch, dass das Versuchsstadium herum und die Veranstaltung etabliert ist?

 

A: Das trifft zu. Die Teilnehmerzahl schwankt zwischen ca. 20 und 30 Personen, die Alterszusammensetzung reicht von etwa Mitte dreißig bis weit über achtzig Jahre, die Geschlechtsverteilung ist ausgewogen. Es sind auch oft Kinder dabei, die nach dem gemeinsamen Frühstück in den Garten oder ins Spielzimmer gehen können. Es gibt natürlich einen harten Kern, das sind vielleicht 10 bis15 Personen, die anderen kommen von Mal zu Mal dazu; der bisherige Interessentenkreis beläuft sich auf etwa 50 Personen. Das Verhältnis von Gemeindemitgliedern zu Gästen liegt bei etwa 2 zu 1.

 

M: Für besonders wichtig halte ich die Einladung zur Veranstaltung, die mehr als eine Formsache beziehungsweise eine Informationsübermittlung ist und die das persönliche Interesse an jedem Eingeladenen widerspiegeln sollte: Das hat eine Auswirkung auf die „innere Präsenz“ und Beteiligung an der Arbeit. Außerdem ist es wesentlich, dass die Möglichkeit für ein Nachgespräch gegeben ist, ganz gleich, wie das gemacht wird, ob beim Kirchenkaffee, am Telefon oder bei einem persönlichen Treffen. Denn nicht selten werden Gedanken, Gefühle und Erinnerungen mobilisiert und wollen betrachtet werden. Die Bibel ist ja alles andere als eine Idylle, wenn man sie persönlich und ernst nimmt.

 

Wenn ich mir die Impulspapiere anschaue, habe ich den Eindruck, dass dem Gesprächskreis alles andere als geistliche Hausmannskost vorgesetzt wird, schon eher „Haute cuisine“, um im Bild zu bleiben. Geht da nicht manche Fragestellung über die Köpfe der Leute weg?

 

A: Unsere Erfahrung zeigt das genaue Gegenteil! Je „unverbildeter“ Menschen den Zugang zur Heiligen Schrift wagen, desto heftiger ist die Begegnung mit ihr. Durch unsere Gewohnheiten des Umgangs, zum Beispiel im Gottesdienst oder in den traditionellen Festen, schirmen wir diese Begegnung oft unbewusst ab. Das Vorurteil reflektiert deshalb meines Erachtens die weitverbreitete Einstellung, dass die Texte der Bibel etwas Entrücktes darstellen, das durch Experten erst aufbereitet und erklärt werden muss. Das hat eine gewisse Berechtigung, verfehlt aber die Substanz.

 

M: Wir freuen uns über jeden Teilnehmer, der so kommt, wie er ist, und der sein Leben unverstellt und unverfälscht mitbringt – keine Fassade, keine Feierlichkeit, sondern Lebenswirklichkeit. Das bedeutet in meinen Augen: Lebendiges Miteinander. Oder auch: Gemeinde. Das bedeutet auch: Barmherzigkeit!

 

Mir fällt allerdings auch auf, dass in den „Fragen zur Revision“ eben nicht nur der Kopf, sondern auch „Herz und Bauch“ angesprochen werden; so wird mit bemerkenswerter Eindringlichkeit nach den persönlichen Glaubenserfahrungen gefragt. Ist das manchen Menschen nicht zu intim?

 

M: Manche hören die meiste Zeit „nur“ zu, sagen aber hinterher, dass sie enorm viel für sich haben mitnehmen können. Jeder bestimmt ja selbst das Ausmaß, in dem er sich im Gespräch engagiert.

 

A: Ohne das Wagnis dieser Intimität ist es schwer, dem Glauben einen Boden zu bereiten. Wir laufen dann Gefahr, einen Glauben mit Worten als einen „gemeinsamen“ zu bezeugen, der nur wenig wirklich Gemeinsames hat. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen im Kopf, auch wenn wir zum Beispiel im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen. Eine glaubwürdige Gemeinschaft ist nicht möglich ohne die persönliche Öffnung. Deshalb ist das Kernstück der Veranstaltung das textgebundene Gespräch in der Kleingruppe.

