Wie viele Brote habt Ihr?

 

Diese Worte rufen uns in diesem Jahr Frauen aus Chile zu. Sie haben 2011 die Gottesdienstordnung für den Weltgebetstag vorbereitet. An jedem ersten Freitag im März sind Frauen, Männer und Kinder in über 170 Ländern eingeladen, miteinander diesen/einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern. Der Weltgebetstag ist somit die weltweit größte ökumenische Basisbewegung von Frauen. Unter dem Motto „informiert beten - betend handeln“ erleben wir, wie sich christliche Frauen in der Weltgebetstagsarbeit engagieren. Sie weiten den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, bringen ihre Gaben und Fähigkeiten ein und zeigen Solidarität mit den Menschen, insbesondere den Frauen/Schwestern weltweit. Dabei spielt die finanzielle Unterstützung der Projektarbeit eine wichtige Rolle. Aber dazu später mehr.

 

Was ist es  für ein Land?

 

Ein wunderbarer „Schöpfungsmythos“ mag uns etwas über die Entstehung Chiles erzählen: Als der Schöpfer seine in sieben Tagen erbaute Welt betrachtet, entdeckt er allerorten noch übrig gebliebene Reste: Urwaldstücke, Wüstenfetzen, Flussschlingen, Wasserfälle, Kupferberge, Vulkane, Fjorde, Eis. So schütteten die Engel auf sein Geheiß all dies hinter einem langen Wall – den Anden – zusammen. Und es entstand Chile, das vielgestaltigste Land unseres Planeten.

 

Wenn man Chile, dieses „spannenlange Land“ „am Ende der Welt“ genauer betrachtet, dann versteht man wohl, was dieser Schöpfermythos ausdrücken will. Es ist diese unglaubliche Fülle an unterschiedlichen Vegetationszonen, die dieses Land so reizvoll macht. Chile ist ein Land der Extreme. Das wird allein schon durch die markante geografische Lage deutlich. Über 4300 km lang erstreckt sich dieses Land zwischen Pazifik und Anden – im Durchschnitt nicht einmal 180 km breit.

 

Diese natürlichen Grenzen, die Chile umgeben, prägen das Land bis heute. Die Anden, mit ihren Gipfeln oft über 6000m hoch, nur mühsam und meist nur im Sommer zu überqueren, bilden die Grenze zum Osten hin. Hinter unzähligen Vulkanen lassen sie nur einen kleinen Landstreifen, der zum Meer abfällt. Dort, wo die verschieden Erdplatten sich immer wieder übereinander schieben. Das sorgt heute noch für Vulkanausbrüche und Erdbeben.

 

Der Norden

 

Am besten lässt sich Chile zunächst geografisch und klimatisch erschließen.

Der sogenannte Große Norden Chiles („Norte Grande“) ist, außer durch seine Handels- und Küstenstädte, vor allem bekannt durch die Atacama-Wüste. Sie liegt auf einer Hochebene und es heißt, sie sei die trockenste Wüste der Welt. Doch zu ihr gehören auch die Wasserfontänen der Geysire und viele Salzseen, an denen unzählige Flamingos zu Hause sind. Unter der Erde steckt großer Reichtum: Kupfer, Gold, Silber und später auch Salpeter wurden hier abgebaut. Wir erinnern uns alle an das Grubenunglück in der Kupfermine San José im vergangenen Jahr. Die Bilder aus der Atacama-Wüste haben uns über Wochen begleitet, bis das Wunder wahr wurde und alle 33 Männer gerettet waren. Auf dem Altiplano, einem über 4000m hohen Plateau, finden wir in weit verstreuten Siedlungen auch die indianischen Dörfer der Aymaras. Ihre indigene Sprache ist die am meisten verbreitete weltweit.

 

Weiter in südlicher Richtung schließt sich der „Kleine Norden“ („Norte Chico“) an. Mit seinen unwirtlichen Bergketten ist auch er reich an Bodenschätzen. Doch in der klaren Luft dieser Gegend findet sich mit „La Silla“ eine der wichtigsten Sternwarten der Welt. Die Provinzhauptstadt La Serena ist die zweitälteste spanische Siedlung. Sie glänzt vor allem durch architektonisch ungewöhnliche Eleganz. Die kilometerlangen Sandstrände und die fruchtbaren Flussoasen bilden den Kontrast zu den wüstenähnlichen Landschaften. Es ist das Tal des Elqui, in dem Pisco, das Nationalgetränk der Chilenen – ein Schnaps aus Muskatellertrauben - hergestellt wird.

