„Warum knutscht ihr so gerne?“

 

Warum knutscht ihr so gerne? - So fragte mich vor kurzem jemand, der nicht alt-katholisch ist, aber schon bei so manchem alt-katholischen Gottesdienst dabei war. Zum Beispiel bei meiner Priesterweihe. Nun, ich  denke, wir knutschen nicht, aber die manchmal überschwängliche Ausführung des Friedensgrußes wurde anscheinend doch als recht befremdlich und unangenehm empfunden. Das drückt diese Übertreibung des „Knutschens“ für mich aus.

 

Eine andere Erfahrung: Nach einer Veranstaltung kam eine Frau auf mich zu und sagte: „Ich bin die Soundso. Wir sind doch alle Schwestern und Brüder.“ Eigentlich hatte sie recht. Aber dennoch fühlte ich mich durch ihr Angebot, einfach „Du“ zu sagen, etwas überrumpelt.

 

Knutschen und Duzen? Sind das wirklich alt-katholische Spezifika? Entspricht dies nicht dem Bild einer kleinen Kuschelkirche? Bei den Interviews, die ich für die Kirchenzeitung führe, habe ich mich für eine einheitliche Linie entschieden. Selbst jene, die ich persönlich duze, spreche ich in den Interviews konsequent mit „Sie“ an, gerade damit nicht der Eindruck einer Kuschelkirche entsteht. Denn schließlich wird „Christen heute“ ja auch außerhalb unseres Bistums gelesen.

 

Abstand

 

Wer umarmt oder geduzt wird, fühlt sich manchmal vielleicht auch gebauchpinselt. Es ist zum Beispiel schon was, zu einem Bischof „Du“ sagen zu dürfen. „Ihr duzt Euch?“ fragte mich jemand ganz überrascht, als ich mich bei meiner Priesterweihe vom damaligen Bischof verabschiedete. Das „Du“ mag ein Zeichen der besonderen Wertschätzung sein. Aber auf der Dienstebene ist es nicht immer ein Vorteil. Das gilt in Kirchenkreisen sicher genau so wie in der freien Wirtschaft. Man mag glücklich darüber sein, wenn man sich scheinbar äußerlich auf Augenhöhe begegnen kann. Wenn‘s dann aber mal hart auf hart kommt, bietet das „Sie“ schon einen gewissen Abstand. Ansonsten rutscht man bei Dienstverhältnissen mit dem „Du“ dann schon mal schnell auf die persönliche Ebene.

 

Einen guten Weg hat mein damaliger Direktor des Priesterseminars gewählt. Wir haben uns während des Studiums konsequent mit „Sie“ angeredet. Erst bei meiner Diakonenweihe bot er mir das „Du“ an. Mittlerweile ist da Vertrauen gewachsen, aber gleichzeitig herrscht der entsprechende Respekt. Mir ist es wichtiger, auf der Dienstebene die Dinge sachlich regeln zu können, als dass sich durch einen lockeren Umgang miteinander die Sachlichkeit eher entsprechend schwierig gestaltet.

 

Nein, wir sind keine Kuschelkirche. Bei unserer Hochzeit blieb ein Geistlicher beim Friedensgruß im Ohrring meiner Schwägerin hängen. Für sie war das recht unangenehm, denn dieser Mann war für sie völlig fremd. Und dieser Eindruck kann sich dann festsetzen und das Bild von einer offenen Kirche völlig auf den Kopf stellen. Es gibt auch Formen des Friedensgrußes, die alle mit einbeziehen und bei denen sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. In Wiesbaden versammeln wir uns zum Friedensgruß um den Altar, fassen uns an der Hand und beten zuvor das Vaterunser. Wir lassen auch eine Lücke, damit jene, die noch in der Bank sitzen, das Gefühl haben, nicht ausgeschlossen zu sein. Mit einem festen Händedruck und einem Blick in die Runde sagen wir uns den Frieden zu. Damit wird vermieden, dass sich jemand die Frage stellen muss: „Warum umarmt der Priester den da, aber mich nicht?“

 

Aufgesetzt

 

Ganz absurd wird es bei großkirchlichen Gottesdiensten, in denen sich die Geistlichen mit großem Abstand, die Hände an den Schultern des anderen festgeklammert, gegenseitig einen Friedenskuss andeuten. Und zwar zuerst über die rechte Schulter, dann links. Ich habe einmal als Ministrant die Reihenfolge geändert (vielleicht, weil ich Linkshänder bin), und mir dann von dem Priester eine Backpfeife eingeholt. Nur nicht zu nahe kommen, damit man nicht etwas Falsches denken kann! Bei dieser Form, die so fürchterlich aufgesetzt wirkt, denke ich mir: Dann lasst es doch lieber einfach bleiben! Männer umarmen sich ja sowieso nicht, um nach Stammtisch-Manier nicht in den Verdacht zu geraten, aus dem falschen Karton zu sein.

 

Wenn ich nicht jeder und jedem um den Hals falle, dann ist das kein Ausdruck von weniger Wertschätzung. Im Gegenteil! Ich kann damit auch mehr Achtung ausdrücken. Das gilt auch für das so leicht über die Lippen kommende „Du“. In Wiesbaden bin ich für manche ganz selbstverständlich der „Herr Vikar“. Interessanterweise ist es bei diesen Gemeindemitgliedern besonders einfach, ehrlich und offen konstruktive Rückmeldungen von ihnen zu bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Viel schwieriger finde ich es, sich zu umarmen, damit der Schein gewahrt wird. Damit die liturgische Form stimmt. Und anschließend wird vor der Kirchtür ordentlich abgelästert. Das ist zum Beispiel auch eine große Gewissensfrage: Wie gehe ich beim Friedensgruß mit jemandem um, mit dem ich in großem Streit lebe? Was zählt dann: die Form oder die innere Haltung? Warum sollte es mir ausgerechnet im Gottesdienst gelingen, plötzlich über meinen Schatten zu springen, auch wenn ich es vielleicht gar nicht ehrlich meine? Da piekst der Stachel des Evangeliums  dann ganz ordentlich in meinem Fleisch: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe“ (Matthäus 5, 23-24). Das gilt natürlich auch, gemäß des Beschlusses der diesjährigen Synode, für die Schwestern im Glauben.

 

Authentisch

 

Vielleicht liegt die Kunst darin, darauf zu hören, was man selbst möchte und zulassen kann, und nicht zuerst daran zu denken, was andere möglicherweise erwarten. Auch wenn es widersprüchlich klingt: Bei diesen Formen vom Umgang mit anderen muss ich zuerst einmal bei mir bleiben. Muss auf meine innere Stimme oder auf mein Bauchgefühl hören. Damit die Geste, mit der ich etwas ausdrücken möchte, auch wirklich authentisch ist. Auch auf die Gefahr hin, dass andere das nicht verstehen. So ist und bleibt halt auch die Sache mit dem Umarmen und dem Duzen eine Ansichtssache. Und die hat immer etwas mit mir zu tun.

 

Stephan Neuhaus-Kiefel