Groß denken

 

In den letzten Jahren geschieht in unserem Bistum sichtbar etwas, was mich beglückt: Da werden Kirchen gebaut und renoviert, da suchen Gemeinden neue und größere Räume. Über Jahrzehnte, eigentlich seitdem der Schwung des Anfangs nach der Kirchengründung verebbt war, war es immer nur zurück gegangen; die Gemeinden wurden kleiner und ihre Mitglieder im Schnitt älter, Pfarreien wurden nicht mehr mit einem Pfarrer besetzt oder aufgelöst, Kirchen wurden aufgegeben und müssen es zum Teil immer noch werden. Vielerorts herrschte Katerstimmung nach dem Motto: Wir sind so arm, so klein, so wenige. Und nun das! Neue Kirchen werden gebraucht und auch gebaut. Neue Gruppen entstehen, geistliches Leben blüht auf. Was macht den Unterschied?

 

 

 

Von der Idee gepackt

 

Ich glaube, es braucht Menschen, die überzeugt sind, mit der alt-katholischen Idee auf etwas ganz Wertvolles gestoßen zu sein, das sie selbst und viele andere Menschen sehr bereichern kann – ganz unabhängig davon, ob die Begegnung schon als Kind oder erst später im Leben geschah. Wer denkt, alt-katholisch Sein sei eben eine weitere, eher unbedeutende Spielart des Christentums, wird keine Menschen anregen können, das interessant zu finden und es sich einmal anzuschauen. Es braucht schon Leute, die meinen, das Alt-katholische sei eine geniale und notwendige Variante von Christsein und katholisch Sein, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe.

Ich erinnere mich, als vor 20 Jahren in der Gemeinde Weidenberg in Oberfranken die Erkenntnis reifte, dass die Gemeinde für ihr Überleben – es gab nur vier Kinder in der Gemeinde und fast die Hälfte der Mitglieder war über 65 – ein Standbein in Bayreuth als der größten Stadt des Gemeindegebietes braucht, dass damals ein junges Paar bei mir angerufen hat. Sie interessierten sich für unsere Kirche. Ich habe sie zu einem Gespräch besucht und musste ihnen sagen, dass ich ihnen nicht viel Reales anbieten kann, jedenfalls nicht vor Ort in der Stadt. „Aber“, habe ich ihnen gesagt, durchaus ein bisschen verzweifelt, denn viel lieber hätte ich ihnen eine tolle Gemeinde präsentiert, „wir haben einen genialen Bauplan für eine Gemeinde und ich suche Leute, die mitbauen.“ Anstatt fortzulaufen haben diese Leute gesagt: „Das gefällt uns, da machen wir mit.“ Das war der Anfang der Filialgemeinde Bayreuth. Solche Leute sind Gold wert, und erstaunlicherweise gibt es sie.

 

Wirklich wollen

 

Nun reicht natürlich der Idealismus allein noch nicht; er muss schon auch in Tatkraft münden. Aber zuerst kommen die Träume. Ich muss mir ja ausmalen, was ich gern hätte, und zugleich gilt es die Antennen auszufahren, um Menschen zu entdecken, die mitmachen und uns unterstützen könnten – und Ansatzpunkte und Projekte und passende Räumlichkeiten. Da darf nicht zu früh die Schere im Kopf arbeiten: „Das geht ja sowieso nicht“ oder „das haben wir doch alles schon probiert“ sind tödliche Sätze für alles Zukunftsträchtige.

Das ist ein schwieriger Punkt, denn in jeder Gemeinde gibt es natürlich Menschen, die gerne fantasieren und mutig Dinge ausprobieren wollen und solche, die Sorge haben, dass man sich auf ein riskantes und kostspieliges Abenteuer einlässt, das nur schadet. Beide Seiten sind wichtig, denn die Ersteren haben die Ideen und ohne sie gäbe es nur Stagnation, letztere bewahren die Gemeinde vor leichtsinnigen Experimenten. Aber hier ist es notwendig, dass die Ideenreichen erst einmal denken und spinnen dürfen und dass sie so viel Enthusiasmus aufbringen, dass sie die Zögernden ein Stück weit mitreißen können. Und wenn man dann weiß, was man gerne hätte und wenn man dann so viel Geschmack an der Idee gefunden hat, dass man sie wirklich umsetzen will, dann ist es Zeit, nüchtern zu überlegen, wie das denn geschehen kann.

 

Dazu, dass man etwas wirklich will, gehört für mich auch, dass ich auch entsprechend dafür eintrete. Damit meine ich nicht, dass ich die Werbetrommel dafür rühre, was natürlich auch nötig ist. Ich meine, dass ich auch nach außen hin selbstbewusst dafür einstehe, dass das gut ist, was ich vorhabe. Ich nenne ein Beispiel, das nun auch schon etliche Jahre zurück liegt: Als in der neu entstandenen Bayreuther Filialgemeinde der Anteil der Studierenden immer höher wurde und schließlich etwa zwei Drittel der Gottesdienstgemeinde ausmachte, entstand die Idee, eine Hochschulgemeinde zu gründen und an der Universität mit Studierenden zu arbeiten. Prozentual war der Anteil hoch, und deshalb waren es für uns viele; in absoluten Zahlen waren es natürlich immer noch wenige, vielleicht 15 Leute.