 

Zentrum und Süden

 

Die Zentralregion („Zona Central“) um Santiago de Chile ist wohl die fruchtbarste Gegend des Landes. Hier wachsen Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Orangen, Zitronen, Weizen und vor allem auch der weit über Chile hinaus bekannte chilenische Wein.

In der Hauptstadt Santiago de Chile leben mittlerweile etwa 6 Millionen Menschen. Das sind fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung Chiles. Santiago hat sich von der Kolonialstadt Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer modernen, aufgeschlossenen, kosmopolitisch und kulturell aktiven Metropole entwickelt. Es hat sich zum Zentrum der stabilsten Wirtschaftsmacht in Südamerika gemausert. Nicht unerwähnt sollte Valparaíso bleiben, jener farbige Küstenort, an dem sich die Künstler des Landes einfinden und entfalten. 

 

Südlich von Santiago geht die Zentralregion in den „Kleinen Süden“ über. Über 600 km lang erstreckt sich fruchtbarstes Gebiet die Küste hinunter - idyllisch schön. Blaugrüne Seen unter gleißenden Vulkanen, Lavendelfelder und große Viehherden kennzeichnen die Landschaft. Sie ist Heimat der Mapuche, der größten indigenen Bevölkerungsgruppe Chiles. Immer wieder mussten und müssen die Mapuches („Volk der Erde“) bis heute für ihre Rechte, ihr Land und ihre Traditionen eintreten.

 

Und dann der „Große Süden“ („Patagonien“), jene dünn besiedelte Fläche mit ihren Tausenden von Fjorden, Eisgletschern und Pinguinen, die sich darauf tummeln. Bis hinunter nach Feuerland, dem Symbol für Abenteuer und Wildnis. Was für ein Land!

 

Geschichte

 

Die Geschichte Chiles reicht weit zurück. Über 14 Jahrtausende ist es her, dass sich Urvölker auf dem Gebiet des heutigen Chile ansiedelten. Doch erst im 15. Jahrhundert n. Chr. eroberten die Inkas nach und nach das Land, scheiterten allerdings am Widerstand der Mapuches im Süden. Diese hatten bislang keinen Staat, schlossen sich allerdings immer wieder bei Gefahr und Krieg zusammen.

 

Nach Magellan 1520 kam mit Pedro de Valdivia ein weiterer Europäer auf einer seiner Expeditionen 1541 nach Chile. Er gründete an den Ufern des Mapocho-Flusses zunächst Santiago als Hauptstadt des neuen Landes und ließ weitere Städte folgen. Nach etlichen Kämpfen und Widerständen gestanden die Spanier 1641 im Vertrag von Quillin die Existenz einer unabhängigen Mapuche-Nation zu. Den Rest des Landes aber kontrollierten sie.

1810 bildete sich die erste chilenische Regierung, aber erst 1818 war die Kolonialzeit wirklich zu Ende. Mit der Verfassung von 1833 begann für Chile eine neue Entwicklung als Präsidiale Republik und als Rechtsstaat. Das Land erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Förderung von Salpeter und Kupfer. Gleichzeitig ging es in Kriegen immer wieder um Ressourcen und Grenzziehung.

 

Chile ist Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und führte 1949 das Frauenwahlrecht ein. 1970 wurde Salvador Allende in freien Wahlen zum Präsidenten gewählt. Allerdings hatte er lediglich 36 Prozent der Stimmen, was es für ihn schwierig machte, sein sozialistisches Programm umzusetzen.

1973 begann für Chile die furchtbare Zeit der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet. Unterstützt vom amerikanischen Geheimdienst CIA stürzte das Militär unter seiner Führung Allende und übernahm die Macht für fast 17 Jahre. Während dieser Zeit wurden unzählige Menschen ermordet, verhaftet, gefoltert oder „verschwanden“ spurlos. Viele flohen ins Exil. Sie machten von dort aus aufmerksam auf die grausamen Menschenrechtsverletzungen in der Heimat. Der Unterdrückung zum Trotz fanden sich immer wieder Zeichen der Solidarität unter den Menschen in Chile. In den sogenannten Suppenküchen bekamen die Menschen neben Nahrung auch die Möglichkeit, Sorgen und Nöte zu teilen.

 

Ein Volksentscheid 1988 ließ keine Wiederwahl Pinochets mehr zu. So ging aus den freien Wahlen 1989 das breite Mitte-Links-Bündnis Concertatión als Sieger hervor. Ein Christdemokrat wurde Präsident. Es gelang ihm und seinen Nachfolgern nach und nach, den Einfluss des Militärs zurückzudrängen. Pinochet war jedoch noch bis 1998 Chef des Militärs.

