Wie fehlbar sind Alt-Katholiken?

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der römisch-katholischen und der alt-katholischen Kirche? – Diese Frage wird den Mitgliedern unserer Kirche oft gestellt. Gelegentlich wurde auf diese Frage von Alt-Katholiken mit selbstkritisch-ironischem Unterton und mit humorvollem Augenzwinkern geantwortet: „In der römisch-katholischen Kirche meint nur einer, dass er unfehlbar ist!“ Was natürlich zugleich aussagt, dass sich in der alt-katholischen Kirche viele für unfehlbar halten.

 

Da die alt-katholische Kirche ihr Kirchendasein begonnen hat aus Protest gegen das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes, scheint mir für unser eigenes Selbstverständnis die Frage wichtig zu sein: wie gehen wir denn selbst mit unserer Fehlbarkeit um? Wer den Unfehlbarkeitsanspruch ablehnt, kann dies ja ehrlicherweise nur tun, wenn er oder sie sich zur Fehlbarkeit aller Menschen und damit auch zur eigenen Fehlbarkeit aufrichtig bekennt. Wo erfahren wir dies ganz konkret in unserem alltäglichen Leben und in unserer alt-katholischen Kirche, dass wir unsere Fehlbarkeiten wahrnehmen und offen eingestehen? Es ist leicht allgemein zu bekennen: „Natürlich bin ich ein fehlbarer Mensch!“ Schwieriger ist es, ganz konkret, in den Situationen, in denen andere unter meinen Fehlern, meinem Versagen, meiner Gemeinheit, meiner Unachtsamkeit leiden, sich und anderen einzugestehen: „Hier habe ich mich geirrt, hier waren mein Verhalten, meine Worte verletzend und ungerecht, es tut mir von Herzen leid, ich bitte um Verzeihung, ich möchte mich darum bemühen, dass mir in Zukunft nicht wieder dieselben Fehler passieren!“

 

Die Worte und Verhaltensweisen Jesu zeigen mir, dass er die so oft verdrängte Wahrheit, dass wirklich jeder Mensch fehlbar ist, kennt und ernst nimmt.

 

Jesus weiß um diese menschliche Realität, dass in jedem und jeder von uns Gutes und Böses steckt. Ja, er selbst ist sogar so sehr Mensch, dass er auch um seine eigene Versuchbarkeit zum Bösen weiß und es ablehnt als „guter Meister“ angeredet zu werden: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen“ (Mk 10,18).

Er ist kritikfähig und lernfähig. Ein Beispiel dafür ist seine Begegnung mit der heidnischen Frau, die ihn um Heilung ihrer kranken Tochter bittet. Seine zunächst brüske Zurückweisung korrigiert er und wendet sich ihrem Anliegen zu. So vollzieht Jesus eine Kurskorrektur, indem er sein Heilswirken nicht mehr nur eng und starr auf die auserwählten Kinder des Volkes Israel ausrichtet, sondern sich als Heiland aller Menschen offenbart (Mk 7, 24-30).

 

Auffallend ist auch, dass Jesus gerade solche Menschen in seine Freundschaft ruft, über deren Fehler und Schwächen das Neue Testament ohne jede Beschönigung berichtet: einen Petrus, der dreimal verleugnet (Mk 14,66-72), einen Matthäus, der als Zöllner zu den Betrügern und Kollaborateuren der gehassten Besatzer gehört (Mt 9, 9-13), einen Paulus, der eine führende Rolle bei der Verfolgung von Christen spielt (Apg 7,56). Schwäche, Fehler, Schuld werden nicht verdrängt, sondern kommen ungeniert offen zur Sprache. Es geht ja darum, den Gott zu verkünden, der als der bedingungslos vergebende barmherzige Vater (Lk 15) seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse (Mt 5,45).

 

Wer seine Fehler nicht verdrängt, wird um so mehr aus der Erfahrung leben lernen, auf Vergebung angewiesen zu sein. Gleichzeitig wird ein aus der Vergebung lebender Mensch lernen, mit den Fehlern und Schwächen seiner Mitmenschen vergebungsbereiter und barmherziger umzugehen. Wer jedoch dazu neigt, die negativen Anteile seiner Persönlichkeit nicht ehrlich wahrzunehmen und einzugestehen, steht in der Versuchung, diese verdrängte „Schattenseite“ nach „draußen“ zu projizieren auf Sündenböcke und Feindbilder. Diese als „böse“ abgestempelten „schwarzen Schafe“ werden dann in bestimmte negative „Schubladen“ sortiert, um sie und ihr Verhalten heftig beschimpfen und verurteilen zu können. Wie oft kreisen die Gespräche um die Fehler und Unverschämtheiten der anderen. Dies ist ja auch von Vorteil: Denn so lange das Schlechte der anderen erörtert wird, stehe ich selbst nicht in der Schusslinie und kann sogar das fragwürdige Gefühl einer gewissen Überlegenheit und Empörung genießen, nach dem Motto: „Mir könnte so etwas nicht passieren! Gut, dass ich nicht so bin wie der/die da!“ (vgl. das Gebet des Pharisäers im Tempel: Lk 18,11).

 

Jesus beschreibt und entlarvt dieses selbstgerechte Verhalten der Projektion mit dem bekannten Bildwort: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders / deiner Schwester, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Mt 7, 3).

Wer also Schlechtes über andere erzählt, muss aufpassen, dass er oder sie dabei nicht auf den „Holzweg“ von Splittern und Balken gerät. Ein anderes ebenso starkes wie entwaffnendes Bildwort Jesu zu diesem Thema der Verurteilung und Schuldzuweisung anderer lautet: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!“ (Joh 8,7).

 

Die österliche Bußzeit – bekannter unter dem Namen Fastenzeit – könnte für uns zur Einladung werden, ehrlich über unsere eigene Fehlbarkeit nachzudenken, um uns der Frage zu stellen: „Wie gehe ich mit meinen Fehlern um? Wie reagiere ich auf Kritik? Mit wem kann ich vertrauensvoll darüber sprechen?“ Eine solche Besinnung hat nicht das Ziel, uns mit unseren Schwächen und unserem Versagen runterzuziehen, sondern offen zu werden für die Botschaft der Vergebung und des Neuanfangs.

 

Um Vergebung und Neuanfang geht es an Ostern (Joh 20,23). Die Verkündigung der Vergebung zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Neue Testament. Ebenso sprechen die Gebete in unseren Gottesdiensten immer wieder von der „Vergebung der Sünden“: Im Gloria, im Glaubensbekenntnis, in den Abendmahlsworten, im Vaterunser. Wer sich dieser Botschaft der Vergebung öffnet, kann in der Begegnung mit sich selbst, mit den anderen und mit Gott einen neuen Anfang wagen.

 

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben!“ (Mt 6,12). Wenn wir uns der Vergebung öffnen, dann bedeutet das zugleich, dass auch wir denen vergeben, die an uns schuldig wurden. Wer um Vergebung bittet, erklärt sich bereit, auf Rache, Nachtragen und üble Nachrede zu verzichten. Dies bedeutet ein Einüben in ehrliche Selbstwahrnehmung der eigenen Fehlbarkeit, in Kritikfähigkeit, in ein neues Verstehen, in Demut, Barmherzigkeit, Dankbarkeit und Vertrauen auf Gottes Gnade.

 

In diesem Sinn wünsche ich uns eine uns mit neuem Geist erfüllende Fasten- und Osterzeit, in der wir unsere Fehlbarkeit annehmen lernen und unsere Herzen für Gottes Versöhnung öffnen.

 

Uli Katzenbach