„Die einen gaffen, die anderen laufen weg“

 

Pfarrer Ulrich Katzenbach sieht in der Notfallseelsorge eine große diakonische und ökumenische Chance

 

Sie werden wahrgenommen, wenn große Unglücke passieren, wie zum Beispiel bei einer Zugkatastrophe, bei einem Amoklauf oder bei der Love-Parade in Duisburg: Notfallseelsorger. Die meisten Einsätze laufen jedoch weniger spektakulär ab und finden eher im Verborgenen statt, nämlich in Häusern und Wohnungen, bei einem plötzlichen Tod, oder wenn Angehörigen eine Todesnachricht überbracht werden muss. Im Rhein-Main-Gebiet engagieren sich mehrere alt-katholische Geistliche und auch Laien in der Notfallseelsorge. Dort sind die Dienstpläne häufig gut ausgefüllt. In anderen Gegenden mangelt es dagegen an Ehrenamtlichen, die sich für diesen Dienst zur Verfügung stellen. Der Frankfurter Pfarrer und Dekan Ulrich Katzenbach erzählt von seiner achtjährigen Erfahrung in der Notfallseelsorge.

 

Sie sind schon lange bei der Notfallseelsorge in Frankfurt dabei. Warum haben Sie sich damals dafür entschieden?

 

Das war eigentlich ein Bündel an Motiven gewesen. Der äußere Anlass war die Tatsache, dass ich guten Kontakt zur evangelischen Paulsgemeinde habe. Die damalige Pfarrerin dort ist die Frau des damaligen Leiters der Notfallseelsorge Frankfurt, und sie hat mich einmal angesprochen, ob ich keine Lust hätte, da mitzumachen. Dann habe ich mir überlegt, ob ich das kann und will, und ich bin da erst einmal etwas vorsichtig rangegangen, weil einem da sofort entsprechende Bilder in den Kopf steigen. Das war damals zum Beispiels Eschede mit dem schweren Zugunglück. Ich bin ja ziemlich sensibel und habe mich deshalb gefragt: Kann ich mir das zumuten? Nach einer Probezeit habe ich mich entschieden, bei der Notfallseelsorge mitzumachen, weil ich spürte: hier geht es um eine ganz wichtige Aufgabe und ich vertraute darauf, die Belastung tragen zu können, zumal ich die Unterstützung durch ein gutes Team erfuhr.

 

Welches Rüstzeug hatten Sie damals im Gepäck? Wurden Sie speziell ausgebildet?

 

Zum einen hatte ich früher einmal durch meine Arbeit auf einer Palliativstation schon intensiven Kontakt mit dem Thema Sterben und Tod, und in der Notfallseelsorge geht es ja auch in den allermeisten Fällen um solche Grenzerfahrungen. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass ich hier Angehörigen begegne, die ganz plötzlich mit dem Tod eines Menschen konfrontiert werden, während man sich auf der Palliativstation meist über einen längeren Zeitraum in der Situation einer unheilbaren Krankheit mit dem nahenden Tod auseinandersetzen kann. Es gab auch einen Kurs zur Vorbereitung auf diesen Dienst, der diese ganz andere Situation in den Blick nahm. Von daher war das für mich eine spannende und interessante Fortbildung.

 

„Seelsorger“. Das klingt nach einer Aufgabe für geweihte Menschen. Können sich auch Nicht-Ordinierte in der Notfallseelsorge engagieren?

Das Team in Frankfurt besteht nicht nur aus Ordinierten, sondern auch aus Menschen mit anderen Berufen, zum Beispiel Psychologen, Sozialarbeiter oder ehemalige Rettungssanitäter. Ich betrachte es jedoch manchmal als einen Türöffner, wenn ich in eine Situation hineingehe und sagen kann: „Ich bin Pfarrer Katzenbach“.

 

Wie häufig stehen Sie auf dem Dienstplan?