 

Heute ist mit Sebastían Pinera ein rechtsgerichteter Präsident Nachfolger der Sozialistin Michelle Bachelet im höchsten Staatsamt.

 

Die Mehrheit der 17 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung in Chile sind sogenannte Mestizen; ca. 20 Prozent sind direkte Nachfahren europäischer Einwanderer. Englische, irische und deutsche Siedler emigrierten Anfang des 19. Jahrhunderts nach Chile. Nur etwa 4,6 Prozent gehören zur indigenen Bevölkerung. Sie haben ihre eigene Sprache, während Spanisch die offizielle Amtssprache ist.

 

Chile – Land der Extreme

 

Dank seiner Rohstoffe – heute vor allem Kupfer, Holz und Fisch – ist Chile das reichste Land Lateinamerikas. Von dieser wirtschaftlichen Situation profitieren aber nicht alle. Für die Mehrheit der Menschen im Land ist sie nicht spürbar. Etwa 2,5 Millionen davon leben in Armut, das sind etwa 14 Prozent. Die Gräben zwischen Arm und Reich werden immer größer. Da nützt es auch nichts, dass der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 230 Euro liegt, da Hunderttausende ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind. Private und transnationale Konzerne bestimmen die export-orientierte Richtung, die meist zu Lasten von Natur und/oder Arbeitskräften geht.

 

Früher war die Hochseeschifffahrt für Chile von großer Bedeutung. Mittlerweile ist die Situation ambivalent. Der Konflikt zwischen Globalisierung und traditioneller Wirtschaft wird deutlich. Kleinfischer kämpfen um ihre Existenz, weil multinationale Großschiffe die Meere leer fegen. 2009 erlitt die chilenische Lachsproduktion im Süden einen herben Einschnitt. Sie brach wegen eines Virus komplett zusammen.

Das ruft auch die Umweltschützer auf den Plan. Sie kritisieren neben den Monokulturen auch den Raubbau an der Natur. Immer wieder werden in diesem Zusammenhang vor allem auch die indigenen Völker benachteiligt oder gar aus ihrem Lebensraum verdrängt. Markantes Beispiel dafür ist das Wasserkraftprojekt am Biobio-Fluss.

 

Extreme Ungleichheit macht sich ebenso im Bildungsbereich bemerkbar. Nur wer Geld hat, kann sich eine gute Ausbildung leisten. Und auch wenn das dreigliedrige Schulsystem kostenfrei ist, das Niveau der privaten Schulen ist deutlich höher.

 

Ähnliches wird bereits in den Kindergärten deutlich. Auch die Entscheidung für Uni oder qualifizierte Ausbildung hängt sehr von den finanziellen Möglichkeiten ab. In sozial schwachen Gebieten sind Lehrerinnen und Lehrer oft schlecht bezahlt, unmotiviert oder überfordert. Unter den Schülerinnen und Schülern gibt es hohe Fehlzeiten und Schulabbrüche. In den vergangenen Jahren sind manche Besserungen erkennbar, aber Chancengleichheit für alle ist noch lange nicht erreicht.

 

Einige kirchliche Organisationen versuchen dem entgegen zu wirken. Sie ermöglichen Jugendlichen neue Lebensperspektiven. Sie haben zum Beispiel die Chance, in einer ökumenischen Stiftung eine Ausbildung in den Bereichen Metall, Gärtnerei oder Gastronomie zu machen.

 

Frauen

 

Aber auch die Tatsache, dass in Chile über 13,6 Prozent aller 14jährigen Mädchen bereits Mütter sind und 40.000 Neugeborene Mütter haben, die jünger als 19 Jahre sind, macht die Diskussion um eine gute Schul- und Ausbildung nicht einfacher.

Dazu kommt der in Chile so ausgeprägte „Machismo“ (das heißt die in den Köpfen vieler Menschen verankerte Höherwertigkeit des Männlichen). Auf ganz unterschiedlichen Ebenen wird die patriarchale Struktur deutlich. Am extremsten zeigt sie sich in der Gewalt gegen Frauen. „Die innerfamiliäre Gewalt ist eines der größten Probleme des Landes“, so Patricia López von der staatlichen Frauenbehörde. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzen. „No + Femicidio“- Kein Frauenmord mehr, das machen Frauen und Männer bei ihren Protestaktionen deutlich. Allein 2009 wurden 55 Frauen ermordet als Opfer von häuslicher Gewalt. Eine eindrückliche Kundgebung erinnerte an sie.

