30 Jahre Christliche Initiative Romero

 

Wir wissen, dass niemand für immer stirbt – das waren mit die letzten Worte des Erzbischofs Oscar Romero von El Salvador, ehe er am 24. März 1980 während der Messfeier am Altar von einem gedungenen Mörder aus rechtsgerichteten Militärkreisen erschossen wurde. In seiner wenig mehr als dreijährigen Amtszeit hatte er sich zu einem entschiedenen Gegner der herrschenden politischen und militärischen Machthaber entwickelt, welche die Bevölkerung des kleinen mittelamerikanischen Landes, insbesondere die recht- und besitzlosen Bauern, unter ihrer Knute hielten. Romero machte sich wesentliche Grundsätze der Befreiungstheologie zu eigen, wonach die Kirche sich gegen eine Sozialordnung wenden muss, die „auf Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung gründet“. In seinem 2. Hirtenbrief rief er die Gläubigen dazu auf, die eigene Geschichte als einen Prozess der Erlösung zu begreifen, „der mit ihrer eigenen Befreiung beginnen soll.“

Einen Tag vor seiner Ermordung sagte er in seiner Sonntagspredigt: „Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu folgen, der gegen das Gesetz Gottes verstößt. Einem amoralischen Gesetz ist niemand unterworfen. Es ist an der Zeit, dass ihr euer Gewissen wiederentdeckt und es höher haltet als die Befehle der Sünde. Die Kirche, Verteidigerin der göttlichen Rechte und von Gottes Gerechtigkeit, der Würde des Menschen und der Person, kann angesichts dieser großen Gräuel nicht schweigen. Wir fordern die Regierung auf, die Nutzlosigkeit von Reformen anzuerkennen, die aus dem Blut des Volkes entstehen. Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag lauter zum Himmel steigen, ersuche ich euch, bitte ich euch, befehle ich euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Repression!“

Diese Stimme musste zum Schweigen gebracht werden. Der Mordbefehl wurde erteilt.

Nachdem schon bei der Beisetzung des Erzbischofs Oscar Romero ein Massaker unter den 200.000 Trauernden angerichtet wurde, kam es in der Folge zu einem zwölfjährigen Bürgerkrieg, in dem etwa 70.000 Zivilisten ums Leben kamen – eine schreckliche Entwicklung, die Romero um jeden Preis hätte verhindern wollen. Kurz vor seinem Tod hatte er noch den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter aufgefordert, seinem Land keine weitere Militärhilfe mehr zu gewähren.

 

Das Blut der Märtyrer…

 

…ist der Same der Kirche, besagt eine uralte christliche Erfahrung. Das bewahrheitete sich auch bei Oscar Romero. Schon im Jahr nach seinem Tod entstand die Christliche Initiative Romero (CIR), die bis heute mit viel Elan und Fantasie das wichtigste Vermächtnis des Erzbischofs weiterträgt, „Stimme der Armen“ zu sein. Bis heute steht auch die Verteidigung der Arbeits- und Menschenrechte in Mittelamerika im Mittelpunkt der Arbeit der CIR. Das geschieht seit Anbeginn einerseits durch die Unterstützung von Basisbewegungen und Organisationen in Nicaragua, San Salvador und Guatemala und inzwischen auch in anderen mittelamerikanischen Ländern wie Honduras und Haiti. Andererseits leistet die CIR in Deutschland Informations- und Bildungsarbeit, um auf die politische und soziale Lage der arbeitenden Menschen in den genannten Ländern aufmerksam zu machen und sie zu verbessern.

Dass die Unterstützung der mittelamerikanischen Basisbewegungen einhergehen muss mit Aufklärung und Bildung bei uns, ist für die CIR selbstverständlich. Schließlich werden die Produktionsbedingungen in den Billiglohnländern von den Machtzentren der Konzerne und Supermarktketten vorgegeben und entschieden, die in europäischem oder globalem Maßstab handeln, beispielsweise von ALDI, von adidas und anderen. Die Initiative wirft ALDI vor, das Unternehmen halte sich weder in den eigenen Filialen hierzulande noch in den Produktionsstätten in den Zulieferländern der Dritten Welt wie Bangladesh, Vietnam oder China an den vorhandenen Verhaltenskodex. Auch würden ständig Menschen- und Arbeitsrechte durch übermäßig viele und oft unbezahlte Überstunden verletzt, keine Organisationsfreiheit für die Arbeitnehmer eingeräumt und die Bildung von Betriebsräten nicht erlaubt.