 

Ich habe von vornherein gesagt: Ich möchte meinen Einsatz begrenzen. Denn das ist ja ein ehrenamtlicher Dienst, der zu allem anderen noch hinzu kommt. Ich bin bereit, zwei Mal im Monat für 24 Stunden in Alarmbereitschaft zu sein. Um 22 Uhr schalte ich mein Alarmgerät an und am nächsten Abend um 22 Uhr wieder aus. Wenn der Notarzt oder die Polizei in einer Situation meint, es sei gut, wenn jetzt ein Notfallseelsorger hinzugezogen würde, dann wird das der Rettungsleitstelle gemeldet, die den Alarm auslöst. Allerdings heißt Bereitschaft nicht immer Alarm. Ich hatte in den vergangenen zehn Monaten bislang sechs Einsätze. Man steht aber schon die ganze Zeit unter einer gewissen Anspannung, ob etwas passiert. Ich sehne mich ja nicht nach dem Alarm.

 

Mit wem haben Sie es bei Ihren Einsätzen zu tun?

 

Eine häufige Situation ist der plötzliche Haustod. Dass jemand nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall und nach erfolgloser Reanimation tot in der Wohnung liegt. Wenn der Notarzt, der Rettungsdienst, die Polizei ihre Arbeit erledigt haben, wollen sie die Hinterbliebenen ja nicht in einer oft traumatisierten Verfassung allein zurücklassen. Diese anderen Einsatzkräfte sind dann froh, wenn der Notfallseelsorger sie ablöst. Die Kooperation mit den anderen Diensten gestaltet sich übrigens sehr sensibel und kompetent. Die oft unter Schock stehenden Angehörigen brauchen in diesem Moment eine Begleitung. Dabei geht es zunächst weniger um Worte, als um das Aushalten und Zulassen all der Gefühle die aus den Angehörigen herausbrechen: Weinen, Schreien, Schuldgefühle, Schuldzuweisung, Klage, Verzweiflung, Wut, Nicht-wahr-haben-wollen, Verstummen, Depression, Erstarren… ein Gefühlschaos, mit dem in solchen Situationen als „ganz normal“ zu rechnen ist. Eine weitere Aufgabe besteht dann darin, die Angehörigen erzählen zu lassen, was, wie, wann, wodurch passiert ist. Durch das oft durch Gefühlsausbrüche unterbrochene, oft unstrukturierte Erzählen, können sich die Betroffenen der harten unfassbaren Realität annähern. Unser Bemühen ist es in das Gefühlschaos eine gewisse Struktur hineinzubringen und mögliche Ressourcen zu mobilisieren. Zum Beispiel: die Suche nach Bezugspersonen, die zu benachrichtigen sind, welches soziale Netz steht dem Angehörigen jetzt zur Verfügung? Da geht es um konkrete Telefonate, zu denen die Betroffenen möglicherweise nicht mehr in der Lage sind. Schwierig wird es, wenn die Todesursache durch den Notarzt nicht eindeutig geklärt ist und dann automatisch die Kripo hinzukommt. Der Leichnam wird dann beschlagnahmt und in die Gerichtsmedizin gebracht. Das hat für die Angehörigen oft etwas völlig Unverständliches, Unwürdiges und Überstürztes an sich. Das ist für sie eine zusätzliche Belastung. Ich bemühe mich dann noch in Ruhe eine würdige Abschiedssituation zu gestalten, wenn es gewünscht wird (aber nie ungefragt) mit einem kirchlichen Ritual (Gebet, Segnung).

Weitere Situationen, zu denen ich hinzugezogen werde, sind Suizide. Da geht’s dann um die Überbringung der Todesnachricht, immer zusammen mit der Polizei. Das ist unbeschreiblich, wenn zum Beispiel nachts Eltern die Tür öffnen, und ihnen mitgeteilt werden muss, dass sich ihr Sohn vor den Zug geworfen hat. Der Schock ist so heftig, dass ich in solchen Momenten auch nur sprachlos daneben stehe. Ich darf aber die Erfahrung machen, dass es genügt, einfach nur da zu sein, sozusagen als Klagemauer, an der sich die Menschen auch festklammern und immer wieder fordern: „Sagen Sie, dass das nicht stimmt!“ Dieses Klagen, das Schreien, der Schmerz, das gilt es dann auszuhalten. Und ganz oft wird mir dann zurückgemeldet: „Danke, dass Sie da waren.“ Das hat mich schließlich auch motiviert, weiterzumachen.