Frauen kämpfen auf allen Ebenen für ihre Rechte. So wurde z. B. erst 2003 das Recht auf Scheidung legalisiert. Durch die Wirtschaftskrise geraten auch Chiles Rollenbilder ins Wanken. Da die Männer ihre Familien nicht mehr länger ernähren können, tun sich Frauen zusammen und entwickeln neue Geschäftsideen.

 

Mit Unterstützung des methodistischen Sozialdienstes SEDEC etwa erhalten Frauen durch den Aufbau einer Polsterwerkstatt die Möglichkeit zur eigenständigen Existenzsicherung. Ein Heilkräuterprojekt hingegen bietet vor allem den indigenen Frauen eine Einkommensperspektive. Es ermöglicht ihnen den Gebrauch alternativer und kostengünstiger Hausmittel. Das chilenische Gesundheits- und Altersversorgungssystem ist diesbezüglich ohne Solidaritätsgedanken. Es orientiert sich am Markt, so dass Arme und Indigene sich kaum einen Arzt oder Medikamente leisten können. Die Projekte schenken den Frauen neue Perspektiven. SEDEC leistet praktische Hilfe und wird dabei auch vom Deutschen Weltgebetstagskomitee unterstützt und begleitet.

 

Die nordchilenische Hafenstadt Iquique hingegen ist Anlaufpunkt für viele Migrantinnen. Gerade Frauen aus den Nachbarländern Peru und Bolivien suchen hier Arbeit in Privathaushalten. Die Römisch-Katholische Kirche hat hier eine Migranten-Pastoral eingerichtet, die die Frauen auf ihre Aufgaben vorbereitet.

 

Kirche

 

Das kirchliche Leben prägt in Chile Leben und Gesellschaft. Die Römisch-Katholische Kirche stellt mit ca.70 Prozent den größten Anteil, etwa 15 Prozent gehören zu den protestantischen Glaubensgemeinschaften. Deren Einfluss ist durch die Freikirchen (vor allem auch die Pfingstkirchen) stetig gewachsen. Mittlerweile ist der Reformationstag am 31. Oktober als evangelischer Feiertag staatlich anerkannt. Über acht Prozent der Chilenen fühlen sich religionsfrei. Daneben gibt es kleinere Glaubensgemeinschaften, auch Juden und Muslime. Die indigenen Völker leben ihre gewachsenen Traditionen und Bräuche.

 

Für den Weltgebetstag 2011 haben 40 Frauen aus acht verschiedenen Konfessionen den Gottesdienst vorbereitet. Zur großen geografischen Herausforderung, die Frauen des chilenischen WGT-Komitees über so riesige Entfernungen zusammen zu bringen, kam die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Sie haben sich der Aufgabe gestellt. Sie haben die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen ins gemeinsame Beten hineingelegt. Sie laden uns ein mit der Frage: Wie viele Brote habt ihr? Was haben wir zu verteilen, zu geben und zu empfangen...?

 

Brot

 

Brot ist das elementarste Lebensmittel in Chile und darf bei keiner Mahlzeit fehlen.

Manchmal ist es das einzige. Doch es ist verbunden mit der Geschichte und wird in Gesellschaft zubereitet, geteilt und gegessen. In den Bibelstellen der Liturgie finden sich die Chileninnen wieder: Die Realität der ungleichen Verteilung der Güter, die Suche nach dem Lebensnotwendigen und die Lebenspraxis des Teilens.

Für sie stecken Hoffnungshorizonte in der Erzählung von der Witwe von Sarepta (1 Kön 17,1-16) und im Wunder der Brotvermehrung (Mk 6,30-44).

Das verheerende Erdbeben im Februar 2010 hat solche Solidarität untereinander und füreinander wieder neu aufleben lassen. Dabei geht es über die „Ernährungssicherheit“ hinaus zur „Ernährungssouveränität“. Sie bedeutet das Recht von Menschen und Staaten auf die Entwicklung und den Erhalt ihrer kulturell adäquaten Möglichkeiten zur Nahrungssicherung.

 

Wir sind eingeladen, diesen Weltge-betstag mit zu feiern.

Wir sind aufgerufen, unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

Wir sind reich beschenkt von den chilenischen Frauen.

Nehmen wir das Geschenk an und feiern mit Lust und Kreativität  diesen ökumenischen Gottesdienst, der sich am ersten Freitag im März wie ein Bogen um die Welt spannt.

 

Christine Rudershausen

Delegierte für baf im Deutschen WGT-Komitee und seit 2010 auch Mitglied im Bundeswerkstatt-Team