 

ALDI, adidas und Co.

 

Beanstandet werden von der Christlichen Initiative Romero auch „beschämend niedrige Löhne, Frauendiskriminierung“ und anderes mehr. Zu allen diesen Punkten schlägt die CIR der Firma ALDI konkrete Schritte zur Änderung und Verbesserung der Verhältnisse vor. Käufer und Verbraucher werden aufgefordert, ihr Kauf- und Konsumverhalten zu prüfen und sich nicht nur an den günstigsten Preisen, sondern eben unter sozialen Aspekten zu orientieren. Kein Wunder, dass die Initiative ebenso wie ihr Namensgeber nicht unangefochten bleibt.

Die CIR beteiligt sich auch an der 1990 in den Niederlanden gegründeten „Kampagne für Saubere Kleidung“. Die Konzerne „von adidas bis vaude“ werden hier in mittlerweile 13 europäischen Ländern und von 300 Gruppen verschiedener Herkunft, eben auch kirchlichen, ins Visier genommen. „Sauber“ heißt, dass die Textilien auch zu „sauberen“ sozial- und arbeitsrechtlichen Mindeststandards hergestellt werden müssen und dass das Organisationsrecht der Arbeitnehmer gewährleistet wird.

 

Kinder und Frauen

 

Kinderarbeit ja – aber ohne Ausbeutung, Ausgrenzung und Misshandlung. Diesem Ziel hat sich die CIR ebenfalls verschrieben und sich dazu wiederum dem Kreis einschlägig tätiger Organisationen wie terre des hommes  angeschlossen, der unter dem Namen PRONATs („Pro los Niños y Adolescentes Trabajadores“ – „Für die arbeitenden Kinder und Jugendlichen“) auftritt. Dieser Kreis ist verbunden mit den Organisationen arbeitender Kinder in Lateinamerika, Asien und Afrika. Eine neue Kampagne startet die Initiative zum Internationalen Frauentag im März dieses Jahres. Sie will damit die Stimme für die zahllosen Frauen in Mittelamerika erheben, die männlicher Gewalt oft schutzlos ausgeliefert sind. Seit vielen Jahren bereits unterstützt die CIR in den genannten mittelamerikanischen Ländern die dortigen Frauenorganisationen bei ihrer Arbeit mit und für Frauen, die Männergewalt zum Opfer fallen. Wie auf allen anderen Tätigkeitsfeldern werden Beratungs- und Aufklärungsarbeit gefördert – für Frauen wie für Männer.

Diese keineswegs vollständige Aufzählung der Aktivitäten der Christlichen Initiative Romero zeigt, wo und wie sich die Initiative „im Namen Oscar Romeros“ präsent ist. „Presente“ heißt denn auch das viermal jährlich erscheinende Bulletin der Initiative. Der spanische Titel sagt schon, dass Mittelamerika noch immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Initiative steht. So finden sich in jedem Heft Berichte über die aktuellen politischen und sozialen Vorgänge, Entwicklungen und Probleme der Länder Mittelamerikas und der Karibik. Wer Informationen darüber aus erster Hand sucht, wie sie in den wenigsten Tageszeitungen oder anderen Medien zu finden sind, hat in „Presente“ eine erstklassige Quelle.

 

Informieren – mitmachen

 

Dazu lädt die Initiative auf Ihrer Webseite www.ci-romero.de alle ein, denen das Vermächtnis ihres Namensgebers Oscar Romero wichtig ist, „den Armen eine zu Stimme geben“, insbesondere natürlich Christenmenschen in ihrer Eigenschaft als Käufer und Konsumenten. Hier bieten sich jedenfalls irdische Möglichkeiten, um diesen Märtyrer unserer Tage „nicht für immer sterben zu lassen“. Unsere Kirche gedenkt seiner übrigens an seinem Todestag, dem 24. März.

Veit Schäfer