 

Und eine weitere Situation: Plötzlicher Kindstod. Ganz schrecklich! Es klingt vielleicht banal: In solch einer hilflosen und surreal anmutenden Lage kann es für die Hinterbliebenen schon ein Stück Berührung mit dem „normalen Leben“ sein, wenn Sie mir etwas zu trinken anbieten. Eine Tasse Kaffee kann in dem riesigen Chaos ein winziger Haltepunkt sein. Natürlich gibt es auch andere Einsätze, die eher eine Ausnahmesituation darstellen, wie zum Beispiel Verkehrsunfall, Mord oder ein Überfall. Aber meistens geht es um Tod, und zwar um den ganz plötzlichen Tod.

 

Kommt es auch vor, dass Sie als Notfallseelsorger unerwünscht sind, nach dem Motto: „Achtung, der Seelenklempner kommt“?

 

Nein. Ich bin ja ausdrücklich gerufen worden. Ich komme ja nicht, um irgendein Angebot aufzuzwingen, das gar nicht erwünscht ist. Es gab wohl schon die Situation, dass sich die Lage vor Ort bis zu meinem Eintreffen schon wieder beruhigt hat. Da bin ich natürlich nicht traurig, denn das ist ja das Ziel, das ich erreichen möchte: dass die Menschen mit einer gewissen Stabilität in die Hände der Angehörigen übergeben werden können oder sogar alleine bleiben können.

 

Kann man als Notfallseelsorger auch etwas „falsch“ machen?

Im Nachhinein denke ich oft, das oder jenes hast Du ungeschickt gemacht oder hättest es anders machen können. Und es gibt auch im Team Nachgespräche. Aber die Situation ist oft so dramatisch und gar nicht planbar, dass ich mich frage, ob die Kategorien „richtig“ und „falsch“ in diesem Zusammenhang passen. Ich bin, der ich bin, mit meinen Möglichkeiten und meinen Grenzen, und die Menschen, mit denen ich dann zu tun habe, sind auch so und dies in einer extremen Ausnahmesituation. Die Menschen sind durch ihre biografische Prägung und Vorerfahrung, auch im Umgang mit Krisen, so verschieden, so dass es kein festgelegtes Verhaltensmuster gibt. Es geht darum, sich konzentriert und wach auf die einmaligen Menschen in einer einzigartigen Situation ihres Lebens einzustellen. Bei mir gibt es natürlich unterschiedliche Gefühlslagen. Der Tod eines Kindes oder eines jungen Menschen geht mir näher als der plötzliche Tod eines Achtzigjährigen. Das ist für die nächsten Angehörigen natürlich auch schlimm, denn das Ausmaß der Trauer richtet sich nicht nach dem Alter, sondern nach der Qualität einer Beziehung. Aber für mich gehört der Tod von älteren Menschen zu den Erfahrungen, die ich als Priester ja öfter mache.

 

Warum lässt Gott so etwas zu? Was sagen Sie den Menschen?

 

Diese Frage kommt als Notschrei, als Klage. Diese Frage kommt vor, aber ich verstumme. Ich glaube auch, alles andere würde von den Hinterbliebenen, von den Menschen, die diese Frage stellen, als Zynismus und Hohn aufgenommen werden, wie die Erklärungen der Freunde von Hiob. In diesem Zusammenhang geht es oft auch um die Schuldfrage. Eigentlich will man ja die Frage nach der Verantwortung oder nach der Ursache einer anderen Instanz übergeben. Die Kunst für mich ist das Aushalten des Nichterklärbaren und der Verzicht auf Worte, die nicht in der Lage sind, das Ausmaß dieses Schmerzes zu beschreiben.

 

Sie waren auch am Frankfurter Flughafen, als die Überlebenden der Tsunami-Katastrophe zurückkehrten. Wie war das für Sie?

 

Das war der zweite Weihnachtsfeiertag. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer waren nach den Feiertagen froh, etwas Ruhe zu haben. Die Feuerwehr des Flughafens hat einen Großalarm ausgelöst und viele Geistliche nicht erreicht. Wir sind abends am Flughafen eingetroffen, weil noch zwei weitere Flugzeuge mit Verletzten und Überlebenden erwartet wurden. Wir Notfallseelsorger kamen aus allen Richtungen und aus allen Konfessionen. Notfallseelsorge, das ist Ökumene. Für mich ist das eine wunderbare ökumenische Erfahrung. Hier sind wir alle ganz nah an dem dran, worum es uns allen eigentlich geht. Das ist für mich eine wichtigere Dimension von Ökumene als alles, was durch Papiere und Sitzungen vereinbart wird. Umso bedauerlicher finde ich es, dass in Frankfurt kein einziger römisch-katholischer Priester im Team der Notfallseelsorge mitarbeitet.