 

Wenn wir nun auf die beiden großen Hochschulgemeinden zugegangen wären und ihnen gesagt hätten, dass wir eine kleine Gruppe alt-katholischer Studierender sind, und ob sie wohl etwas dagegen hätten, wenn wir auch ein bisschen Hochschularbeit machen, dann wäre gewiss nichts daraus geworden. Also sind wir hingegangen und haben gesagt, dass es jetzt auch eine A-KSG gibt, eine Alt-katholische Studentinnen- und Studentengemeinde, und dass wir künftig mit ESG und KHG zusammenarbeiten wollen, weil uns die Ökumene wichtig ist. Die „Großen“ kamen gar nicht auf die Idee, uns die Zusammenarbeit zu verweigern, warum auch, und so hat sich ein Projekt ergeben, das immerhin über zehn Jahre lang getragen hat; dann ist es eingeschlafen, weil das Gros die Studienzeit hinter sich hatte und von unten nicht mehr viele nachkamen. So manche und mancher heute in unserem Bistum Aktive ist aus der einstigen A-KSG Bayreuth hervorgegangen. Natürlich könnte man die Meinung vertreten, das Experiment sei gescheitert, weil es die A-KSG ja heute nicht mehr gibt, aber ich denke, für eine gewisse Zeit war es ein gutes Projekt und insofern ist es nicht gescheitert. Es war dann einfach später anderes dran.

 

Zieht den Kreis nicht zu klein

 

Viele Kirchen und Gemeinderäume in unserem Bistum wurden in der Nachkriegszeit gebaut oder wieder erbaut. Wenn man einmal vom Hohen Dom in Rosenheim absieht, sind die meisten dieser Gebäude eher bescheiden. Insbesondere die „Gemeindesäle“ haben manchmal die Größe eines Esszimmers und sind mit 12 Personen schon überfüllt. Das hat natürlich mit den geringen Finanzmitteln zu tun, die damals vorhanden waren – ein Problem, das sich seither nicht wirklich geändert hat. Aber es ist nicht nur das. Häufig hat auch eine Rolle gespielt, dass die Planer zu klein gedacht haben. Die Überlegung war: Da kommen gewöhnlich 12 Leute, also bauen wir so, dass es für 12 Leute reicht. Sie kamen aber gar nicht auf die Idee, dass vielleicht mal Zeiten kommen könnten, in denen 24 oder 60 Menschen kommen wollen! Das ist eine kaum überwindbare Grenze. Wenn wir nicht für möglich halten, dass mehr Menschen kommen, dann kommen auch nicht mehr. Mit unseren Gedanken fängt alles an.

 

Dabei geht es mir nicht um Größenwahn. Viel zu große Gebäude, in denen wir uns verlieren und die wir nicht unterhalten können, nützen uns ebenso wenig wie große Projekte, die wir dann nicht stemmen können. Aber wir sollten uns nicht den Spielraum beschneiden.

 

 

 

Langer Atem

 

Über eines müssen sich alle klar sein, die in irgendeiner Weise Gemeindeaufbau betreiben wollen, sei es, indem sie eine Kirche bauen oder indem sie eine Jugendarbeit aufbauen oder indem sie eine neue Gemeinde gründen oder ein soziales Projekt umsetzen: Die meisten Versuche und Ansätze auf dem Weg zur Verwirklichung der Idee scheitern. Es gibt einfach Fehleinschätzungen. Es gibt tolle Ideen, die keinen Hund hinter dem Ofen vorlocken. Es gibt Strohfeuer, Angebote, zu denen die ersten drei Mal viele Leute kommen und beim vierten Mal bleiben sie plötzlich aus. Deshalb wird nur durchhalten, wer einen langen Atem hat. Denn wenn wir es lang genug probieren, stoßen wir auf das Angebot, das einschlägt und Menschen anzieht, zumindest eine Zeit lang. Nach meiner Erfahrung gibt es immer wieder neue Ansätze; sie kommen zu uns wie ein Geschenk, wenn wir nur die Augen offen halten.

 

Und vielleicht, nein sicher, ist es tatsächlich ein Geschenk. Als bei der Synode die Liste ausgeteilt wurde, aus der sich die zahlenmäßige Entwicklung der einzelnen Gemeinden ersehen ließ, fiel mir auf, dass die Gemeinde Baden-Baden in wenigen Jahren um über 100 Mitglieder gewachsen ist und sich dadurch um die Hälfte vergrößert hat. Auf meine Frage, wie denn so ein großartiges Wachstum zustande gekommen ist, hat Pfarrer Hans Vogt verschmitzt lächelnd geantwortet: „Beten, beharrlich beten!“ Nun, ich vermute, das war nicht der einzige Faktor, der da eine Rolle gespielt hat, und vielleicht erzählt mir ja noch mal jemand davon, was sonst noch beigetragen hat, aber ich bin sicher, dass die Antwort richtig ist. Dass wir bei allem um den Segen Gottes bitten und nicht meinen, wir müssten alles selbst schaffen, das ist notwendig für das Gelingen. Und ich bin überzeugt, wenn es uns um das Leben der Gemeinde geht und um das Schaffen von Möglichkeiten dafür und nicht um unseren Ehrgeiz und darum, uns Monumente zu bauen, dann wird Gott seinen Segen auch dazu geben.

 

Gerhard Ruisch