 

Ich gehe mal davon aus, dass die Lichtblicke das Zeug zu einer Art „Geistlicher Erwachsenenbildung“ haben. Ist dafür der Anspruch aber nicht ein wenig zu akademisch?

 

A: Die Erwachsenenbildung ist durchaus ein wichtiger Aspekt des Lichtblicks: Wir kennen die Grundtexte (vor allem auch des Neuen Testaments) oft nur oberflächlich. Deshalb nehmen wir uns – unter einem verbindenden Thema – meistens drei oder vier verschiedene Texte vor. Das erweitert mit der Zeit die Textkenntnis, das Textverständnis und vor allem die praktische „Anwendbarkeit“ dieser Texte im eigenen Leben. Das Arbeitsmaterial ist zudem so gestaltet, dass man das entsprechende Kapitel zu Hause nacharbeiten beziehungsweise auch für sich allein erarbeiten kann; die einzige Voraussetzung dafür sind Interesse und Ernsthaftigkeit, das genügt vollkommen.

 

Welche spannenden Glaubensfragen habt Ihr Euch für das Jahr 2011 vorgenommen?

 

A: Wir haben am 22. Januar 2011 begonnen mit: „Arm und reich – oder: Über das Bedeutungsspektrum eines Gegensatzes.“ Dort wollen wir die Vieldeutigkeit dieser zentralen Begriffe herausarbeiten, die Verwirrung stiftet. Ein Beispiel: Wir lobpreisen die Armut vor Gott – an Weihnachten zum Beispiel die Krippe im Stall – und kämpfen wie selbstverständlich für Wohlstand in der Welt, an dem natürlich alle Menschen Anteil haben sollen. Ein solcher Widerspruch darf nicht tabuisiert werden, sonst machen wir es uns zu bequem. Am 26. Februar folgte: „Der Tod und das ewige Leben – oder: Über die Vorstellung(en) von einem Jenseits.“ Und am 9. April folgt: „Ostern – oder: Über den ‚Ur-Sprung’ des Christentums.“

 

Wenn Ihr ein Ziel der Gesprächsreihe formulieren solltet – wie würdet Ihr es nennen?

 

M: Wir meinen immer, dass wir so, wie wir sind, nicht genügen, dass wir „zu wenig“ sind; und deshalb laufen wir vor uns selbst davon! Und wir neigen dazu, den Glauben als eine Art Gegengewicht misszuverstehen, der uns von diesem Unbehagen, von dieser Angst befreit. Dabei können wir nur in unserer Wirklichkeit „zu Hause sein“ und nirgendwo sonst. Wir wollen also dazu anregen und ermutigen, den Glauben ganz und gar in dieser unserer Lebenswirklichkeit zu suchen: In allem Ungenügen, in aller Widersprüchlichkeit und Ratlosigkeit. Bonhoeffer hat kurz vor seiner Hinrichtung dafür eine wunderbar einfache Bezeichnung gewählt: Er sprach von der „tiefen Diesseitigkeit des Christentums“. „Loslassen und annehmen“ wäre also eine gute Parole. Dies wollen wir geistig erschließen und einüben helfen.

 

Könnte ja sein, dass sich aufgrund dieses Interviews andere Gemeinden oder Gruppen unserer Kirche (vielleicht auch aus anderen) für die Gesprächsreihe interessieren. Habt Ihr ein Urheberrecht auf die Lichtblicke? Wie könntet Ihr Euch eine Übertragung auf andere Gemeinden organisatorisch vorstellen, damit dort das Rad nicht noch einmal erfunden werden muss?

 

A: Wir stehen jedem, der etwas Ähnliches ausprobieren will und dazu auf unsere Erfahrungen zurückgreifen möchte, mit Freude zur Seite! Ein Urheberrecht beanspruchen wir lediglich für unsere eigenen Texterzeugnisse, also für die Arbeitsmaterialien, die wir natürlich gerne zur Verfügung stellen. Und wir versprechen jedem, der sich auf eine solche „strukturierte Begegnung“ einlässt, Überraschungen, neue Einsichten beziehungsweise Ausblicke und ein gutes Stück saftiges Leben.

Interview: Veit Schäfer