 

Aber zurück zum Flughafen. Wir waren in einer großen Halle. In dieser Halle standen viele Tische. In der einen Ecke war ein Sanitätsbereich, in der anderen Ecke war die Bundespolizei, die damit beschäftigt war, Dokumente auszustellen. Man muss sich vorstellen, dass da manche nur mit einer Decke ankamen, denn sie hatten alles in den Fluten verloren. Wir haben uns dann an die Tische verteilt. Die Leute drängten natürlich, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Es waren auch Angehörige da, die nach ihren Familienmitgliedern suchten. Was sich da für Szenen abgespielt haben! Es waren ganz viele organisatorische Fragen zu klären: Wann geht das nächste Flugzeug? Woher bekomme ich meine Papiere? Wo kann ich meine Wunde noch versorgen lassen? Und was geschah sonst noch dort? Eigentlich nur Erzählen und immer wieder Erzählen. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der seine Frau verloren hatte, weil in den Fluten irgendein Möbelstück gegen sie gedonnert ist. Ein Kollege hat mit einem Vater gesprochen, dessen Sohn nicht mehr wieder gefunden wurde. Ich merke, wenn ich daran denke, versagt mir die Stimme, auch nach so vielen Jahren. In der Situation selbst kann ich die Fassung einigermaßen bewahren, aber danach kommt manches Gefühl wieder hoch. Dafür ist für uns nach dramatischen Einsätzen die Supervision so wichtig.

 

Werden Sie manchmal nach Ihrer Konfession gefragt? Würden Sie einem Menschen, der römisch-katholisch ist und der im Sterben liegt, die Sakramente spenden, ohne ihm zu sagen, dass Sie alt-katholisch sind?

 

Es gab die kuriose Situation, dass eine Familie einen katholischen Priester rufen wollte, weil ihr alter Vater im Sterben lag. Sie telefonierten durch die Gegend und hatten niemanden erreicht. Überall stießen sie nur auf den Telefonbeantworter mit den Bürozeiten. In ihrer Not haben sie sich an die Leitstelle gewandt. An diesem Tag hatten zwei evangelische Kolleginnen Rufbereitschaft. Sie riefen mich an, ob ich nicht zu der Familie gehen könnte, da auch sie keinen römisch-katholischen Kollegen erreichen konnten. Dann bin ich dorthin gefahren, wir haben miteinander gebetet. Das war eine sehr dichte Erfahrung. Und schließlich wurde nachgefragt, von welcher Gemeinde ich denn sei. Fast schon entschuldigend sagte ich dann, dass ich alt-katholisch sei, aber die Angehörigen sagten nur: „Gut, dass Sie da sind.“ Ich habe danach etwas Druck gemacht, dass das bei der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf den Tisch kommt. Wenigstens einer müsste doch in Rufbereitschaft sein, wenn man einen (römisch) katholischen Priester erreichen will! Und jetzt zu der Frage der Spendung der Sakramente: Wenn ich mich bemüht habe, einen römisch-katholischen Kollegen zu erreichen, und die Angehörigen damit einverstanden sind, spende ich selbstverständlich die Sakramente. Was die Familie betrifft, von der ich gerade erzählt habe, so war diese über die römisch-katholische Kirche so verärgert und enttäuscht, dass sie mich auch noch um die Beerdigung gebeten hat.

 

Es gibt also doch auch immer wieder Gelegenheit, von Gott zu sprechen?

 

In der Notfallseelsorge gibt es immer Situationen, in der die einen gaffen und die anderen weglaufen. Und dazwischen stehe ich als Notfallseelsorger. Es geht ums Dasein, ums Aushalten der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit und um Solidarität mit der Ohnmacht und Hilflosigkeit anderer. Als Vertreter von Kirche den abwesenden Gott zuzulassen, und trotzdem noch einen Halt anzubieten, in dem dann vielleicht auch dieser abwesende Gott wieder gesucht werden könnte, das ist schwer und paradox wie der Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn ich spüre, dass die Betroffenen in ihrem Glauben Halt und Hoffnung suchen, dann knüpfe ich selbstverständlich an diese geistliche Ressource an, zum Beispiel durch ein Gebet.

 

Interview: Stephan Neuhaus-Kiefel