Schlaraffenland

Gedanken zur Österlichen Bußzeit

 

Wenn in früheren Jahrhunderten Menschen vom Paradies träumten, dann erträumten sie sich nicht selten eine Welt, deren Hügel aus Hirse und Reis sind und wo statt Wasser Milch, Honig und Wein in Strömen fließen, wo die Tiere schon vorgegart und mundfertig herum schwimmen, hüpfen und fliegen, wo die feinsten Speisen allzeit verzehrbereit an den Bäumen hängen und die Steine aus köstlichstem Käse sind. Notzeiten haben diese Träume vom Schlaraffenland geboren. Es war das Paradies der kleinen Leute, für die der Hunger zum Alltag gehörte.

 

Fleischberge und Milchseen sind in unserer Gesellschaft längst keine paradiesischen Vorstellungen mehr, sondern regelrechte Albträume. Wir leben im Überfluss. Das Schlaraffenland liegt bei uns um die Ecke und heißt Rewe, Aldi, Lidl oder Globus. Was dort an Speisen aller Art vorgehalten wird, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Denn alles muss rund um die Uhr zwölf Monate im Jahr verfügbar sein und darf zudem nichts kosten. Um das gewährleisten zu können, produzieren wir mehr Lebensmittel als wir brauchen, unter Bedingungen, die längst nicht nur den Tieren und der Natur sondern auch uns Menschen die Welt zur Hölle machen. Der jüngste Dioxin-Skandal belegt das eindrücklich.

 

„Von allen Bäumen im Garten darfst du essen“, sprach Gott zu Adam und Eva im Paradies, „nur von dem einen Baum darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, musst du sterben.“ Im Paradies, in dem Adam und Eva lebten und nach dem sich die Menschen seitdem sehnen, ist gerade nicht alles wie im Schlaraffenland für die Menschen verfügbar. Einen Baum gibt es, von dem sie nicht essen dürfen, der nicht zu ihrer Verfügung steht. Er ist die blühende Erinnerung, dass nicht die Menschen, sondern Gott höchstselbst Eigentümer des Gartens ist. Solange sie das respektieren, ist genug Lebensraum und Nahrung für alle da. Und weil das erste Menschenpaar sich als Eigentümer aufspielte und alles verzehren wollte – selbst die Früchte des verbotenen Baumes – wurde es aus dem Paradies vertrieben. Ist das aber nicht auch genau der Sündenfall unserer Gesellschaft, die meint, dass alles nur dazu da ist, von uns konsumiert, verbraucht und schließlich aus Überdruss weggeworfen zu werden?

 

„Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe!“ Dieser Ruf Jesu steht am Beginn der Fastenzeit. Es geht dabei nicht um einen moralischen Appell. Das griechische Wort für Umkehr ist meta-noein, und heißt wörtlich übersetzt „umdenken – den Sinn ändern.“ Wir sollen unsere Einstellung zu Mensch und Tier, zu Gott und Welt neu überdenken und uns neu ausrichten auf das Himmelreich, das nahe ist. Wenn Jesus uns also zur Umkehr ruft, will er uns Mut machen, darauf zu vertrauen, dass eine andere Welt möglich ist. Dann haben wir die Kraft, nicht länger die Augen zu verschließen vor der in Massentierhaltung und durch Dünger und Pestizide gequälten Kreatur. Dann verstehen wir, dass das Schlaraffenland letztlich die Hölle ist und den Tod bringt.

 

Es die Chance gerade dieser Wochen vor Ostern, immer tiefer zu verstehen, dass wir das Paradies nicht mit dem Schlaraffenland verwechseln dürfen. Es geht darum einen neuen Blick einzuüben: Tiere und Pflanzen sind nicht nur dazu da, dass wir sie konsumieren und die Ressourcen der Erde nicht, dass wir sie schnellstmöglichst verbrauchen. Eine Ahnung vom Paradies bekommen wir dort, wo Menschen die Erde, die Tiere und Pflanzen als Mitgeschöpfe achten, einander lieben und Gott allein die Ehre geben. Das Paradies ist da, wo es Liebe, Achtung und Respekt im Überfluss gibt. Das ist ein Traum nicht nur für kleine Leute. Das ist ein Traum, den Gott mit uns gemeinsam träumt. Das ist das Himmelreich, zu dem wir alle geladen sind.

 

Henriette Crüwell